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Johann Georg Sulzer.
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Begriff muß erweitert, oder allgemeiner gemachtwerden.
Wir begreifen unter diesem Worte alles,was in der Folge der Borstellungen über eineSache, eine solche Aufhaltung macht, die eineAufhäufung der zum Theil gegen einanderstreitenden Gedanken bewürkt, wodurch dieBorstellung lebhafter und interessanter wird,nach einigem Streit der Gedanken aber sichentwikelt. Bey unsern Vorstellungen über ge-schehene Sachen, oder bey Beobachtungen undUntersuchungen, können die Begriffe so auf ein-ander folgen, daß uns nichts reizt auf die Art,wie sie auf einander folgen, oder auf die Quel-len, woraus sie entspringen, Acht zu geben.Alsdenn fliesten unsre Gedanken, wie ein sanf-ter durch nichts aufgehaltener Strohm stillefort. Die Vorstellungskraft wird durch nichtsgereizt. Findet sich hingegen in der Folge derVorstellungen irgendwo etwas, das uns auf-hält, das uns auf die Folge aufmerksam macht;wobey wir gleichsam stille stehen, um das Gegen-wärtige mit dem, was folgen könnte, zu ver-gleichen ; wo wir ungewiß werden, wie dieSache fortgehen, oder wie das Folgende ent-stehen wird: da liegt ein Knoten, wobey dieGedanken sich zusammen drängen uud gegeneinander streiten, bis einer die Oberhand be-kommt und der Sache einen Fortgang ver-schafft.
Knoten sind also bey Unternehmungen, woHindernisse aufstoßen, die man aus dem Wegezu räumen hat; bey Untersuchungen, wo sichSchwierigkeiten zeigen, die eine neue Anstren-gung des Geistes erfordern, um sich aus den-selben heraus zu wikeln; bey Betrachtung derBegebenheiten wo die würkende Ursache durchgroße und ungewöhnliche Kräfte, die unsre Auf-merksamkeit an sich ziehen, allmählig die Stärkebekommt, den Ausgang der Sachen zu bewür-ben. Ein solcher Knoten bewürkt in den beyden Sachen intcressirten Personen eine neuebisweilen außerordentliche Anstrengung derKräfte; bey denen aber, die blos Zeugen oderZuschauer dabey sind, reizet er die Aufmerk-samkeit und die Neugierde, wodurch die Sacheweit interessanter wird, als sie ohnedem würdegewesen seyn.
In den Werken der schönen Künste hat derKnoten eben diese doppelte sehr vorthcilhafteWürkung. Das Werk selbst wird dadurch rei-cher an Vorstellungen. Handelnde Personenz. B. strengen ihre Kräfte mehr an, ihr Ge-nie, ihr Gemüth und ihr ganzer Charakterzeiget sich dabey in einem vollen Lichte; derKünstler hat nöthig auch sein Genie stärkeranzustrengen, um Auswege zu finden: dadurchwird also für den, der das Werk der Kunstgenießen soll, alles interessanter und lebhafter.Darum ist es nöthig, daß wir über eine sowichtige Sache uns hier etwas weitläuftig ein-lassen.
Man hat hicbcy auf drey Dinge Acht zugeben: auf die Natur des Knotens, auf seineKnüxsung, und auf die Entwiklung desselben.
Zuerst muß man auf die Beschaffenheit desKnotens Acht geben, der bey Handlungen, oderbey Untersuchungen und dem lehrenden Vortragvorkommen kann. Bey Handlungen kann er
von zweyerley Art seyn. Erstlich kann dieHandlung an sich selbst ein sehr gefährlichesoder mit außerordentlichen Schwierigkeiten be-gleitetes Unternehmen seyn, wodurch der Kno-ten sich von selbst knüpfet, indem es höchstschwer ist, der Unternehmung einen glüklichenAusgang zu geben. Von dieser Art ist derHauptknoten der Odyssee, wo die Heimreise desUlysses und die Wegschaffung einer ganzenSchaar muthwilliger und zum Theil mächtigerLiebhaber der Penelope für einen einzeln Men-schen ein höchst schweres Unternehmen war.Auch gehört der Hauptknoten der Aeneis hie-her; worauf der Dichter gleich Anfangs unsreAufmerksamkeit lenket (Aeneis I. 33):
„So mühseliges Werk war des RömischenVolkes Errichtung."
Je größer der Dichter diese Schwierigkeit zumachen weiß, je mehr Gelegenheit hat er, dieFruchtbarkeit seines Geistes und,die Größe sei-nes Herzens zu zeigen. Hier liegt also dieSchwierigkeit in der Bewürkung des Aus-ganges.
Es giebt noch eine andre Art des Knotens,der nicht von Hindernissen entsteht, die sicheiner Handlung in Weg legen, sondern wo dieSchwierigkeit darin liegt, daß uns die Größeder würkende» Ursachen, das Fundament, wor-auf sie sich stützen, deutlich vor Augen gestelltwerde. Große Dinge rühren uns entwederdurch den Erfolg selbst, den sie haben, oderdurch die Kraft, wodurch er hervorgebrachtworden. Daß Leonidas mit seiner kleinen Schaarbey Thermopylä von einem unermeßlichen Heer-Feinde niedergemacht worden, hat in dem Er-folg selbst nichts wunderbares: aber woherdieser kleinen Schaar der Muth gekommen,gegen eine so gar überlegene Macht zu streiten,und ihr einigermaßen den Sieg zweifelhaft zumachen, dieses begreiflich zu machen, erfordertdie Kunst.
Die größte Handlung, selbst das größteWunderwerk, reizt unsre Aufmerksamkeit nurin sofern wir die Schwierigkeit derselben ein-sehen , oder den Erfolg mir den Kräften ver-gleichen können. Die äußerste Freygebigkeiteines Menschen, den wir für einen Goldmacherhielten, würde uns gar nicht merkwürdig schei-nen. Aber eine große Freygebigkeit an einemMenschen, den wir nicht im Ueberfluß glaubenwird uns interessant, wir wollen wissen, wie erzu solchen Entschlüssen komme, die ihm natür-licher Weise sehr viel kosten müssen.
Bey Charakteren und Handlungen der Men-schen ist es nicht hinlänglich, daß man sie unsals groß vorstellt; man muß uns ihre Größebegreiflich machen, man muß uns ihre Kräfteund das Fundament, worauf sie sich stützen,sehen lassen, damit wir wenigstens einigermaßenbegreifen, wie sie zu der Höhe, die wir bewun-dern, aufgeschwollen sind. Dieses macht denKnoten aus, der uns die Sachen interessantvorstellt. "
Er entsteht insgemein aus einem Streit derLeidenschaften, oder dem Zusammenstoß entgegen-streitender Interessen.
Von dieser Art ist der Hauplknoten in derJlias. Es ist eine gemeine Sache, daß zwey
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