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Johann Jakob Engel.
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entstanden ist, verliert das Interessante. Wasnicht mit Schwierigkeiten verbunden ist, machtkeine große Würkung
Man kann gegen den Hauptknoten in demVerlornen Paradies, noch immer den Einwurf 5machen, daß der Fall der Eva durch leichteMittel hätte verhindert werden können; so sehrauch der Dichter sich Mühe giebt, dem Ein-
würfe zuvorzukommen. Es scheinet immer selt-sam, einen Menschen in einen wichtigen Fehlerfalle» zu lassen, um das Vergnügen zu haben,ihm zu verzeihen. Aber der Fehler lag in demtheologischen System des Dichters, und vielleichtwäre kein Genie groß genug diesen Knoten ganznatürlich zu knüpfe» und aufzulösen.
Johann Jakob Engel.
L'obrcdc auf den König (Friedrich den Großen).
Meine Herren!
Wenn schon ein zu dürftiger und zu gering-fügiger Gegenstand dem Redner nachtheilig ist;so ist es noch weil mehr ein zu großer und zu 3»erhabner. An jenem kann noch immer seinWitz oder sein Scharfsinn Seilen finden, vondenen er merkwürdig erscheint; er kann durchdie Zauberkraft der Beredsamkeit seine Zuhörertäuschen; kann, wenn auch nicht Bewunderung 35für den Mann, den er loben will, wenigstensBewunderung für sich selbst erwecken. Aber wodie Vorlrefflichkeitcn seines Helden zu glänzend,zu. mannichfaltig, zu unbcgränzt sind; wo erschon alle Seelen der Zuhörer von ehrfurchts- 40voller Bewunderung durchdrungen, alle in Er-wartung einer eben so außerordentlichen Kraftder Beredsamkeit findet, als außerordentlich derMann ist, der durch sie geehrt werden soll: damuß der Muth auch des kühnsten Redners, zu- 45gleich mit der Einbildungskraft und der Sprache,erliegen. Er thut dem Genie seines Helden,und thut vielleicht seinem eigenen, Unrecht:jenem, weil er ihn weniger erhaben in derSchilderung darstellt, als er in der Natur ist; 50und diesem, weil man nur allzuleicht Schwächeder Kunst mit Schwäche des Redners ver-wechselt.
Darf ich's erst sagen, wie sehr dieß der Fallbei dem Lobrcdncr eines Königes sei, welcher 55seines Jahrhunderts, aus das er somächtig gewirkt hat, und der Stolz eines Vol-kes ist, das ihn als seinen zweiten Schöpferverehrt? Nicht jene glorreichen Siege des Kö-nigs; jene Thaten, die Europa in Erstaunen 60setzen, und oft mehr Wunder einer Gottheitals Wirkungen menschlicher Kräfte schienen;nicht irgend eine seiner einzelnen Tugenden undVortreflichkeiien, seine weise Kühnheit und Un-erschrockenheit, wenn er schlägt, seine vorsich- 65lige Betriebsamkeit, wenn er unterhandelt, seinüber dem ganzen Staate offner, immer wach-samer, Alles durchspähcndcr Blick , der so schnelljeden Mangel und die Mittel ihm abzuhelfen
entdeckt; seine Milde, seine Gerechtigkeit, seineMäßigkeit, seine rastlose Geschäftigkeit: nichtdiese einzelnen Thaten und Tugenden sind es,welche die Schwierigkeit der Schilderung ma-che»; aber ihrer aller wundervolle Harmonie,ihrer aller Hinstreben, durch so unzählige mitt-lere Zwecke hindurch, zu einem einzigen letztenund großes, Endzweck, welcher der EndzweckGottes in seiner Schöpfung und jedes wahrhaftgroßen Monarchen in seinem Reich ist: diehöchste in der Verbindung mögliche, Wohlfahrt.Ein Blick auf das Ganze eines solchen Charak-ters ist, wie ei» Blick auf das Ganze der Na-tur, wo sich jeder einzelne Theil in der Vor-stellung verdunkelt; Alles, was Sinne, wasEinbildungskraft, was Pinsel des Malers da-von fassen und darstellen können, sind nur ein-zelne Seiten, sind nur hie und da herausgeho-bene Scenen: das Ganze selbst ist kein Anblickund kein Gemälde mehr; es ist eine Wirkungder nachsinnenden Vernunft, ein Gedanke.
Doch wie, wenn sich eben hier der einzigeWeg eröffnete, den Monarchen, mit dem unsdie Vorsehung gesegnet hat, auf eine nicht ganzunwürdige Art zu loben; Wie, wenn dieserWeg nicht die beredte Erzählung seiner zu gro-ßen und zu zahlreichen Thaten nach aller ihrerWeisheit und Zweckmäßigkeit, nicht der frucht-lose Versuch einer lebendigen Schilderung seinesganzen Charakters wäre, wie er sich durch dasUnterscheidende seiner Lage unterscheidend aus-gebildet, und unter so unzählig mannichfalligenUmständen, in so verwickelten Situationen, ge-glänzt hat; wie, wen» es eine mehr ruhige,untersuchende, nur durch die stille Begeisterungder Vernunft sich erhebende, Betrachtung jenerallgemeinen Bortreflichkeit wäbe, die sich mehroder minder bei jedem wahrhaftig großen König,und mit einem ganz sichtbaren, nicht zu ver-kennenden Vorzüge, bei diesem Einzigen findet?Freilich wird da an die Stelle des Gemäldesein nur flüchtiger unvollendeter Schattenriß,ein Entwurf der äußersten Linie, treten; aber