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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
317-318
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Moscs Mendelssohn.

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Es giebt also auch keine zwen Augenblicke,die sich einander die nächsten sind. das heißt,zwischen welchen sich nicht noch ein dritter ge-denken ließe?

Dieses folget aus dem Zugestandenen.

Gehen die Bewegungen und überhaupt alleVeränderungen in der Natur, nicht mit der Zeitin gleichen Schritten fort?

Ja!

Sie folgen also, wie die Zeit, in einer stä-tigen Verbindung auf einander?

Richtig!

Es wird daher auch keine zween Zuständegeben, die sich einander die nächsten sind, dasheißt, zwischen welchen nicht noch ein dritteranzutreffen sey?

Es scheinet also.

Unsern Sinnen kömmt es freylich so vor,als wenn die Veränderungen der Dinge ruck-weise geschähen, indem sie solche nicht eher, alsnach merklichen Zwischenzeiten wahrnehmen;allein die Natur gehet nichts desto wenigerihren Weg, und verändert die Dinge allmälig,und in einer stätigen Folge auf einander. Derkleinste Theil dieser Folge ist selbst eine Folgevon Veränderungen; und man mag zweenZustände so dicht an einander setzen, als manwill, so giebt es immer noch einen Uebergangdazwischen, der sie mit einander verbindet, derder Natur von einem auf den andern gleichsamden Weg zeigt.

Ich begreifst dieses alles sehr wohl, sprachCebes.

Meine Freunde! rief Sokratcs, itzt ist esZeit, uns unserm Vorhaben zu nähern. Wirhaben Gründe gesammelt, die für unsere Ewig-keit streiten sollen, und ich verspreche mir einengewissen Sieg. Wollen wir aber nicht, nachGewohnheit der Feldherren, ehe wir zum Tref-fen kommen, unsere Macht noch einmal über-sehen, um ihre Stärke und Schwäche desto ge-nauer kennen zu lernen?

Apollodorus bath sehr um eine kurze Wie-derholung.

Die Sätze, sprach Sokratcs, deren Rich-tigkeit wir nicht mehr in Zweifel ziehen, sinddiese:

1) Zu einer jeden natürlichen Veränderungwird dreycrley erfordert: 1> Ein Zustandeines veränderlichen Dinges, der aufhören,2j ein anderer, der seine Stelle vertretensoll, und 3- die mittlern Zustände, oderder Uebergang, damit die Veränderungnicht plötzlich, sondern allmälig geschehe.

2) Was veränderlich ist, bleibet keinen Augen-blick, ohne wirklich verändert zu werden.

3) Die Folge der Zeit gehet in einem fort,und es gibt keine zween Augenblicke, diesich einander die nächsten sind.

4) Die Folge der Veränderungen kömmt mirder Folge der Zeit überein, und ist eben-falls so stätig, so aneinanderhängend, daßman keine Zustände angeben kann, die sicheinander die nächsten wären, oder zwischenwelchen nicht ein Uebergang Statt findensollte- Sind wir nicht über diese Punkteeinig worden?

Ja! sprach Eebes.

Leben und Tod, mein lieber Cebes! ver-

setzte Sokratcs, sind entgegengesetzte Zustände:Nicht?

Freylich!

Und das Sterben der Uebergang vom Lebenzum Tode?

Freylich!

Diese große Veränderung trifft vermuthlichdie Seele sowohl als den Leib: denn beide We-sen standen in diesem Leben in der genauestenVerbindung.

Allem Ansehen nach.

Was mit dem Leibe nach dieser wichtigenBegebenheit vorgehet, kann uns die Beobach-tung lehren; denn das Ausgedehnte bleibt un-sern Sinnen gegenwärtig: aber wie, wo, undwas die Seele nach diesem Leben seyn wird,muß bloß durch die Vernunft ausgemacht wer-den ; denn die Seele hat durch den Tod dasMittel verloren, den menschlichen Sinnen ge-genwärtig zu seyn.

Richtig.!

Wollen wir nicht, mein Theuerster! erst dasSichtbare durch alle seine Veränderungen ver-folgen, und hernach, wo möglich, das Unsicht-bare mir dem Sichtbaren vergleichen?

Das scheint der beste Weg, den wir ein-schlagen können, erwiederte Cebes.

In jedem thierischen Leibe, Cebes! gehen be-ständig Trennungen und Zusammensetzungenvor, die zum Theil auf die Erhaltung, zumTheil aber auf den Untergang der thierischenMaschine abzielen. Tod und Leben fangen bevder Geburt des Thieres schon an gleichsam miteinander zu ringen.

Dieß zeigt die tägliche Erfahrung.

Wie nennen wir den Zustand, fragte Sa-krales, in welchem alle Veränderungen, die inder lebendigen Maschine vorgehen, mehr aufdas Wohlseyn, als auf den Untergang des Lei-bes abzielen? Nennen wir ihn nicht die Ge-sundheit?

Wie anders?

. Hingegen werden die thierischen Verände-rungen, welche die Auflösung der großen Ma-schine verursachen, durch Krankheiten vermehret,oder auch durch das Alter, welches die natür-lichste Krankheit genannt werden kann.

Richtig!

Das Verderben nimmt durch unmerklicheGrade allmälig zu. Endlich zerfällt das Ge-bäude, und löset sich in seine kleinsten Theileauf. Aber was geschieht? Hören diese Theileauf, verändert zu werden? Hören sie auf, zuwirken und zu leiden? Gehen sie ganz ver-loren ?

Es scheinet nicht, versetzte Cebes-

Unmöglich, mein Werthester! erwiederteSokratcs, wenn das wahr ist, worüber wireinig geworden: denn giebt es wohl ein Mittelzwischen Seyn und Nichtseyn?

Keineswegcs.

Seyn und Nichtseyn wären also zween Zu-stände, die unmittelbar aus einander folgen, diesich einander die nächsten seyn müßten: mit-haben aber gesehen, daß die Natur keine solcheVeränderungen, die plötzlich und ohne Ueber-gang geschehen müssen, hervorbringen kann.Erinnerst du dich wohl noch dieses Satzes?

Sehr wohl, sprach Cebes.

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