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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
405-406
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Johann Jakob Engel.

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zu dem vollen, redenden und beseelten, Ge-mälde fehlen die Farben: oder wenn diese Far-ben der Sprache selbst nicht fehlen, so fehlensie wenigstens mir, der ich auch jenen Schat-tenriß nur mit ungewisser und zitternder Hand 5werde zeichnen können.-

Wer auf die Stimme der Schmeichelei hört,die muthwillig alle Begriffe verfälscht, oder desBlödsinns, der keinen ergründet; der wird dergroßen Könige in allen Jahrhunderten und in 10den Geschichtbüchern aller Völker finden. Aberwer nur denjenigen groß nennt, der in einemungewöhnlichen Grade Alles ist, was er soll;wer aus der Anzahl großer Monarchen jedenausstößt, dessen Regierung nicht durch ihn selbst, >5sondern nur durch das glückliche einträchtigeGenie vortreflicher Diener glänzte, und der nurweise genug war, sich leiten zu lassen, da erselbst hätte leiten sollen; wer, mit unverwand-tem Blick auf den einzigen würdigen Zweck eines 20Königs, keine, auch nicht die glänzendsten,Thaten bewundert, sobald sie jenem Zwecke ent-gegenlaufen ; wer das einseitige Talent des Krie-gers von dem mannichfaltigen, so viel andereTalente in sich schließenden eines Monarchen 25unterscheidet: der wird der großen Könige, großim ächten Sinne des Worts, durch ganze Jahr-hunderte und unter ganzen Rationen vergebenssuchen. Er wird, schon eh' er sucht, ihrer nuräußerst wenig zu finden hoffen. Denn wie sehr 30er auch seine Forderungen mäßigen, wie sehrer auch sein Ideal, ohne es gleichwohl zu zer-stören, Herabstimmen mag: so ist und bleibtdas Ideal eines Königs das höchste denkbarealler menschlichen Ideale; und wenn, nach dem 35allgemeinen Gesetz der Natur, das Bortreflichstein jeder Gattung nur so selten erscheint: wieselten muß unter der kleinen Anzahl der Königeder Mann hervortreten, der den Forderungendes schwersten aller Aemter Genüge thut, und 40der, das Größte und Höchste zu seyn, wasMenschen seyn können, beides die Kräfte undden Entschluß hat?

Schon der spekulative Denker, so viel ervon der. unendlichen Jdeenfülle, die sich in dem 45einzigen Begriff eines Staats zusammendrängen,abschneidet, und alle die unsäglichen Hindernisseder Ausführung von Planen vergißt, die aufdem Blatt zu zeichnen und zu berechnen, soleicht, und in der Wirklichkeit darzustellen, so 50schwer sind; schon der Philosoph, sag' ich, ober gleich nur über so vereinfachten, allgemeinenBegriffen arbeitet, findet ihrer noch immer sounzählige zu überblicken und zu verbinden, daßdie Schöpfung des Ideals von einem vollkom- 55men, glücklichen Staate einer seiner genievoll-sten Arbeiten ist. Der Philosoph auf demThrone, oder nicht der Philosoph, sondernder erleuchtete thätige Weise, der das Hauptseines Staatskörpers nicht bloß heißen, sondern 60seyn, nicht bloß vor den übrigen Gliedern,selbst vielleicht das müffigste Glied, hervorra-gen, sondern auch als Haupt für den ganzenKörper denken und alle seine Bewegungen ord-nen will: welch eine weil größere Masse von 65Ideen muß er umspannen, bearbeiten, einanderunterordnen, vereinbaren können! das Idealdas er schaffen, oder wenn es vorhanden wäre,wenigstens fassen und durchdenke» soll, ist das

besondre dieses wirklichen Staats, von diesereigenthümlichen Lage, diesem Maaß innrerKräfte, dieser Verwicklung äußrer Verhältnisse,diesem Charakter des Volks, diesen Rechten,Gewohnheiten, Sitten, diesen Grad der Cul-tur, diesen vorhandenen Hülfsmitteln. Es istjenes Ideal des Weltweisen, aber unendlich rei-cher an Bestimmungen, und eben dadurch anSchwierigkeiten. Was für innere Vollkommen-heiten jeder Art, in welchem Grade zu errei-chen möglich? auf welchen Wegen? welche nachden Umständen die wichtigsten? wie jede andrenach ihnen abzumessen, daß keine zum Ruin desGanzen übertrieben werde, und doch auch keineermangle? wie Jedes durch Jedes unterstützen,die zahllosen Räder der großen Maschine in ein-ander eingreifen zu lassen? wie die Gesetzge-bung, die Disciplin, die Staatsökonomie, jedesfür sich und jedes in der Verbindung, auf diehöchste Vollkommenheit hinzurichten? wie dasgrößte fremde Interesse, mit welcher Vorsicht,in das eigene z» verweben? wie bei Bündnissenund Freundschaften das Ansehen mit der Noth-wendigkeit, die Klugheit mit der Redlichkeit zuverbrüdern? alle diese so verwickelten, so un-zählig viel befassenden, Aufgaben zu lösen undglücklich zu lösen: was für Forderungen aneinen König? Was für ein Geist muß es seyn,der sich bis zu der Höhe, wo die Uebersichtmöglich ist, emporschwingen, und mit dem Blickdes Adlers den ganzen weiten Kreis überschaun soll !

Aber dieses Ideal nur innerhalb der Seeleschaffen, ist nicht genug: der Monarch soll ihmauch außer der Seele Wirklichkeit geben; solles, bei dem steten Fluß und Wechsel der Dinge,immer von neuem durchdenken, ergänzen, er-weitern, es in tausend und aber tausend seinerBestimmungen umändern; soll jede Lage derDinge beurtheilen, und indem er den einenBlick in die Vergangenheit, den ander» auf dieGegenwart richtet, die Zukunft enträthseln; solljede Gelegenheit zur Vervollkommnung ergrei-fen und nutzen, jeder Gefahr, die sein edlesWerk zu zerstören droht, entweder ausbeugenoder sie niederkämpfen; soll beides die fähigstenund die redlichsten Diener wählen, sie wederdurch Vertrauen lässig, noch durch Mißtrauenschüchtern machen, in allen den wichtigern An-gelegenheiten des Staats mit eigenen Augensehn, mit eigenen Kräften wirken. Was fürneue Talente, welche Klugheit und Kunst ander Seite der Wissenschaft, welche Menschen-kenntnis, welcher Prüfungsblick, welche Vor-hersehungsgabe, welche Geistesgegenwart, welcheVereinigung aller der namenlosen Eigenschaftenwird erfordert, ohne die keine glückliche Füh-rung der Geschäfte möglich ist, deren Mangelso oft die weisesten Maßregeln unkräftig gemachtund die überlegtesten Entwürfe hat scheitern las-sen ! nicht bloß den allgemeinen Geist aller derKenntnisse, auch die Gaben, die praktischenFertigkeiten aller seiner Diener, des Kriegs unddes Friedens, muß der vereinigt besitzen, dersich in der That als aller Meister und Königzeigen, der sie nicht nur prüfen und auswählen,ihnen nicht nur Richtung und Anstoß geben,sondern auch überall selbst an ihrer Spitze wir-ken, selbst seinen Geschäften vorstehy, seine Heereführen, seine Schlachten gewinnen will.