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Matthias Claudius.
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alles in der Welt, sagt er, und, wenn einer's umstößt, so geht alles über und drunter.
Denn kam er auf die Gelehrsamkeit, unddie Gelehrten zu sprechen, und zog bey derGelegenheit gegen die Ungelahrten los. Alle 5Hagel, wie fegt' er sie! Dem ungelahrten Pö-bel setzen sich die Vorurtheile von Alp, Leich-dörnern, Religion :c. wie Fliegen auf die Naseund stechen ihn; aber ihm, dem Magister,dürfe keine kommen, und käm ihm eine, Schnaps 10schlüg' er sie mit der Klappe der Philosophiesich auf der Rasen todt. Ob, und was Gottsey, lehr' allein die Philosophie, und ohne siekönne man keinen Gedanken von Gott habenu. s. w. Dies nun sagt' der Magister wohl aber 15nur so. Mir kann kein Mensch mit Grundder Wahrheit nachsagen daß ich 'n Philosophsey, aber ich gehe niemahls durch 'n Wald,daß mir nicht einfiele, wer doch die Bäumewohl wachsen mache, und denn ahndet mich so 20
von ferne und leise etwas von einem Unbekann-ten, und ich wollte wetten, daß ich denn anGott denke, so ehrerbietig und freudig schauertmich dabey.
Weiter sprach er von Berg und Thal vonSonn' und Mond, als wenn er sie hätte machenhelfen. Mir siel dabey der Jsop ein, der ander Wand wächßt; aber die Wahrheit zu sagen,'s kam mir doch nicht vor, als wenn der Ma-gister so weise war, als Salomo. Michdünkt, wer was rech es weiß, muß, muß —säh ich nur '»mahl einen, ich wolt 'n wohlkennen, malen wollt' ich 'n auch wohl, mitdem hellen heitern ruhigen Auge, mit dem stil-len großen Bewußtseyn ;c. Breit muß sich einsolcher nicht machen können, am allerwenigstenandre verachten und fegen. O! Eigendünkelund Stolz ist eine feindseelige Leidenschaft;Gras und Blumen können in der Nachbarschaftnicht gedeyen.
m. Johann Caspar Lavatrrs phyjwgnomische Fragmente zur Beförderung derMenschenkenntnis? und Menschenliebe, mit Kupfern, gr. 4. Bey WeidmannsErben und Reich in Leipzig, und bey Steiner in Winterthnr etc.
Das ist 'n Buch, wie mir in meiner Pra-xis noch kein's vorgekommen ist. Was da fürGesichter darin stehen! groß und klein! ehrenfestund ehrenloß! sauer und süß! schief und krummu. s. w.! und so viele Schnabels, und Nasenund Münde, die gar an kein Gesicht sitzen,sondern so in freyer Lust schweben! Einige Ge-sichter sind rabenschwarz, das müssen wohlAfrikaner seyn u. s. w.
So viel ich verstanden habe, sieht HerrLavater den Kopf eines Menschen und son-derlich das Gesicht, als eine Tafel an, daraufdie Natur in ihrer Sprache geschrieben hat:„allhier logiret in üuliio ei» hochtrabender Ge-„selle! ein "Pinsel! ein unruhiger Gast! ein„Poet! Wilddieb! 'n Recensent! ein grosser„ mulhiger Mann! cinekleinefrcundliche Seele rc."
Es wäre sehr naiv von der Natur, wennsie so jedwedem Menschen seine Kundschaft andie Nase gehängt hätte, und wenn irgendeinerdie Kundschaften lesen könnte, mit dem möchteder Henker in Gesellschaft gehen. Darumschämen sich auch einige Leute wohl so, schla-gen die Augen nieder, und mögen einen nichtgrade ansehen.
Da die Herren Colleguen verschiedentlichüber dies Buch geperorirt haben; so werde ichwohl nicht schweigen, denn das müßte schlechtseyn, wenn ich nicht noch weniger von der gan-zen Sache verstünde, als einer von ihnen: unddazu hab ich das Buch nur zweymahl einenhalben Lag, bey einem vornehmen Gönner ge-lesen^, und bin also absonderlich zu einem luäoxcompeleiis qualisicirt, werde auch nicht erman-geln, die Sache zu ventiliien, pro und con-tra, vernünftig und unvernünftig, langsichtigund kurzsichtig, nach Exempel» und nach demGeneralbaß u. s. w. wie's das Metier mitsich bringt. Vorher will ich nur noch geschwind
erzählen, wie's mir mit den Gesichtern in demBuch gegangen ist. Bey'n Paar von den Ge-sichtern sah ich den guten frommen Engel, derhinter der Haut steht, klar und deutlich, und35 aus 'n Paar andern kuckte mich der — leib-haftig an. Bey den meisten war's aber so: wennich'n Gesicht angesehcnhabe, ohne den Text zu lesen,so hab ich nicht gewußt, was darin wäre undwas ich davon sagen sollte; sobald ich aber La-40 vaters schönen Text dazu gelesen hatte, habich's alles darin gefunden, und es hat michoft recht gewundert, wie ich das alles so ausdem Gesicht sehen könnte. Doch zur Sache.
Die Physiognomie ist eine Wissenschaft von45 Gesichtern; Gesichter sind ooncrela, denn siehängen xoncralitor mit der würklichen Naturzusammen, und sitzen l'pocialitor fest am Men-schen; es wäre also die Frage: ob der berühmteHandgriff „ ^bslraotio " und die „ lUetlioüus50 a»al)-tica" hier nicht zu appliciren wäre, daßman nämlich auf die Erfahrung Acht gäbe: obder Buchstabe i allemahl, wenn er vorkommt,den Tüttel habe, und ob der Türtel, wenn ervorkommt, niemahls über einen andern Buch-55 staben stehe; denn so hätte man heraus, daßder Tüttel und der Buchstabe Zwillingsbrüderwären, und, wo Castor sich betreten liesse,Pollux nicht weit sey. Zum Exempel, es sollenhundert Herren seyn, die alle sehr schnell zu60 Fuß sind, und davon Proben und Beweis ge-geben haben; und diese hundert Herren hättenalle eine Warze vorne auf der Nase. Ich sagenicht, daß die Herren, die eine Warze vorneauf der Rase haben, feige Memmen sind; sie65 sollen's nur des Exempels wegen seyn, undman soll nicht einen Renommisten mit einerWarze vorne auf der Nase gefunden haben,und ich wüßte das. Nun ponamus, mir kämeein Kerl ins Haus, der mich einen hungrigen