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Moses Mendelssohn.
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Drittes Gespräch.
Nach einigem Stillschweigen wendete sich, Sokrates zum Cebes und sprach: Mein lieberCebes! seitdem du von dem Wesen der Unsterb-lichen richtigere Begriffe erlangt hast, was dünktdich von den Fabellehrern, die öfters einen Gottauf die Verdienste eines Sterblichen neidisch,und wider denselben blos aus Mißgunst feindlichgesinnt seyn lassen? — Du weist es, Sokrates!was wir von dergleichen Lehrern und ihrenErdichtungen zu hallen gelernt haben. — Haßund Neid, diese niederträchtigen Leidenschaften,die die menschliche Natur so sehr entehren,müssen der göttlichen Heiligkeit schnurstrackswidersprechen. — Ich bin hievon überzeugt. —Du glaubst also nunmehr zuverläßig, und ohnedie geringste Bedenklichkeil, daß du, wir, undalle unsere Rebenmenschen von jenem aller-hciligsten Wesen, das uns hervorgebracht, nichtbeneidet, nicht gehaßt, nicht verfolgt, sondernauf das zärtlichste geliebt werden? - Richtig!— In dieser festen Ueberzeugung kann dich nie-mals die mindeste Furcht anwandeln, daß derAllerhöchste dich zu ewiger Qual berufen, und,du seyest schuldig oder unschuldig, unaufhörlichwürde elend seyn lassen? - Niemals, niemals!rief Apollodorus, an den die Frage doch garnicht gerichtet gewesen, und Cebes begnügte sicheinzustimmen. - Wir wollen diesen Satz, fuhrSokrates fort, daß uns Gott nicht zumewigen Elende bestimmt, zum Maasstabefür die Gewißheit unserer Erkenntniß annehmen,so oft von zukünftigen Dingen die Rede ist, dieeinzig und allein von dem Willen des Aller-höchsten abhängen. Aus der Natur und denEigenschaften erschaffener Dinge läßt sich in die-sem Falle nichts mit Gewißheit schlieffen: dennaus diesen folgen nur diejenigen Sätze, die anund für sich unveränderlich sind, und also vonder Erkenntniß des Allerhöchste», nicht von sei-nem Gutfinden, abhängen. Zu den göttlichenVollkommenheiten müssen wir uns in dergleichenUntersuchungen wenden, und zu erforschen suchen,was mit denselben übereinstimmt, und wasihnen widerspricht. Wovon wir überzeugt sind,daß es denselben nicht gemäß sey, das könnenwir verwerfen, und für so unmöglich halten,als wenn es mit der Natur und dem Wesendes untersuchten Dinges selbst stritte. Eine ähn-liche Frage ist die, mein Cebes! die wir aufVeranlassung deines Einwurfs nunmehr zu un-tersuchen haben. Du räumest es ein, meinFreund! daß die Seele ein einfaches Wesen sey,das ohne den Körper seine eigene Bestandhcithat: Nicht? - Richtig! — Du giebst ferner zu,daß sie unvergänglich sey? — Hievon bin ichüberzeugt. — So weit, fuhr Sokrates fort,haben uns unsere Begriffe von der Natur derAusdehnung und der Vorstellung geführct. Abernunmehr entstehen Zweifel über das zukünftigeSchicksal des menschlichen Geistes, das in soweit einzig und allein von dem Willen undvon dem Gutsinden des Allerhöchsten abhängt.Wird er den Geist des Menschen in einem wa-chenden Zustande, des Gegenwärtigen und desVergangenen wohl bewußt, in Ewigkeit fort-dauren lassen? oder hat er denselben bestimmt,
mit dem Hintritte seines Körpers in einen demSchlaf ähnlichen Zustand zu versinken, und nie-mals zu erwachen? War es dieses nicht, wasdir noch ungewiß schien? - Eben dieses, meinSokrates! — Daß eine gänzliche Beraubungalles klaren Bewußtseyns, aller Besinnung, we-nigstens auf eine kurze Zeit, nicht unmöglichsey, lehret Schlaf, Ohnmacht, Schwindel, Ent-zücken, und lausend andere Erfahrungen. Zwarist die Seele, in allen diesen Fällen, noch anihren Körper gefesselt, und muß sich nach derBeschaffenheit des Gehirns richten, das ihr inallen diesen Schwachheiten nichts als unmerk-liche, leicht verlöschliche Züge darbeut. Hier-von ist kein Schluß auf den Zustand unsererSeele, nach ihrer Scheidung von dem Körper,zu ziehen: weil alsdann die Gemeinschaft zwi-schen diesen verschiedenen Wesen aufgehoben wird,der Körper aufhört, das Werkzeug der Seelezu seyn, und die Seele ganz andern Gesezenfolgen muß, als die ihr hienieden vorgeschriebensind. Indessen ist es genug für unsere Unge-wißheit, daß der Mangel des klaren Bewußt-seyns, wie etwa im Schlafe, der Natur einesGeistes nicht widerspricht; denn wenn diesesist, so scheinet unsere Furcht nicht ganz unge-gründet. - Aber wenn wir von diesem fürchter-lichen Zweifel befreyet zu seyn wünschen, könnenwir etwas mehr verlangen, als die Ncrgewisse-rung, daß unsere Besorgniß den Absichten Got-tes zuwider laufe, und von demselben eben sowenig, als das ewige Elend seiner Geschöpfe,hat beliebt werden können. — Freylich, warCebes Antwort, wenn wir nicht eine Ueberzeu-gung verlangen, die der Natur der untersuch-ten Sache zuwider läuft. Als ich dir meineZweifel vorbrachte, mein theurer Freund! habeich selbst einige aus den Absichten des Schöpfersentlehnte Gründe angezeigt, die dein Lehrgebäudehöchst wahrscheinlich machen: ich wünsche sieaber aus deinem Munde zu empfangen, undmeine Freunde wünschen es mit mir. — Ichversuche es, sprach Sokrates, ob ich euch Gnügeleisten kann. Antworte mir, mein Cebes! wenndu befürchtest, mit dem Tode aus ewig alleswachende Bewußtseyn deiner selbst zu verlieren,besorgest du etwa, daß dieses Schicksal demgesamten menschlichen Geschlechte, oder nureinem Theil desselben bevorstehe? Werden wiralle von dem Tode hingerafft, und in der Spracheder Dichter zu reden, von ihm in die Armeseines ältern Bruders, des ewigen Schlafesgetragen? oder sind einige von den Erdbewoh-nern bestimmt, von jener himmlischen Aurorazur Unsterblichkeit aufgeweckt zu werden? Sobald wir einräumen, daß einem Theil des mensch-lichen Geschlechts die wahre Unsterblichkeit be-schiedcn ist: so zweifelt Cebes wohl nicht einenAugenblick, daß diese Seligkeit den Gerechten,den Freunden der Götter und Menschen, vor-behalten sey? — Nein, mein Sokrates i dieGötter theilen den ewigen Tod gewiß so un-gerecht nicht aus, als die Athenienser den zeit-liche». Ich hin siberdem der Meynung, daß indem weisesten Plane der Schöpfung ähnlicheWesen auch ähnliche Bestimmungen haben, undmithin dem gesammten menschlichen Geschlechtenach diesem Leben ein ähnliches Schicksal bevor-stehen müsse. Entweder sie erwachen alle zu
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