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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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393-394
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Thomas Abbt.

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Leichtigkeit, und nicht eine Fertigkeit, weilletztere mehr auf etwas erworbenes, als aufetwas angebohrnes zeiget, jene aber beydesunter sich begreift. Meine Meynung aber istdiese: weil es vor unsern Augen noch immerein Geheimniß bleibt, wie Verstand und Willemit einander verbunden seyn; und weil alsohier noch von beyden Seiten Muthmaßungenzubringen können: so wage ich es anzunehmen,daß bey einigen Seelen die Vereinigung zwi-schen Verstand und Willen stärker sey als beyandern: und daß die eine Seele ihre Vorstel-lungen eher als die andere bis zu einer Ent-schließung erheben könne. So wie der eineGeist zu bildlichen Vorstellungen mehr aufgelegtist, der andre mehr zu deutlichen Gedanken:eben so mag es einen dritten geben, dem Ent-schließungen leichter werden. Zwar tragen bey-derley Fähigkeiten des Vorstellens sehr vielesbey zur Beschaffenheit des Entschließend: aberweiter scheint doch zwischen ihnen sonst keineVerbindung, als zwischen den Kräften der Seeleüberhaupt. Diese Anmerkung erklärt freylichnicht, wie die Sache zugehe; aber ich bin dochdreiste genug zu behaupten, daß sie die Sacheeben so klar mache, als diese es durch die Er-klärung der sogenannten lebendigen Kenntnißwerden kann. „Bringt eure Kenntniß, sagt„man, so weit, daß sie auf den Willen wirke:„und ihr habt ihr das Leben gegeben." Wissenwir nun, wie man sie so weit bringe? undwarum der eine sie leichter so weit bringe, alsder andre. In diesem leichtern oder schwerernliegt eben der Unterschied zwischen den Seelen.So bald andre Menschen über die Stärke einerSeele Richter werden, so schätzen sie dieselbenach der Wichtigkeit der Entschliessungen: wo-bey noch zween besondre Umstände zur Bestim-mung des Preißes das ihrige beytragen. Dereine ist, daß diese Wichtigkeit auf eine ganzeGesellschaft sich ausbreite, der andre, daß dieEntschlieffung sich in Thaten äußere. An undfür sich ist nichts erheblicher für irgend einenMenschen, als die Besorgung seiner ewigenGlückseligkeit. Die verlobte Braut ihres Hey-landes, welche ihm unter dem Leiden, unter demSpotte der Welt, unter den Versuchungen ge-treu bleibt, müßte also auch hiernieden schonmit dem Preiße des Vorzuges an Stärke derSeele prangen. An starr der römischen Ge-schichte dürfen wir nur die - Geschichte derNonnenklöster durchlaufen, um die größestenMuster dieser großen Eigenschaft zu finden.Warum urtheilt aber die Welt ganz anders?weil ihr jeder für die Besorgung seiner Ange-legenheiten durch die Erwerbung der Glück-seligkeit reichlich genug belohnet scheint, undweil sie bey dem innern Kampfe, von derGröße des Widerstandes, den man vor demSiege erlitten hat, nicht urtheilen kann, aberwohl beym äußern. Was gar nicht fehlen darf,ist die Bewerkstelligung. Bey dem großen Geistesieht man weniger auf die Ausführung als aufdie Entwürfe. Er kann im Kabinete bleiben,niemand erwartet ihn im Felde. Man ist da-mit zufrieden, ihn, wenn ich so sagen darf,denken zu sehen. Aber bey dem starken Geiste!Um von sich zu zeugen, gilt sein eigenes Zeug-niß nichts. Er muß auf Thaten weisen können.

Ganze Perioden seines Lebens müssen als Zeu-gen auftreten. Daher kömmt es, daß glänzendeThaten mehr Bewunderung erregen, als andre,ohne sie allemahl mehr zu verdienen. Daherhat die äußre Herzhaftigkeit sich in den großenRuf gesetzt, der sie fast oben an im Rangestellet: und daher steht auch hier Achill vor demUlysses. Nach den Helden folgen die Männer,welche für ein oft undankbares Volk sorgen,und sich durch Geschrey und Fluchen und Läster-schriften, sogar durch Mißhandlungen, die sieleiden, von ihrem Vorhaben nicht abwendigmachen lassen. Alle Colberte, die vom Pöbelbeschimpft, und in der Geschichte zu großenMännern ausgesprochen werden.

Zunächst an ihnen folgt die Stärke imPrivatleben.

Der Schriftsteller oder Gelehrte vom Hand-werke macht hier keine Klaffe für sich aus.Wann er sich durch diese Eigenschaft auszeich-net: so steht er entweder unter andern Rubri-ken , oder er bekömmt das Lob einer Stärke,von der ich am Ende etwas erwähnen will,und die sich zu der bisher abgehandelten ver-hält, wie der Abdruck eines Riesen in seinerLagerstätte zu seinem Körper. Es kann seyn,daß der Riese wirklich dagelegen hat: es kannaber auch seyn, daß man seine Lagerstätte nurnachgemacht hat. In allen übrigen Fällen be-trachtet man, was diese Eigenschaft der Seelebetrift, den Gelehrten, wie einen Menschen,und wenn er ein großes zeitforderndes Werk,woran er sich gewaget, zu Stande bringt: sowird seine Beständigkeit bey der Arbeit nichtviel anders berechnet: als die Beharrlichkeiteines Mannes bey dem Baue eines Hauses,das er etwa aufführen lässet.

Aber, was heißt denn ein Schriftsteller, derstark schreibt, der starke Gedanken hat? wassind starke Gedanken? Ist wohl ei» Geist, dersolche Gedanken zeuget, ein starker Geist? DerSchluß wird oft so gemacht, obgleich meistenssehr unrichtig. Der Herr von Voltaire hatin seinen verschiedenen Trauerspielen die stärk-sten Gedanken hervorgebracht: aber ich zweiflesehr, daß ihm jemand Stärke der Seele zu-traue. Wenigstens hat er sie bey den wenigenFällen, wo er etwas weniges davon hatte zei-gen können, sehr geheim gehalten. Vom Ge-danken bis zur That! — welche Kluft! Undeben weil die Zwischenzeit, von der Erzeugungeines großen Bornehmens bis zu dessen Geburt,voll Schrecken, Angst und Unruhe ist, eben des-wegen berechnet man die Stärke meistens nurnach diesem Zwischenraume. Unterdessen nentman einen Gedanken stark, weil man ihn alsdas Model, als die Forme zu. einer starkenThat ansieht, und man ist so gut, es anzuneh-men, daß weil eine starke That einen starkenGedanken voraussetzet, dieser auch jene nachsich ziehen könnte. Etwas eigenes bleibt ihmdoch immer, das ihn voll andern Gedankenunterscheidet. Dieses unterscheidende, beuchtmir, liegt in der Dauer. Ein Gedanke iststark, wenn er große Kräfte in anhaltenderBewegung, und Wirkungen von ausserordent-licher Dauer darstellet. Und dadurch wird auchdie Verwechselung des starken Gedankens mitdem großen Gedanken vermieden. Dieser hat

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