Moses Mendelssohn.
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scheuungen, Neigungen und Leidenschaften ver-schwunden seyn, und nicht die geringste Spurhinterlassen haben?
Unmöglich, sprach Cebes. Was wäre diesesanders als eine völlige Zernichtung, und keineZernichtung, haben wir gesehen, steht in demVermögen der Natur.
Was ist also für Rath? meine Freunde!Untergehen kann die Seele in Ewigkeit nicht;denn der letzte Schritt, man mag ihn noch soweit hinaus schieben, wäre immer noch vomDaseyn zum Nichts,'ein Sprung, der weder indem Wesen eines einzelnen Dinges, noch in demganzen Zusammenhange gegründet seyn kann.Sie wird also fortdauern, ewig vorhanden seyn.Soll sie vorhanden seyn, so muß sie wirken undleiden; soll sie wirken und leiden, so muß sieBegriffe haben: denn empfinden, denken undwollen sind die einzigen Wirkungen und Leiden,die einem denkenden Wesen zukommen können.Die Begriffe nehmen allezeit ihren Anfang voneiner sinnlichen Empfindung, und wo sollen sinn-liche Empfindungen herkommen, wenn keineWerkzeuge, keine Gliedmaßen der Sinne vor-handen sind?
Nichts scheinet richtiger, sprach Cebes, alsdiese Folge von Schlüssen, und gleichwohl leitetsie zu einem offenbaren Widerspruch.
Eines von beiden, fuhr Sokrates fort: ent-weder die Seele muß vernichtet werden, odersie muß nach der Verwesung des Leibes nochBegriffe haben. Man ist sehr geneigt, diesebeiden Fälle für unmöglich zu halten, und gleich-wohl muß einer davon wirklich seyn. Laß sehen,ob wir aus diesem Labyrinthe keinen Ausgangfinden können! Von der einen Seite kann un-ser Geist natürlicher Weise nicht vernichtet wer-den. Worauf gründet sich diese Unmöglichkeit?— Seyd unverdrossen, Freunde! mir durchdornichte Gänge zu folgen: sie führen uns aufeine der herrlichsten Gegenden, die das Gemüthder Menschen jemals ergötzt haben. Antwortetmir! Hat uns nicht ein richtiger Begriff vonKraft und natürlicher Veränderung auf dieFolge geleitet, daß die Natur keine Vernichtungwirken könne?
Richtig I
Bon dieser Seite ist also schlechterdings keinAusgang zu hoffen, und wir müssen umkehren.Die Seele kann nicht vergehen, sie muß nachdem Tode fortdauern, wirken, leiden, Begriffehaben. Hier stehet uns die Unmöglichkeit imWege, daß unser Geist, ohne sinnliche Eindrücke,Begriffe haben soll: aber wer leistet für dieseUnmöglichkeit die Gewähr? Ist es nicht bloßdie Erfahrung, daß wir hier in diesem Lebenniemals ohne sinnliche Eindrücke haben denkenkönnen?
Nicht anders.
Was für Grund haben wir aber, diese Er-fahrung über die Grenzen dieses Lebens aus-zudehnen , und der Natur schlechterdings dieMöglichkeit abzusprechen, die Seele, ohne diesengegliederten Leib, denken zu lassen? Was mey-mest du? S'.mmias! würden wir eine» Men-sche» nicht höchst lächerlich finden, der dieMauern von Athen niemals verlassen hätte,und aus seiner eigenen Erfahrung schliessenwollte, daß in allen Theilen des Erdbodens
Tag und Nacht, Sommer und Winter, nichtanders als bey uns, abwechselten?
Nichts wäre ungereimter.
Wenn 'ein Kind 'im Mutterleibe denken5 könnte, würde es wohl zu bereden seyn, daßes dereinst, von seiner Wurzel abgelöset, infreyer Luft das erquickende Licht der Sonnegemessen werde? würde es nicht vielmehr ausseinen itzigen Umständen die Unmöglichkeit eines1» solchen Zustandes beweisen zu können glauben?
Allem Ansehen nach.
Und wir Blödsinnigen, denken wir etwavernünftiger, wenn wir, in dieses Leben ein-gekerkert, durch unsere Erfahrungen ausmachen15 wollen, was der Natur auch nach diesem Lebenmöglich sey? — Ein einziger Blick in die uner-schöpfliche Mannigfaltigkeit der Natur kann unsvon dem Ungrunde solcher Schlüsse überführen.Wie dürftig, wie schwach würde sie seyn ; wennihr Vermögen nicht weiter reichte, als unsereErfahrung l
Freylich i
Wir können also mit gutem Grunde dieseErfahrung verwerfen, indem wir ihr die aus-25 gemachte Unmöglichkeit entgegengesetzt, daß un-ser Geist untergehen sollte. Homer läßt seinenHelden mit Recht ausrufen: Fürwahr! auchin den Häusern des Orkus webt nochdie Seele, wiewohl kein Leichnam da-nn hin kömmt. Die Begriffe, die uns Homervon dem Orkus, und von den Schatten, diehinunter wandeln, machet, scheinen zwar nichtüberall mit der Wahrheit übereinzukommen;aber dieses ist gewiß, meine Geliebten! unser35 Geist siegt über Tod und Verwesung, läßt denLeichnam zurück, um hienieden in tausend ver-änderten Gestalten die Absichten des Allerhöch-sten zu erfüllen, er aber erhebet sich über denStaub, und fähret fort, nach andern natür-40 lichen, aber überirdischen Gesezen, dieWerke des Schöpfers zu beschauen, und Ge-danken von der Kraft des Unendlichen zu hegen.Erweget aber dieses, meine Freunde! wenn un-sere Seele, nach dem Tode ihres Leichnams,45 noch lebet und denkt, wird sie nicht auch als-dann, so wie in diesem gegenwärtigen Zustande,nach der Glückseligkeit streben?
Wahrscheinlich dünket michs, sprach Sim-mias; allein ich traue meiner Vermuthung50 nicht mehr, und wünschte deine Gründe zuhören.
Meine Gründe sind diese, versetzte Sokrates:Wenn die Seele denkt, so müssen in ihr Be-griffe mit Begriffen abwechseln, so muß sie diese55 Begriffe gerne, jene ungerne haben wollen, dasheißt, einen Willen haben; .hat sie aber einenWillen, wohin kann dieser anders zielen, alsnach dem höchsten Grade des Wohlseyns, nachder Glückseligkeit?
60 Dieses war allen deutlich. Aber wie? fuhrSokrates fort: das Wohlseyn eines Geistes,der nicht mehr für die Bedürfnisse seines Leibeszu sorgen hat, worinn bestehet dieses? Speiseund Trank, Liebe und Wollust kann ihm nicht65 mehr behagen; was in diesem Leben Gefühl,Gaumen, Augen und Ohren ergötzet, ist alldaseiner Achtung unwürdig; kaum daß ihm nocheine schwache, vielleicht reuvolle Erinnerung vonden Wollüsten bleibet, die er in Gesellschaft