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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
343-344
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Moses Mendelssohn.

Ausdehnung, und ihre Wirksamkeit Bewegungist. Aber Wahrnehmen, Vergleichen, Schliessen,Begehren, Wollen, Lust und Unlust empfinden,erfordern eine von Ausdehnung und Bewegungganz verschiedene Bestandheit, einen andernGrundstoff, andere Quellen der Veränderung.In einem einfachen Grundwesen muß hier vielesvorgestellet, das Aufferinanderseyende zusammenbegriffen, das Mannigfaltige gegen einandergehalten, und das Verschiedene in Vergleichunggebracht werden. Was in dem weiten Raumder Körperwelt zerstreuet ist, dränget sich hier,ein Ganzes auszumachen, wie in einem Punktzusammen, und was nicht mehr ist, wird indem gegenwärtigen Augenblick mit dem, wasnoch werden soll, in Vergleichung gebracht.Allhier erkenne ich weder Ausdehnung nochFarbe, weder Ruhe noch Bewegung, wederRaum noch Zeit, sondern ein innerlich wirk-sames Wesen, das Ausdehnung und Farbe,Ruhe und Bewegung, Raum und Zeit sich vor-stellet, verbindet, trennet, vergleichet, wählet,und noch tausend anderer Beschaffenheiten fähigist, die mit Ausdehnung und Bewegung nichtdie mindeste Gemeinschaft haben. Lust und Un-lust, Begierden und Verabscheuungen, Hoffnungund Furcht, Glückseligkeit und Elend, sind keineOrtveränderungen kleiner Erdstäublin. Be-scheidenheit, Menschenliebe, Wohlwollen, dasEntzücken der Freundschaft und das hohe Ge-fühl der Gottesfurcht sind etwas mehr, als dieWallungen des Geblüts, und das Schlagen derPulsadern, von welchen sie begleitet zu werdenpflegen. Dinge von so verschiedener Art, meinlieber Simmias! von so verschiedenen Eigen-schaften können, ohne die äusserste Unachtsamkeit,nicht mit einander verwechselt werden. — Ichbin völlig befriediget, war Simmias Antwort.— Roch eine kleine Anmerkung, versetzte jener,bevor ich mich zu dir wende, mein Cebes! Daserste, was wir von dem Körper und seinenEigenschaften wissen, ist es etwas mehr, alsdie Art und Weise, wie er sich unsern Sinnendarstellet?

Etwas deutlicher, mein lieber Sokrates! —Ausdehnung und Bewegung sind Vorstellungendes denkenden Wesens von dem, was ausserihm wirklich ist: Nicht? — Zugegeben! - Wirmögen die zuverlaßigsten Gründe haben, ver-sichert zu seyn, daß die Dinge ausser uns nichtanders sind, als sie uns ohne Hinderniß erschei-nen : gehet nicht aber diesem ohngeachtet allezeitdie Vorstellung selbst voran, und die Versiche-rung, daß ihr Gegenstand wirklich ist, folgetnachher? - Wie ist es anders möglich, versetzteSimmias, da wir vom Daseyn der Dinge aus-ser uns nicht anders, als durch ihre Eindrückebenachrichtiget werden können? — In der Reiheunserer Erkenntniß gehet also allezeit das den-kende Wesen voran, und das ausgedehnte Wesenfolget; wir erfahren zuerst, daß Begriffe, undfolglich ern begreiffcndes Wesen, wirklich seyn,und von ihnen schliesst wir auf das wirklicheDaseyn des Körpers und seine Eigenschaften.Wir können uns von dieser Wahrheit auch da-durch überzeugen, weil der Körper, wie wirvorhin gesehen, ohne Verrichtung des denkendenWesens kein Ganzes ausmachen, und die Be-

wegung selbst, ohne Zusammenhalten des Ver-gangenen mit dem Gegenwärtigen, keine Bewe-gung seyn würde. Wir mögen die Sache alsobetrachten, von welcher Seite wir wollen, so5 stößt uns allezeit die Seele mit ihren Verrich-tungen zuerst auf, und sodann folget der Körpermit seinen Veränderungen. Das Begreiffendegehet allezeit vor dem blos Begrifflichen her.— Dieser Begriff scheinet fruchtbar, meine10 Freunde! sprach Cebes. - Wir können die ganzeKette von Wesen, fuhr Sokrates fort, vom Un-endlichen an bis auf das kleinste Stäublein, indrey Glieder eintheilen. Das erste Glied be-grifft, kann aber von andern nicht begriffen15 werden: dieses ist der Einzige, dessen Vollkom-menheit alle endlichen Begriffe übersteiget. Dieerschaffenen Geister und Seelen machen daszweyte Glied: Diese begriffen und können vonandern begriffen werden. Die Körperwelt ist20 das letzte Glied, die nur von andern begriffenwerden, aber nicht begriffen kann. Die Gegen-stände dieses letzten Gliedes sind, so wohl in derReihe unserer Erkenntniß, als im Daseyn selbst,ausser uns, allezeit die hintersten in der Ord-25 nung, indem sie allezeit die Wirklichkeit einesbegreiffenden Wesens voraussezen: wollen wirdieses einräumen? — Wir können nicht anders,sprach Simmias, nachdem das vorige alles hatzugegeben werden müssen. — Und gleichwohl,30 fuhr Sokrates fort, nimmt die Meynung derMenschen mehrenthils den Rückweg von dieserOrdnung. Das erste, davon wir versichert zuseyn glauben, ist der Körper und seine Verände-rungen ; diese bemeistern sich so sehr aller unse-35 rer Sinne, daß wir eine Zeit lang das mate-rielle Daseyn für das einzige, und alles übrigefür Eigenschaften desselben halten. — Mich freuetes, sprach Simmias, daß du selbst, wie du nichtundeutlich zu verstehen giebst, diesen verkehrten40 Weg g. gangen bist. — Allerdings, mein Lieber!versetzte Sokrates. Die ersten Meynungen allerSterblichen sind sich einander ähnlich. Diesesist die Rhede, von welcher sie insgesamt ihreFahrt antreten. Sie irren, die Wahrheit su-45 chend, auf dem Meere der Meynungen auf undnieder, bis ihnen Vernunft und Nachdenken,die Kinder Jupiters, in die Segel leuchten,und eine glückliche Anlandung verkündigen.Vernunft und Nachdenken führen unsern Geist50 von den sinnlichen Eindrücken der Körpcrweltzurück in seine Heimat, in das Reich der den-kenden Wesen, vorerst zu seines Gleichen, zuerschaffenen Wesen, die, ihrer Endlichkeit halber,auch von andern gedacht und deutlich begriffen55 werden können. Bon diesen erheben sie ihn zujener Urquelle des Denkenden und Gedcnkbaren,zu jenem alles begreiffenden, aber allen unbe-grifflichen Wesen, von dem wir, zu unsermTroste, so viel wissen, daß alles, was in der60 Körperwelt und in der Geisterwelt gut, schönund vollkommen ist, von ihm seine Wirklichkeithat, und durch seine Allmacht erhalten wird.Mehr braucht es nicht zu unserer Beruhigung,zu unserer Glückseligkeit in diesem und in jenem65 Leben, als von dieser Wahrheit überzeugt, ge-rührt, und in dem Innersten unsers Herzensganz durchdrungen zu seyn.