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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
325-326
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Moscs Mendelssohn.

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seines Leibes genossen. Wird er wohl nach die-sen sonderlich streben?

So wenig als ein vernünftiger Mann nachden Tändeleyen der Kindheit, sprach Simmias.

Wird etwa ein groses Vermögen das Zielseiner Wünsche seyn?

Wie könnte dieses in einem Zustande mög-lich seyn, wo, allem Ansehen nach, kein Eigen-thum besessen, kein Vermögen genossen werdenkann?

Die Ehrbegierde ist zwar eine Leidenschaft,die, dem Ansehen nach, dem abgeschiedenenGeiste noch bleiben kann; den sie scheinet wenigvon den Leibesbedürfnissen abzuhängen: allein,worinn kann der körperlose Geist den Vorzugsetzen, der ihm Ehre bringen soll? Gewißnicht in Macht, nicht in Reichthum, auch nichtin den Adel der Geburt: denn alle diese Thor-heiten läßt er mit seinem Körper auf der Erdezurück.

Freylich!

Es bleibet ihm also nichts, als Weisheit,Tugendliebe und Erkenntniß der Wahrheit, wasihm einen Vorzug geben und über seine Neben-geschöpfe erheben könnte. Ausser dieser edlenEhrbegierde ergötzen ihn noch die geistgen an-genehmen Empfindungen, die die Seele auch aufErden ohne ihren Körper geneußt, Schönheit,Ordnung, Ebenmaas, Vollkommenheit. DieseEmpfindungen find der Natur eines Geistes soanerschaffen, daß sie ihn niemals verlassen kön-nen. Wer also auf Erden für seine Seele Sorgegetragen, wer in diesem Leben sich in Weis-heit , Lugend und Empfindung der wahrenSchönheit hat üben lassen, der hat die größtenHoffnungen, auch nach dem Tode in diesenUebungen fortzufahren, und von Stufe zuStufe sich dem erhabensten Urwesen zu nähern,welches die Quelle aller Weisheit, der Inbegriffaller Vollkommenheiten, und vorzugsweise dieSchönheit selbst ist. Erinnert euch, meineFreunde! jener entzückten Augenblicke, die ihrgenossen, so oft eure Seele, von einer geistigenSchönheit hingerissen, den Leib samt seinen Be-dürfnissen vergaß, und sich ganz der himmlischenEmpfindung überließ. Welcher Schauer! welcheBegeisterung! Nichts als die nähere Gegen-wart einer Gottheit kann diese erhabenen Ent-zückungen in uns erregen. Auch ist in derThat jeder Begriff einer geistigen Schönheit einBlick in das Wesen der Gottheit; denn dasSchöne, Ordentliche und Vollkommene, das wirwahrnehmen, ist ein schwacher Abdruck dessen,der die selbständige Schönheit, Ordnung undVollkommenheit ist. Ich erinnere mich, dieseGedanken bey einer andern Gelegenheit deutlichgenug auseinander gesetzt zu haben, und willgegenwärtig nur diese Folge daraus herleiten:Wenn es wahr ist, daß nach diesem Leben Weis-heit und Tugend unsern Ehrgeiz und das Be-streben nach geistiger Schönheit, Ordnung undVollkommenheit unsere Begierden ausmachen:so wird unser fortdauerndes Daseyn nichts alsein ununterbrochenes Anschauen der Gottheitseyn , ein himmlisches Ergötzen, das, so wenigwir itzo davon begreiffen, den edlen Schweiß desTugendhaften mit unendlichem Wucher belohnt.Was sind alle Mühseligkeiten dieses Lebens ge-gen eine solche Ewigkeit! Was ist Armuth,

Verachtung und der schmählichste Tod, wennwir uns dadurch zu einer solchen Glückseligkeitvorbereiten können! Nein, meine Freunde!wer sich eines rechtschaffenen Wandels bewußtist, kann sich unmöglich betrüben, indem er dieReise zu dieser Seligkeit antritt. Nur wer inseinem Leben Götter und Menschen beleidiget,wer sich in viehischer Wollust herumgewälzt,wer der vergötterten Ehre Menschenopfer ge-schlachtet, und an anderer Elend sein Ergötzengefunden, der mag an der Schwelle des Todeszittern, indem er keinen Blick in das Vergan-gene ohne Reue, keinen in die Zukunft ohneFurcht thun kann. Da ich aber, Dank sey derGottheit! mir keine von diesen Vorwürfen zumachen habe, da ich in meinem ganzen Lebendie Wahrheit mit Eifer gesucht, und die Tugendüber alles geliebt habe: so freue ich mich, dieStimme der Gottheit zu hören, die mich vonhinnen ruft, um in jenem Lichte zu gemessen,wornach ich in dieser Finsterniß gestrebt habe.Ihr aber, meine Freunde! überleget wohl dieGründe meiner Hoffnungen, und wenn sie euchüberzeugen, so segnet meine Reise, und lebet so,daß euch der Tod dereinst abrufe, nicht mirGewalt von hinnen schleppe. Vielleicht führetuns die Gottheit dereinst in verklärter Freund-schaft einander in die Arme. O! mit welchemEntzücken würden wir uns alsdann des heu-tigen Tages erinnern!

Zweites Gespräch.

Unser Lehrer hatte ausgeredet, und gieng,wie in Gedanken vertieft, im Zimmer auf undnieder: wir saßen alle und schwiegen, und dach-ten der Sache nach. Nur Cebes und Simmiassprachen leise mit einander. Sokrates sahe sichum und fragte: Warum so leise? meineFreunde! Sollen wir nicht erfahren, was anden vorgebrachten Vernunftgründen zu verbes-sern sey? Ich weiß wohl, daß ihnen zur völ-ligen Deutlichkeit noch verschiedenes fehlet. Wennihr euch also jetzo von andern Dingen unter-haltet, so mag es gut seyn; redet ihr aber vonder Materie, die wir vorhaben, so entdecket unsimmer eure Einwürfe und Zweifel, damit wirsie gemeinschaftlich unrersuchen, und entwederheben, oder selbst mit zweifeln mögen. Sim-mias sprach: Ich muß dir gestehen, Sokrates!daß wir beide Einwürfe zu machen haben, unduns schon lange einer den andern antreiben, sievorzubringen, weil beide gerne deine Widerlegunghören möchten, ein jeder aber sich scheuet, dirbey jetziger Widerwärtigkeit beschwerlich zu fal-len. Als Sokrates dieses hörete, lächelle er,und sprach: Ey! wie schwer, o Simmias!werde ich andere Menschen bereden können, daßich meine Umstände für so mißlich nicht halte,da ihr mir es noch immer nicht glauben könnet,und besorget, ich möchte itzt unmuthiger undverdrießlicher seyn, als ich vormals gewesen bin.Man saget von den Schwänen, daß sie, nahean ihrem Ende, lieblicher singen, als in ihremganzen Leben. Wenn diese Vögel, wie es heißt,dem Apoll geheiliget sind, so würde ich sagen,daß ihr Gott sie in der Todesstunde einen Vor-schmack von der Seeligkeir jenes Lebens empsin-

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