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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
395-396
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Thomas Abbt.

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eine Mannichfaltigkeit und Menge, oder Aus-dehnung, welche die gewöhnlichen Maaße ganzübersteiget. Der starke Gedanke setzt eine Dauervoraus, und eine Bewegung, die von demMaaße der Kräfte und der gewöhnlichen Ver-änderlichkeit abweicht.

Wenn der heilige Dichter Ps. 104 sagt: Mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückct. Licht ist dein Kleid,das du anhast; du breitest aus den Himmel wie einen Teppich; du wölbest es oben mitWasser, du fährest auf den Wolken, wie aufeinem Wagen, und wandelst auf den Fittigendes Windes- Mit der Tiefe deckest du dasErdreich, wie mit einem Kleide, und Wasserstehen über den Bergen. Aber vor deinemSchelten fliehen sie, und vor deinem Donner fahren sie dahin:« so erkennet jeder dieseGedanken für das erste Muster des Erhabenenund Großen. Hingegen stark sind folgende Ge-danken eben dieses Dichters.Herr, du er-forschest mich und kennest mich: ich sitze oderstehe auf, so weißest du es, ich gehe oder liege,so bist du um mich; du schaffest es, was ich vor oder hernach thue, und haltest deine Handüber mir. Wo soll ich hingehen vor deinem

Geiste, und wo soll ich hinfliehen vor deinem

Angesichts? führe ich gen Himmel: so bist du

da; bettete ich mir in die Hölle: so bist du

auch da; nähme ich Flügel der Morgenröthe:so würde mich doch deine Hand daselbst füh-ren, und deine Rechte mich halten. Sprächeich: Finsterniß mögen mich decken, so muß dieNacht auch Licht um mich seyn. Ps. 139. Dann auch Finsterniß ist bey dir nicht finster,und die Nacht leuchtet wie der Tag: Finster-niß ist wie das Licht. Sollte ich deine Ge-

danken zählen: so würden ihrer mehr seyn

als des Sandes: wenn ich erwache, bin ichnoch bey dir.« Man sieht diesen Unterschiedeben so deutlich bey Bildern, deren Umfang

nicht so groß ist als der Umfang der beyden

Gemählde, die ich eben angeführt habe. Ichnehme das eine Bild aus den Prophezeihungendes Esaias.So spricht der König zu Assur:Jes. 4, 13. ich habe es durch meiner HändeKraft ausgerichtet und durch meine Weisheit;denn ich bin klug. Ich habe die Länder an-ders getheilet, und ihr Einkommen geraubet;und wie ein Mächtiger die Einwohner zu

Boden geworfen. Und meine Hand hat ge-funden die Völker wie ein Vogelnest: ichhabe alle Länder zusammengeraffet, wie manEier aufraffet, die verlassen sind. da niemand5eine Feder reget, oder den Schnabel auf-sperret oder zischet." Dieses Bild ist groß.Hier ist das andre dagegen, das stark ist: Ir-rem. 30, 5.Wir hören ein Geschrey desSchreckens, es ist eitel Furcht da, und kein10Friede. Ach, forschet doch und sehet, ob einMannsbild gebühren möge? Wie gehts dennzu, daß ich alle Männer sehe, ihre Hände auf ihren Hüften haben, wie Weiber in Kin-desnöthen und alle Angesichte so bleich sind?"15 Bey den Metaphern sogar wollte ich ebenden Unterschied angeben.

Wie stark ist nicht im Buche der Makka-bäer der Gedanke über Alexandernund derErdkreis schwieg in seiner Gegenwart!" Wie-20 derum zu den großen Gedanken rechne ich,was Shakespear vom Markus Antonius dieKleopatra sagen läßt:Königreiche und Inselnwaren wie Goldstücke, die aus seiner Tasche

25 " Eben so leicht zerfallen die Empfindungenin die beyden Klassen der Großen und Starken.Das größte Glück nach einem unersetzlichenVerluste ist die Vergessenheit!" Was füreine starke Empfindung! Kaiser Friedrich der30 Illte schrieb sie an die Wand seines Zimmers,als er aus Wien vor seinem Ungarischen Feindefloh. Ich brauche die bekannte Rede der Mcdeaals ein Beyspiel der erhabenen Empfindung hiernicht anzuführen.

35Das Leben soll ihnen eine Quaal, undder Tod ein Trost seyn!" ist außer allemStreite stark empfunden, so wie das folgendegroß ist; was Hektor heraussagt:kein Glücks- zeichen ist besser als das, fürs Vaterland40fechten!" lJlias 12, 243.,

Ueberhaupt aber sagt man: ein Schrift-steller habe mit Stärke und Nachdruck geschrie-ben, wenn seine Bilder und Gründe einen da»-renden Eindruck gelassen haben; wenn sie jeden45 Leser theils zu Entschließungen gebracht, theilsin eine anhaltende Farbe der Gemüthsverfas-sung gesetzt haben. Daher rechnet man indieser Absicht alle pathetischen Gedanken zu denstarken Gedanken.

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Johann Georg Sulzer.

Knote n.

In der Kunstsprache wird dieses Wort ins-gemein gebraucht, um in der epischen und dra-matischen Handlung eine solche Verwiklung zubezeichnen, aus welcher beträchtliche Schwierig-

keiten entstehen, wodurch die handelnden Per-sonen veranlasset werden, ihre Kräfte zu ver-doppeln, um sie zu überwinden, und die Hin-dernisse aus dem Wege zu räumen. Aber der