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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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407-408
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4 07 Johann Jakob Engel.

Dennoch, so groß schon diese erste Forde-rung an den Geist eines Königs ist, so ist diezweite an seinen Willen noch großer. Nichtzwar die der Arbeitslied;' und Geschäftigkeitüberhaupt: denn ein großer Geist ist ein gebor-ner thätiger Geist, dem Muße bald unerträg-lich und Wollust ekelhaft wird; aber die strenge,schwere, fast nie erfüllte Forderung der unaus-gesetzten, ganzen und wahrern, Tbätigkeit, dienichts verachret, zurückläßt, verschiebt, die niedas Leichtere dem Schwerern, das Angenehmeredem Nothwendigern vorzieht; dir nicht demschmeichelhaften liebkosenden Locken der stärkernNeigung, sondern dem ernsten Ruf der Vernunftgehorcht, mag er sie zu Beschwerlichkeiten oderErgötzungen, zu Arbeiten des Körpers oder derSeele, des gefahrvollen Kriegs oder des sichernFriedens, wecken; die nicht das einemal ausEkel und Ueberdruß weil vor dem Ziel ermat-tet, noch das andremal im hitzigen, leidenschaft-lichen Anlaufe über das Ziel hinaussetzt.

Der untergeordnete Diener, in seinem en-gern Kreise von weil gleichförmigern Geschäften,denen er sich aus Neigung gewidmet hat, fin-det dennoch, in der Verbindung aller, eineMenge kleiner, leerer, reizloser Arbeiten, dieer fürckpcc, denen er ausweicht, die er so vielals möglich von sich abwälzt; und ein König?Er, dessen Kreis von Geschäften gegen jedenandern so gränzenlos ist: wie viele, selbst dernothwendigern, unumgänglicher», muß er mitaller seiner Neigung streitend, wie peinlich alledie mechanischen, geistlosen, in ekler Einförmig-keit ewig wiederkehrenden Arbeiten finden, derenVersäumniß gleichwohl gefährlich wäre; die allegethan, und von Ihm, dem großen genievollenGeiste, gethan seyn wollen, der hier über seineKraft selbst zu ermatten in Gefahr ist, denseine Thätigkeit selbst an der Thätigkeit hin-dert! — Von einer andern Seite, hat jederGeist seine Lieblingsenrwürfe, die den andern sogern alle Aufmerksamkeit rauben: jedes Herzhat seine Schwachen; und wie der volle blut-reiche Körper, wenn er einmal erkrankt dentödlichsten giftigsten Uebeln, so ist der großekraftvolle Geist den verderblichsten Leidenschaftenunterworfen. Woher da Gegenmittel und Gleich-gewicht; woher da Kraft nehmen, welche dieganze Seele in Achtung, das widerspänstigeHerz in Gehorsam erhalte? Jener, der unter-geordnete Diener, hört, außer der sanftenStimme der Pflicht, die in seinem eignen In-nern erschallt, noch die gebietende warnende,strafende Stimme des Obern: er hat für seineTrägheit einen Sporn, kür seine Leidenschafteinen Zügel; aber ein König? Er, der Gesetz-geber der Nation, selbst keinem Gesetz unter-würfig, der Richter Aller, von keinem Anderngerichtet.- was hat er, das ihn in Schrankenerhalten, ihn antreiben oder zurückhalten könnte,als einzig seine eigene Tugend? als die Gewaltseiner Vernunft über alle, auch die Lieblings-neigungen seines Busens? Und doch ist's umseine ächte Große gethan; verloren ist der Ruhm,den er durch seine Talente sich selbst, die Glück-seligkeit, die er seinem Volke erwerben könnte,wenn er nicht seiner Vernunft jene Gewaltüber die Seele eben so unumschränkt giebt, alser selbst sie in seinem Reiche ausübt? wenn e>-

für seine Thätigkeit eine andere Regel, als diedes Besten seines Volks und seines Throns hat;wenn er nicht zu den seltnen, vortrefflichen,Geistern gehört, bei denen Erkenntniß des Be-5 sten Wille, und Wille That ist.

Aber einer Thätigkeit, bloß auf Geheiß derVernunft, hängt so gerne, von ihrem Ursprüngeher, jener Charakter der Kälte, der Trägheitund Langsamkeit, an, der immer ihre Wirkung1V schwächen, oft sie vernichten, dann und wannselbst verderblich seyn würde. Fordre die Staats-klugheit, nach aller Lage der Umstände, denKrieg, und fordre sie ihn da, wo eben derMonarch in Entwürfe des Friedens vertieft ist,15 die den vorzüglichsten Kräfte» seines Geistesfreies Spiel geben, für die er sich im Fortgangsimmer mehr erwärmt, je mehr sie schon Sor-gen gekostet haben, und die er nun alle mitwiderstrebendem Herzen aufgeben soll: welche20 Uebel kann da Kälte, Trägheit, Langsamkeitstiften! Nur eine rasche kühne Hand ergreiftdie vorüberfliehende Gelegenheit, und nur einfeuriges Ansprengen wirft große Hindernisse zuBoden. Soll der beste edelste Wille des Mo-25 narchen die ganze wohlthätige Wirkung haben,die er kann, so muß noch der letzte, der vollen-dende Zug zum Charakter hinzukommen: Ermuß fähig seyn, ohne Leidenschaft leidenschaft-ähnlich zu handeln; er muß eine Seele voll30 Feuer, und dies Feuer in seiner Macht, haben:nicht nur, um es da, wo es natürlicher Weiseausbricht, zu mäßigen oder zu dämpfen, son-dern auch überall, wo es ausbrechen soll, eshinzugebieten. Die allgemeine Liebe des Besten35 seines Volks, und der edle große Ehrgeiz, durch-aus den Beifall der Weisesten, vor allen aberseiner selbst, zu haben, muß die reine, herr-schende und mächtige, Flamme seines Busensseyn, an der sich jeder einzelne Vorsatz ent-

40 zünde, die jeder seiner Thaten befeure. --

Wer sich selbst zu'schwach fühlt, um See-len von dieser Stärke, oder zu eingeschränkt,um Geister von jenem Umfange der Fähigkeitenfür mehr als Wesen der Einbildung und ge-45 träumte Ideale zu halten; den werden die ver-gangenen Jahrhunderte durch hie und da einengroßen edlen Geist, der bei innrer Vortrefflich-keit auch die äußern Anlässe sich zu bilden undzu entwickeln fand; den wird vor allen das50 unsrige durch das Beispiel eines Monarchen be-schämen , dessen Geschichte die einzige seinerwürdige Lobrede ist. Seine Thaten, sowohl desKriegs als des Friedens, sein öffentlicher undsein besonderer Charakter; Alles redet.

55 Wenn die Wirkung von ihrer Ursache, dasWerk von dem Werkmeister, zeugt; so mag dasReich von dem Geiste zeugen, dem es Ausbil-dung und Vollendung verdankt. Wo war imAlterthume, oder wo ist zu unsern Seiten das60 Reich, das an absichtsvoller Weisheit des innernBaues, an richtiger Ordnung oder fester Ver-bindung der Theile, dem unsrigen vorstünde?Oder vielmehr: Wo ist das Reich, das, alsSystem mit System, mit dem unsrigen könnte65 verglichen werden? — Wenn je ein Staat war,der einen tief durchdachten, überall verbundnen,auf die höchste durch ihn nur mögliche Wirkungberechneten Plan hatte; so ist's der unsrige.Wenn je ei» Staat war. in welchem Würde