591 Christoph Martin Wieland. 592
Sicherheit umzustoßen. — Der Senat von Ad-ders fand tuest Gründe ganz bedenklich; eswurde lange für und wider mit großer Subti-lität gestritten; und da Pamfus einige Zeitdaraus in den Rath gewählt worden war,schien die Sache um so viel verwickelter und seineGründe von Zeit zu Zeit immer b cdenklicherzu werden. Der Bauer starb ohne den Ausgangdes Handels zu erleben; und seine Erben,welche zuletzt merkten, daß gemeine Bauersleutewie sie gegen einen so großen Herrn, als einRalhsherr von Adders war, nichts gewinnenkönnten, ließen sich endlich von ihrem Syko-santen zu einem Vergleich bereden: vermögedessen sie die Prozcßkosten bezahlten, und vondem Bau der streitigen Scheune um so mehrabstanden, da sie — kein Geld mehr dazu hat-ten, und der Prozeß von ihrem Erbgute soviel weggefressen halte, daß sie keiner neuenScheune mehr bedurften, um die wenigenFrüchte, die ihnen noch zu bauen übrig blieben,aufzubehalten.
Nun war es zwar ziemlich klar, daß diesebeiden Rtchlshändel zu Entscheidung des vor-liegenden sehr wenig Licht geben konnten; zu-mahl da in keinem von beiden definitiv ge-sprochen worden war, sondern beide durch güt-lichen Vergleich ihre Endschafc erreicht hatten:allein der Rathsherr, der sie producirte, schienauch keinen andern Gebrauch davon machen zuwollen, als dem Senat zu zeigen: daß diesebeiden Händel, die sowohl in Rücksicht auf dieWichtigkeit des Gegenstandes als dieSubtilitäl der Rechtsgründe sehr vieleÄhnlichkeit mit dem Eselsprozeß zu habenschienen, so viele Jahre lang vor dem Abdcri-tischen kleinen Rath geführt und verhandeltworden seyen, ohne daß sich jemand habe bey-geben lassen an den großen Rath zu provo-zieren, oder nur zu zweifeln, ob der kleineauch wohl Fug und Macht habe in Sachendieser Art zu erkennen.
Die sämmtlichen Esel unterstützten dieseMeinung ihres Parteyvcrwandlcn mit destogrößerm Eifer, da sie die Stimmenmehrheit inHänden hatten, wofern die Sache vor Rathabgethan worden wäre. Allein eben darum be-harrten die Schatten desto hartnäckiger beyihrem Widerspruch.
Der ganze Morgen wurde mit Streitenund Schreyen zugebracht; und die Herren wür-de» endlich (wie ihnen öfters zu begegnenpflegte) um Essenszeit unverrichteler Dinge auseinander gegangen seyn, wenn eine große An-zahl gemeiner Bürger von der Schatten-partey, die sich auf Veranstaltung des Zunfi-weisters Pfriem vor dem Rathhause versammelthatte und durch eine Menge herbey gelaufnenPöbels von der niedrigsten Gattung verstärktworden war, der Sache nicht endlich den Aus-schlag gegeben hätte. Die Partey des Erzprie-sters legte in der Folge dem Zunftmeister zurLast, daß er geflissentlich ans Fenster getretensey und das Volk durch gegebene Zeichen zumAufruhr angereizt habe. Allein die Gegenpaneyläugncte diese Beschuldigung schlechterdings,und behauptete: das unziemliche Geschrey, daseinige Esel auf einmahl erhoben hätten,habe die unten versammelten Bürger auf die
Gedanken gebracht, als ob den Herren vonihrem Anhang Gewalt geschehe, und dieserIrrthum habe den ganzen Lärm veranlaßt.
Wie dem auch seyn mochte, auf einmahl!> schallte ein brüllendes Geschrey zu den Fensterndes Nathhauscs hinauf: Freyheit, Frey-heit! Eslebe der Zunftmeister Pfriem!Weg mir den Eseln! Weg mit den Ja-ssir ide»! u, s. w.
10 Der Archon kam ans Fenster und gebotden Aufrührern Ruhe. Aber ihr Geschrey nahmüberhand; und einige der frechsten drohten dasRathhaus auf der Stelle" anzuzünden, wenndie Herren nicht unverzüglich aus einander ge-ll) hen, und die Sache dem großen Rath und demVolk anheim stellen würden. Etliche lose Bu-ben und Häringsweiber drangen wirklich mitGewalt in die benachbarten Häuser, rissenBrände von den Feuerherden, und kamen da-2V mit zurück, um dey gnädigen Herren zu zeigen,daß es mit ihrer Drohung im Ernste gemeintsey.
Indessen hatte der Auflauf, der hierdurchverursacht wurde, eine Anzahl Esel herbey25 gerufen, die den Herren von ihrer Partey mitKnütteln, Feuerzangen, Hämmern, Fleischmes-sern, Mistgabeln, und dem ersten dem bestenwas ihnen in die Hände gefallen war, zuHülfe kommen wollten: und wiewohl sie von30 den Schatte» bey weitem übermehrt wa-ren; so trieb sie doch ihre Hcrzhafcigkcir unddie Verachtung, womit sie die ganze Parteyder Schatten ansahen, die wörtlichen Belei-digungen mit so nachdrücklichen Hieben und35 Stößen zu erwiedern, daß es blutige, Köpfeabsetzte, und das Handgemeng in wenig Au-genblicken allgemein wurde.
Bey so gestalten Sachen war nun freylichin der Rathsstube nichts andres zu thun, als40 einhellig zu beschließen, daß man, lediglichaus Liebe zum Frieden und um des gemeinenBesten willen, für dicßmahl eitra pravjuciioiunrsich gefallen lassen könne, daß der Handel we-gen des Eselsschattens vor den großen Rath,45 gebracht, und der Entscheidung desselben über-lassen würde.
Inzwischen war den guten Rarhsherren st-etig i» ihrer Haut, daß sie, so bald man sich(wiewohl ans eine sehr tumulluarische Weise)50 zu diesem Schlüsse vereiniget hatte, den Zunft-meister Pfriem mit aufgehobnen Händen baten,sich herunter zu begeben und das aufgebrachteVolk zu beruhigen. Der Zunftmeister, dem esmächtig wohl that, die stolzen Patricier so tief55 unter die Gewalt des Knieriemens gedemüthigczu sehen, zögerte zwar nicht, ihnen diese Probeseines gute» Willens und seines Ansehens beydem Volke zu geben; aber der Tumult warschon so groß, daß seine Stimme, wiewohl eine00 der besten Bierstimmen von ganz Adders, ebenso wenig gehört wurde, als das Geschrey einesSchiffjungen im Mastkorb unter dem donnern-den Geheul des Sturms und dem Brausen derzusammen prallenden Wellen. Er würde sogar05 in der ersten Wuth, in welcher der Pöbel (derihn nicht sogleich erkannte) bey seinem Anblickausbrannte, seines eignen Lebens nicht sichergewesen seyn, wenn nicht glücklicher Weise derErzpriester Agathyrsus - der diesen zufälligen