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Christoph Martin Wielarw.
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so konnte man ohne Gefahr voraussetzen, daßdie Zehnmänncr von Abdera, im Durch-schnitt genommen, den Ausschuß der blödestenKöpfe in der ganzen Republik ausmachten. Dieguten Leute waren so bereitwillig, die Erzäh-lung des Oberpriesters für eine Thatsache,die gar keinem Einwurf ausgesetzt seyn könne,anzunehmen, daß sie die Abhörung der Zeugenfür eine bloße Formalität anzusehen schie-nen , womit man so schnell als möglich fertigzu werden suchen müsse. Da nun Strobylusdie Herren von der Richtigkeit des Wundersschon zum voraus so wohl überzeugt fand: soglaubte er um so weniger zu wagen, wenn erohne Zeitverlust zu demjenigen fortschritte, weß-wegen er sich die Mühe genommen, die ganzeFabel zu erfinden.
„Bon dem ersten Augenblicke an, sagte er,da meine eignen Ohren Zeugen dieses Wunder-zeichens gewesen sind, welches (wie ich wohlsagen kann) in den Jahrbüchern von Abderaniemahls seines gleichen gehabt hat, stieg derGedanke in mir auf: daß es eine Warnungder Göttin seyn könnte vor den Folgen ihrerRache, die, wegen irgend eines geheimen unbe-straften Verbrechens, über unsern Häupternschweben möchte; und dieß setzte mich in dieNothwendigkeit, des Archons Gnaden zu ge-genwärtiger Versammlung des sehr ehrwürdi-gen Zehnmännergcrichts zu veranlassen. Wasdamahls bloß Vermuthung war, hat sich seiteiner einzigen Stunde zur Gewißheit aufgeklärt.Der Frevler ist bereits entdeckt, und das Ver-brechen durch Augenzeugen erweislich, gegenderen Wahrhaftigkeit um so weniger einigerZweifel vorwaltet, da der Thäter ein Mannvon zu großem Ansehen ist, daß etwas gerin-geres als die Furcht der Götter Leute von ge-meinem Stande dahin bringen könnte, als Zeu-gen wider ihn aufzutreten. Sollten Sie esjemahls für möglich gehalten haben. Hochgeach-tete Herren, daß jemand mitten unter uns ver-wegen genug seyn könne, unsern uralten, vonden ersten Stiftern unsrer Stadt auf uns an-gecrbten, und durch so viele Jahrhunderte un-befleckt erhaltenen Gottesdienst und dessen Ge-bräuche und heilige Dinge zu verachten, und,ohne Ehrerbietung weder für die Gesetze nochden gemeinen Glauben und die Sitten unsrerStadt, muthwilliger Weise zu mißhandeln, wasuns allen heilig und ehrwürdig ist? Mit EinemWorte, können Sie glauben, daß ein Mannmitten in Abdera lebt, der, dem Buchstabendes Gesetzes zu Trotz, Störche in seinemGarten unterhält, die sich täglich mit-Fröschen aus dem Teiche der Latonafüttern?"
Erstaunen und Entsetzen drückte sich beydiesen Worten auf jedem Gesicht aus. Wenig-stens mußte der Archon, um nicht der Einzigezu seyn, der die Ausnahme machte, sich ebenso bestürzt anstellen, als es seine übrigen Kol-legen wirklich waren. Jsts möglich? schrieendrey oder vier von den ältesten zugleich: undwer kann der Bösewicht seyn, der sich einessolchen Verbrechens schuldig gemacht hat?
„Verzeihen Sie mir, erwiederte Strobylus,wenn ich Sie bitte, diesen harten Ausdruck zumildern. Ich meines Orts will lieber glauben.
daß nicht Gottlosigkeit, sondern bloßer Leicht-sinn, und was man heut zu Lage, zumahl seitDemokrir sein Unkraut unter uns ausge-streut hat, Filosofie zu nennen pflegt, dieQuelle dieser anscheinenden Verachtung unsrerheiligen Gebräuche und Ordnungen sey. Ichwill und muß dieß um so mehr glauben, dader Mann, der des- besagten Frevels durch daseinhellige Zeugniß »on mehr als sieben glaub-würdigen Personen überwiesen werden kann,selbst ein Mann von geheiligtem Stande, selbstein Priester, mit Einem Worte, da es — derJasonide Agathyrsus ist."
Agathyrsus? riefen die erstaunten Zehn-männer aus Einem Munde. Drey oder viervon ihnen erblaßten, und schienen verlegen zuseyn, einen Mann von solcher Bedeutung, undmir dessen Hause sie immer in gutem Verneh-men gestanden, in einen so schlimmen Handelverwickelt zu sehen.
Strobylus ließ ihnen keine Zeit sich zu er-hohlcn. Er befahl, die Zeugen herein zu rufen.Sie wurden einer nach dem andern abgehört;und es ergab'sich: daß Agathyrsus allerdingsseit einiger Zeit zwey Störche in seinen Gär-ten unterhielt: daß man sie öfters über demgeheiligten Leiche schweben sehen, und daß wirk-lich einer seiner quakenden Bewohner, der sicheben am Ufer sonnen wollte, von einem dersel-ben verschlungen worden sey.
Wiewohl nun hierdurch die Wahrheit derBeschuldigung außer allem Zweifel gesetzt schien:so glaubte der Archon Onolaus dennoch, dieKlugheit erfordere, zu Verhütung unangeneh-mer Folgen, mit einem Wanne wie der Erz-priester Jasons säuberlich zu verfahren. Ertrug also darauf an, daß man sich begnügensollte, ihm von Seiten der Zehnmänner freund-lich bedeuten zu lassen: „ Man sey geneigt fürdießmahl zu glauben, daß die Sache, worüberman sich zu beklagen habe, ohne sein Ver-missen geschehen sey; man verspreche sich abervon seiner bekannten billigen Denkart, er werdekeinen Augenblick Anstand nehmen, die verbre-cherischen Störche an die Vorsteher des heiligenTeiches auszuliefern, und den Zehnmannernsowohl als der ganzen Stadt hierdurch einegefällige Probe seiner Achtung gegen die Ge-setze und religiösen Gebräuche seiner Vaterstadtzu gebe»-"
Drey Stimmen von neunen bekräftigten denAntrag des Archon: aber Strobylus und dieübrigen setzten sich mit großem Eifer dagegen.Sie behaupteten: außerdem, daß es auf keineWeise zu billigen sey, eine so übermäßige Ge-lindigkeit gegen einen Bürger von Abdera zugebrauchen, der eines Verbrechens von solcherSchwere überwiesen sey, fy erfordere auch dieGerichtsordnung, daß man ihn nicht eher ver-urtheile, eh er gehört und zur Verantwortunggelassen worden. Diesem zu Folge trug Srro-bylus darauf an: daß der Erzpriester vorgela-den werden sollte, unverzüglich vor den Zehn-männern zu erscheinen, und sich auf die widerihn angebrachte Klage zu verantworten; unddieser Antrag ging, alles Einwendens der Mi-norität ungeachtet, mit sechs Stimmen gegenviere durch. Der Erzpriester wurde also mit
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