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Christoph Martin Wieland.
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Tumult für den geschicktesten Augenblick hieltder Gegenpartei in die Flanke zu fallen — mitseinem vergoldeten Hammelsfell aneiner Stange vor sich her und mit seiner gan-zen Priesterschaft hinterdrein, in eben diesemAugenblick herbey gekommen wäre, dem AufruhrEinhalt zu thun; indem er dem Pöbel die Ver-sicherung gab, daß ihnen genug geschehen sollte,und daß er selbst der erste sey, der darauf an-trage, daß die Sache vor dem großen Rathabgethan werden müsse.
Diese öffentliche Versicherung des Präla-ten, und seine Herablassung und Leutseligkeit,nebst der Ehrfurcht, die das Abderitische Volkfür das v e r go lde te Ham nie lsfel l zu tra-gen gewohnt war, that eine so gute Wirkung,daß in wenig Augenblicken alles wieder ruhigwar, und der ganze Markt von einem lauten:Es lebe der Erzpriester Agakhyrsus! erschallte.Die Verwundeten schlichen sich ganz ruhig nachHause, um sich ihre Köpfe verbinden zu lassen:der übrige Troß strömte hinter dem zurückkeh-renden Erzpriester her; der Zunftmeister aberhatte den Verdruß zu sehen, daß ein großerTheil seiner sonst so treu ergebenen Schatten,von der Ansteckung des übrigen Haufens hinge-rissen, den Triumf seines Gegners vergrößernhalf, und in diesem Augenblick des Taumelsleicht dahin hätte gebracht werden können,allen den wilden Mukhwillen, den sie kurz zu-vor an ihren vermeintlichen Feinden, denEseln, auszuüben bereit waren, nun an ihreneigne» Freunden, den Schatten, auszulasten.
Neuntes Kapitel.
Politik beider Parteyen. Der Erzpricstcr verfolgt seinen
erhaltenen Vortheil. Die Schatten ziehen sich zu-rück. Der entscheidende Tag wird festgesetzt.
Dieser »»vermuthete Vortheil, den der Erz-priester über die Schatten gewann, kränktediese um so viel empfindlicher, da er ihnennicht nur die Freude und Ehre des Sieges,den sie im Senat erhalten hatte», verkümmerte,sondern ihre Partey selbst merklich schwächte,und ihnen überhaupt zu erkennen gab, wiewenig sie sich auf die Unterstützung eines leicht-sinnigen Pöbels verlassen dürsten, der vonjedem Wind auf eine andere Seite geworfenwird, und selten recht weiß, was er selbstwill, geschweige was diejenigen mit ihm machenwollen, von denen er sich treiben läßt.
Agakhyrsus, der nun das erklärteHaupt der Esel war, halte durch seineEmiffarien erfahren, daß die Gegenpartei) durchnichts mehr bey der gemeinen Bürgerschaft ge-wonnen habe, als durch den Widerstand, dendie Beschützer des Eseltreibers anfänglich tha-ten, da die Sache vor den großen Rath gespieltwerden sollte.
Da dieser Rath aus vier hundert Män-nern bestand, welche als die Repräsentan-ten der gesammten Bürgerschaft von Ad-ders angesehen wurden, und wovon die Hälftewirklich bloße Krämer und Handwerksleute wa-ren : so glaubte sich jeder gemeine Mann durchdie vermeinte Absicht, die. Vorrechte desselbentlnschränken zu wollen, persönlich beleidigt; unddie Vorspieglung des Zunftmeisters Pfriem, daßKurz, vros. Sit.
es auf einen gänzlichen Umsturz ihrer demo-kratischen Verfassung abgezielt sey, fanddesto leichter Eingang.
In der That war es auch um das, was in5 der Abderitische» Staatseinrichtung demokra-tisch schien, bloßes Schattenwerk und politi-sches Gaukelspiel. Denn der kleine Rath,dessen zwey Drittel aus allen Geschlech-tern bestanden, machte im Grunde alles, was10 er wollte; und die Fälle, wo die Vierhun-dert zusammen berufen werden mußten, wa-ren in dem Abderitische,, Grundgesetz auf solcheSchrauben gestellt, daß es beynahe gänzlich vondem Urtheil des kleinen Raths abhing, wann15 und wie oft sie die V icrh „ n dert mä nncrzusammen berufen wollten, um zu dem, wasjener schon beschlossen hatte, ihre treugehor-samste Beystimmung zu geben. Denn gewöhn-lich war dieß alles, was man diesen wackern20 Leuten zumuthete, die (nach einer billigen Vor- 'aussetzung) zu viel mit ihren eignen Angelegen-heiten zu thun hatten, um sich über Gcsetzge-bungs- und Staatsverwaltungssachen die Köpfezu zerbrechen. Aber eben darum, weil dieses25 Vorrecht der Abderitische» Gemeinen nicht vielzu bedeuten hatte, waren sie desto eifersüchti-ger darauf; und um so nöthiger war es, demKolke das Gängelband zu verbergen, an wel-chem man es führte, indem es allein zu gehen30 glaubte.
Es war also ein wahrer Meistcrstreich vondem Erzpriester, daß er sich nun auf einmahlund in einem Augenblicke, wo die Wirkungdavon plötzlich und entscheidend seyn mußte,35 dem Volk in einer Sache zu Willen erklärte,auf die es einen so hohen Werth legte. Undda er, anstatt etwas dabey zu wagen, vielmehrdadurch einen starken Riß in den Plan derGegenpartei, machte: so hatte diese nunmehr40 alle Ursache, auf neue Mittel und Wege zudenken, wie sie den Erzpriestcr und seinen An-hang wieder aus dem Vortheil heben, und dengünstigen Eindruck auslöschen möchte, den erauf das gemeine Volk gemacht hatte.
45 Die Häupter der Schatten kamen nochan selbigem Abend in dem Hause der DameSalabanda zusammen, und beschlossen: daßman, anstatt die Ernennung eines nahen Ta-ges zur Zusammenberufung der Vierhundert50 bey den, Archo» zu betreiben, sich vielmehr(falls es nöthig seyn sollte) verwenden wolle,solche zu verzögern, um dem Volke Zeit zugeben, sich wieder abzukühlen. Inzwischen wollteman die Bürgerschaft unter der Hand und mit55 aller Gelassenheit zu- überzeugen suchen: wiethöricht sie wären, sich von dem Erzpriesterund seinen Mi lcseln als etwas verdienstlichesanrechne» zu lassen, was doch nichts wenigerals guter Wille, sondern eine bloße Folge ihrer60 Schwäche sey- Wenn die Esel es in ihrerGewalt gehabt hatten, die Sache dem großenRath aus den Händen zu reißen, so würdensie es gethan, und sich wenig darum beküm-mert haben, ob es dem Volke lieb oder leid65 sey- Dieser plötzliche Absprung von ihrem vo-rigen stadtkundigen Betragen sey ein allzu gro-ber Kunstgriff, die Volkspartey zu trennen,als daß man sich dadurch betrügen lassen könne.Vielmehr habe man um desto mehr Ursache,33