Moses Mendelssohn.
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Richtig!
Im Schlafe selbst arbeiten die Lebenskräfteschon an der künftigen Erwachung, so wie sieim wachenden Zustande den künftigen Schlafvorbereiten.
Dieses ist nicht zu leugnen.
Und überhaupt, wenn ein Zustand natür-licher Weise auf sein Widerspiel erfolgen soll,wie solches beh allen natürlichen Veränderungengeschiehet: so müssen die stets wirksamen Kräfteder Natur schon vorher an dieser Veränderunggearbeitet, und den vorhergehenden Zustandgleichsam mit dem zukünftigen beschwängcrthaben. Folget nicht hieraus, daß die Naturalle mittlern Zustände mitnehmen muß, wennsie einen Zustand mit seinem Widerspiel ab-lösen will?
Ganz unleugbar.
Ueberlege es wohl, mein Freund! damithernach kein Zweifel entstehe, ob nicht Anfangszu viel nachgegeben worden. Wir erfodern zujeder natürlichen Veränderung drcperlep: einenvorhergehenden Zustand des Dinges, das ver-ändert werden soll; einen darauf folgenden, derjenem entgegengesetzt ist; und einen Uebergang, 25oder die zwischen beiden liegenden Zustände, dieder Natur von einem auf den andern gleichsamden Weg bahnen. Wird dieses zugegeben?
Ja, ja! rief Cebes. Ich sehe nicht ab, wieman an dieser Wahrheit sollte zweifeln können. 30
Laß sehen, erwiederte Sokrakcs, ob dir fol-gendes eben so unleugbar scheinen wird. Michdünkt, alles Veränderliche könne keinenAugenblick unverändert bleiben; son-dern , indem die Zeit ohne zu ruhen forteilet, 35und das Künftige beständig zu dem Vergange-nen zurück sendet, so verwandelt sie auch zu-gleich alles Veränderliche, und zeigt es jedenAugenblick unter einer neuen Gestalt. Bist dunicht auch dieser Meynung? Cebes! 40
Sie ist wenigstens wahrscheinlich.
Mir scheinet sie unwidersprechlich. Dennalles Veränderliche, wenn es eine Wirklichkeit,und kein bloser Begriff ist, muß eine Krafthaben, etwas zu thun, und ein Geschicke, etwas 45zu leiden. Nun mag es thun oder leiden, sowird etwas an ihm anders, als es vorhin ge-wesen: und da die Kräfte der Natur niemalsin Ruhe sind: was könnte den Strom der Ver-gänglichkeit nur einen Augenblick in seinem Lauste 50hemmen?
Jtzt bin ich überzeugt.
Das thut der Wahrheit keinen Eintrag, daßuns gewisse Dinge oft eine Zeit lang unverän-dert scheinen; denn scheinet uns doch auch eine 55Flamme eben dieselbe, und dennoch ist sie nichtsanders, als ein Feucrstrom, der aus dem bren-nenden Körper ohne Unterlaß empor steigt, undunsichtbar wird. Die Farben kommen unsernAugen öfters wie unverändert vor, und gleich- 60wohl wechselt beständig neues Sonnenlicht mitdem vorigen ab. Wenn wir aber die Wahrheitsuchen, so müssen wir die Dinge nach der Wirk-lichkeit, nicht aber nach dem Sinnenschein be-urtheilen. 05
Beym Jupiter! versetzte Cebes, diese Wahr-heit öffnet uns eine so neue als reizende Aus-sicht in die Natur der Dinge. Meine Freunde!fuhr er fort, indem er sich zu uns wandte, die
Anwendung von dieser Lehre auf die Naturunserer Seele scheinet die wichtigsten Folgen zuversprechen.
Ich habe noch einen einzigen Satz voraus5 zu schicken, versetzte Sokrates, ehe ich auf dieseAnwendung komme. Das Veränderliche, habenwir eingestanden, kann keinen Augenblick unver-ändert bleiben; sondern, so wie die vergangeneZeit älter wird, so wächst auch die aneinander10 hängende Reihe der Abänderungen, die da ge-wesen sind. Nun überlege, Cebes! folgen dieAugenblicke der Zeit in einer getrennten oderstärigcn Reihe auf einander?
Ich begrciffe nicht, sprach Cebes, was du15 sagen willst. —
Beyspiele werden dir meine Gedanken deut-licher machen. Die Fläche des stillen Wassersscheinet uns in einem fortzugehen, und jedesWassertheilchen mit denen, die umher sind,20 gemeinschaftliche Grenzen zu haben; da hin-gegen ein Sandhügel aus vielen Körnlein be-stehet, deren jedes seine eigene Grenzen hat.Richt?
Dieses ist begreiflich.
Wenn ich das Wort „Cebes" ausspreche,folgen hier nicht zwo vernehmliche Sylben aufeinander, zwischen welchen keine dritte anzu-treffen ist?
Richtig!
Das Wort „Cebes" also gehet nicht ineinem fort; sondern die Sylben, aus welchenes bestehet, folgen in einer unflätigen Ver-bindung auf einander, und jede hat ihre eigeneGrenzen.
Richtig!
Aber in dem Begriffe, den mein Geist mitdiesem Worte verbindet, gibt es auch hierTheile, die ihre eigene Grenzen haben?
Mich dünkt, nein!
Und mit Recht, denn alle Theile und Merk-male eines , zusammengesetzten Begriffes fliestenso in einander, daß sich keine Grenzen angebenlassen, wo dieses aufhört, jenes anfängt, siemachen also zusammen ein stätiges Ganze aus;da hingegen jede Sylbe ihre bestimmten Gren-zen hat, und ihrer viele, die zusammenkommen,ein Wort ausmachen, in einer unflätigen Reiheauf einander folgen.
Dieses ist vollkommen deutlich.
Ich frage also von der Zeit: Ist sie mitdem ausgesprochenen Wort, oder mit dem Be-griffe zu vergleichen? Folgen ihre Augenblickein einer stätigen, oder unflätigen Ordnung aufeinander?
In einer stätigen, erwiederte Cebes.Freylich, versetzte Simmias; denn durch dieFolge unserer Begriffe erkennen wir ja die Zeit;wie ist es also möglich, daß die Natur der Folgein der Zeit und in den Begriffen nicht einerleyseyn sollte?
Die Theile der Zeit, fuhr Sokrates fort,gehen also in einem fort, und haben gemein-schaftliche Grenzen?
Richtig!
Das kleinste Zeittheilchen ist eine solche Folgevon Augenblicken, läßt sich in noch kleinere Theilezerlegen, die immer noch alle Eigenschaften derZeit behalten Nicht?
Es scheinet.