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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
409-410
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Johann Jakob Engel.

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und Majestät des Throns so innig mit der auf-merksamsten Sorge für die Unterthanen zusam-menhing, in welchem beider Erhaltung undWohl so vorzüglich auf Macht beruhend, dieMacht so richtig gegen die umgebenden Mächteabgewogen, zu ihrer vollen schnellen, ausdau-renden Wirksamkeit die ganze öffentliche Haus-haltung so unentbehrlich; die Sorge für dieMacht in die Sorge für Nahrung und Wohl-habenheit der Bürger durch so mannichfaltigeKanäle wieder zurückgeleitet, Alles in Allem,Kleines in Großem und Großes in Kleinem,so tief gegründet, Alles so ganz nur Ein-sonnement war; so ist's der unsrige. Wenn jeein Staat unverträglich scheinende Eigenschaftenin Harmonie stimmte, die rauhen Künste desKriegs mit den sanften Künsten des Friedensversöhnte, und gleich sehr der innern Gerech-tigkeit, Aufklärung, Geistesfreiheit, als deräußern Sicherheit durch Macht und durch Bünd-nisse wahrnahm; so ist's der unsrige. Wennje in einem Staate die Unvollkommenheiten,wie in der Welt die Uebel, nicht die Schulddes bildenden Geistes, sondern der widerstreben-den Materie, waren: so ist's der unsrige.Nur der Unverstand meistert, und steht erstaunt,wenn sich ihm hie und da die Nothwendigkeitvon Uebeln verräth, die er mit beßrer Er-kenntniß so leicht gehoben glaubte; die Klug-heit, mit cieferm Blick in den Zusammenhang,sieht die Theile durch das Ganze gerechtfertigt,erkennt in den Unvollkommenheiten Quelle oderBedingung höherer Vollkommenheit, und schweigt,wo sie nicht durchblickt, voll Ehrerbietung, weilsie in dem dunklern verdeckter» Theile des Plansdie nämliche Weisheit, muthmaßr, die ihr ausdem Hellern und offner» entgegen leuchtet.

Diesen Staat aber, von so richtiger, seinerNatur so gemäßer, durch so weise Mittel sowohl erreichter Absicht; wer hat ihn entwor-fen ? Wer die Gedanken dazu, die er vorfand,mit so scharfem Blicke gefaßt, so meisterhaftausgebildet, erweitert, vollendet? Ehe nochdie Erfahrung spricht, läßt uns schon die Ver-nunft errathen; daß so ein System nur Werkeines einzigen Geistes seyn konnte; und wer warer, dieser kühne, genievolle, allumfassende Geist?Eben der, der für seinen großen Entwurf auchdie Mittel, ihn wirklich zu machen, fand; des-sen Anschläge sein Reich von einem nur mitt-lern Ansehen zu einem Grade der Macht unddes Einflusses erhoben, daß einst halb Europa wer entscheidet, ob vor Furcht oder vorEifersucht? - sich die Hände bot, es zu zer-trümmern und zu zerreißen. Eden der, derein Leben auf dem Throne hindurch, von sich-rer Klugheit geleitet, nie einen Schritt zurück-wich, immer sich vorwärts Bahn brach; derauch da, als ihn seine Feinde schon im Geistevernichtet sah», und ohne Furcht der Beschä-mung, laut vor der Welt, von seinem Falleund ihrem Triumphe sprachen; da, als seineFreunde und neidlosen Bewunderer dennBewunderer waren alle! für ihn zittertenund kaum mehr zu hoffen wagten; auch danoch, geliebt von der Vorsehung, Wege zurRettung, zur Wiederherstellung, zur Vergröß-rung entdeckte: Er allein war's, der König:Wenn einst fein Geschichrsschreiber die Absichten

der Einrichtungen, die Entwürfe der Thaten,wenn er den Geist sucht, der überall vorwal-tete, und in jeder auch der mißlichsten LageAuswege und Hülfsmittel fand; durch und durchwird er auf ihn, und nur auf ihn, den Mo-narchen , treffe». Aus seiner Seele nahmen dieFeldherren, aus seiner Seele die Verweser desStaatS, ihre Entwürfe; und all ihr Ehrgeiz,den sie kannten, war der: zu seiner Billigungauszuführen, was zu ihrer Bewundrung vonihm gedacht war; all ihr Stolz: daß ein Geistvon seiner Größe und seiner Tiefe der Einsichteben sie zu Werkzeugen und zu Mitgehülfenerkor.

Doch was red' ich nur immer von Weis-heit, Absicht, Anschlägen, Entwürfen? Als obsich nicht in diesem wunderbaren Könige, mitdem Geist und den Einsichten des Feldherrn,des Staatsmanns, des Gesetzgebers, zugleich alleGaben und Fertigkeiten zur Ausführung ver-bänden ! oder als ob seine weitgreffende, uner-müdbare Thätigkeit irgend einen Anlaß, dieseTalente schimmern zu lassen, versäumt, irgendeine der Arbeiten, die ihm selbst zu verrichtenmöglich war, Andern übertragen härte! WarEr's nicht selbst, der mit aller Ueberredungsgabe,Feinheit, Geistesgeschmeidiokeit eines Staats-manns, jeden Großen, denn er wollte, zumFreunde gewann? der seine Staalsverbindungenerrichtete? seine Verträge und Bündnisse schloß?War's nicht sein eigenes Licht, das die Nationaufklärte und Vorurtheile jeder Art in ihrerBlöße beschämte? War's nicht sein eigenerMuth, der sein unüberwindliches Heer befeuerte?seine eigene Kriegskunst, die aller Orten denzweimal, dreimal, stärkern Feind vor ihm Her-trieb? Und in jenem schwarzen schrecklichenZeitpunkt, da Alles mit einer Wuth auf ihneinbrach, daß römischer Muth hätte zagen undrömische Standhaftigkeit wanken können: war'snicht seine eigene Entschlossenheit, Tapferkeit,Geistesgegenwart, unerschütterliche Festigkeit,die das Reich vor dem Untergänge oder wassag' ich, nur vor dem Untergänge? vordermindesten Einbuße einer Hütte, oder einer Erd-scholle an den äußersten Gränzen , rettete? War'snicht seine eigene haushälterische Kunst, womiter so schnell jede Spur des Verderbens ver-tilgte ? die Trümmer wieder zu Mauern, dieAschenhaufen zu Städten, erbauete? das Heerverstärkte? die Zeughäuser anfüllte? die Schatz-kammer erweiterte und Millionen auf Millio-nen häufte?

Eine so anhaltend, so wirksam, aus so man-nichfallige Art bewiesene Größe des Geistes läßtschon von selbst auf den Adel und die Stärkedes Willens schließen, der sich so ejxn> Geistezugesellte. Wer nur flüchtig beobachtet, denverführt das Feurige, Rastlose, immer auf Vol-lendung Dringende, immer auf den höchstenPunkt Gerichtete, i» der Thätigkeit dieses Kö-nigs, daß er überall Leidenschaft, und Leiden-schaft von ungewöhnlicher Stärke, ahnet. Aber"'^zeitiger Beobachtung, fällt ervon Widersprüchen in Widersprüche, bis sichihm endlich der große Gedanke darbietet: daßdie Macht der Vernunft über Seelen von hö-herer Ordnung Alles vermögen müsse; unddie Widersprüche verschwenden. Wenn man die

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