391
Thomas Abbt.
392
nungen und ewige Strafen blos darum, weiler sich selbst in dieser Welt nicht für belohntgenug, und feine Feinde ! worunter oft allestanden, die im Range vor ihm waren) nichtfür gestrafet genug gehalten? Wir wollen also 5keinen Lorwurf machen, der zurückgeschobenwerden kann. Man sey gerecht auf beydenSeiten. Richt das Läugnen einiger allgemeinangenommenen Religionssätze, sondern das Un-tersuchen derselben verschaffet einen Anspruch 10auf die Stärke des Geistes; ein Untersuchen,das aufrichtig gegen sich selbst, ohne Rücksichtauf diese oder jene Gesellschaft und in der Stillevorgenommen wird.
Es giebt noch einen andern Titel in dem 15gegenwärtigen Falle, der nicht verächtlich ist,und noch wenigeren zugehört. Wenn ein Un-glücklicher, der sich zu keiner Gewißheit überdie Verheißungen, seinen künftigen Zustand be-treffend, bringen kann: wenn dieser nichts desto 20weniger auf dem Wege der strengen Tugendnach besten Kräften fortgeht; ihr treuer An-hänger, ob sie ihm gleich niemals auch nur vonFerne das gelobte Land vorgezeiget; ihr Beken-ne« und zwar mit Freuden, ob er gleich seinen 25letzenden Freunden nicht gewiß sagen kann, obder bleibende, oder der scheidende den bessernTheil habe; ihr Märtyrer, ob er gleich so zu
reden auf allen Fall noch einen Hahn muß
opfern lassen*): ein solcher Mann kann aller- 30
dings sich einer Stärke in der Seele rühmen.Rühmen? er wird ganz sicher nicht davonsprechen und höchstens, wie Spinosa durch sei-nen Wirth, der des Miethmannes Leben einelange Zeit hindurch belauscht hatte, verrathen 35werden.
Aber zu diesen beyden Titeln, die ich nunangeführet, und die man nicht wohl verwerfenkann, haben nicht das geringste Recht die Mücken,welche, durch den Sonnenschein des Hofes und 4»des Glückes erwärmet, sich nur durch ihr Ge-sumst und ihre Unreinigkeilen merklich machenkönnen: keinen Anspruch die schaalen Köpfe,die zu dumm sind, um zu zweifeln, und zufrevelhaft, um sich belehren zu lassen: die sich 45aus Gott nur deswegen nichts machen, weil sieseinen Einfluß bey Hofe nicht merken, und dieBibel nur deswegen nicht achten, weil sie derHerr nicht wie eine Verordnung hat bekanntmachen lassen: deren Empörung gegen die Re- 50ligion zunimmt, so bald sie des Morgens gutaufgesetzt sind, und deren Gleichgültigkeit wächßt,so bald sie sich mit Riechwaffern besprenget: inderen Kopfe niemals mehr als drey Opernarienauf einmal ausgehalten haben, und deren wei- 55testes System, Kleiderschrank, Sold und Besucheauf einmal umschlinget.
Wo ist ihre Stärke? ihr lautes Ge-^ ^ Beweis einer gesunden Lunge:
ihr frevelnder Trotz die Anzeige eines heitern 60Himmels, und ihr Spott die Folge von derRuhe der Elemente. „Aber vor allen Altären
„wird man sie winseln und jedem Heiligen„etwas angeloben, hören: wenn das entrüstete„Meer seine Wogen empor treibet, wenn in„ihren eigenen Adern ein grausames Feuer lo-„dert, und auf ihrer Brust zentnerschwere Last„liegt: wann der Körper leidet, das Gemüth„zaget, und der Tod zu seinem Opfer herein-bricht." (Balzac.)
Ich fasse alles zusammen: diß ist die besteund vortreflichste Stärke, daß wir dich, ewigeWahrheit! auf welche Art du auch zu den ar-men Sterblichen gesandt seyest, lebendig erken-nen ! nicht von dir weichen! Es ist aber auchStärke, dich aufsuchen! dir des Nachts auf denStraßen nachgeht,! jeden fragen: »habt ihr die„nicht gesehen, die meine Seele liebt?" und esnicht achten, wenn man darüber wund geschla-gen wird; ja lieber im Finstern nach dir her-umfühlen, als einer verdächtigen Leuchte beydiesem Suchen trauen! Und Stärke ist es,sein Herz der Tugend erhalten, wenn schon dieAussicht des Verstandes durch Nebel gehemmetwird! So ohngefähr würde man den treuenKnecht bewundern, der, wenn jedermann schonan der Wiederkunft seines Herrn verzweifelthätte, doch jeden Tag seine Arbeit unverdrossenthäte: ob er schon nicht mehr hoffen darf, daßes sein Herr erfahren, und ihm dafür mir Bey-fall und Wohlthun lohnen werde.
Glaube und Unglaube haben also ihre star-ken Geister, wenn anders beyden eine redlicheUntersuchung vorhergegangen, und es kannstarke Sadducäer geben, wie starke Pharisäer.
Wenn es nervichte Seelen erfordert, um dieWahrheit zu denken : so gehören gewiß Gladia-torseelen dazu, um die Wahrheit zu sagen. Dochman trifft etwas von ihnen unter der Rubrikder Herzhaftigkeit an. Ich setze nur mit zweyenWorten hinzu, daß ingoxuitus, onxüor sniixi,Naivetät, so viel als das Angebohrnevon dieser Gattung seyn, welches bey gewissenGelegenheiten, und durch gewisse Bewegungs-gründe bald kann vermehrt, bald vermindertwerden.
Ich habe bisher die verschiedene Stücke aus-einander gesetzt, die mir alle unter dem Namender Stärke der Seele begriffen zu seyn scheinen.Die Materie hat mich hingerissen; ich bin denentwickelnden Faden nachgelaufen, ohne doch,wie ich hoffe, den Punkt aus den Augen ver-lohren zu haben, wo alles wieder zusammenkehren muß. Dieser Punkt findet sich in denMerkmalen, die allen diesen Stücken gemein-schaftlich sind, und die endlich die Erklärunggeben von der Stärke der Seele. Bey allenfindet sichs, „daß eine Anzahl Vorstellungen,„über einen erheblichen Lorwurf, vorzüglich„vor allen andern den Willen beherrschen„müsse." Die Stärke der Seele besteht alsoin der Leichtigkeit, diese zum Vortheile wichti-ger Ideen nöthige Herrschaft über den Willenzu erhalten. 2ch nenne es mit Vorsätze eine
*) Mir hat es immer geschienen, daß der Befehl des letzenden SocratcS an seine Freunde, dem Aesculap „ocheinen Hahn zu opfern, daß dieser Befehl eine Folge von des Philosophen auSdaurcndcm Grundsätze: ..SchweißNichts" gewesen seh. Wie hätte er am binde seines Lebens so positiv über die Natur der wichtigsten Wahrheitensehn sollen, als er es wirklich durch die gänzliche Unterlassung dieses Opfers müßte gewesen sehn ? In diesem zwei.feinden Zustande schied der gute Mann, der Tugend alleinc treu.