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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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603-604
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Christoph Martin Wieland.

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allen in solchen Fällen üblichen Förmlichkeitenvorgeladen.

Agathyrsus war nicht unvorbereitet, alsdie Abgeordneten der Zehnmänner in seinemHaus erschienen- Nachdem er sie über eineStunde- hatte warten lasten, wurden sie endlichin einen Saal geführt, wo der Erzpriester, inseinem ganzen Ornat, auf einem erhöhten elfen-beinernen Lehnstuhle sitzend, das stotternde An-bringen ihres Worthalters mit großer Gelassen-heit anhörte. Als sie damit fertig waren,winkte er mit-der Hand einem Bedienten, derseitwärts hinter seinem Stuhle stand. Führedie Herren, sagte er zu ihm, in die Gärten,und zeige ihnen die Störche, von denen dieRede ist, damit sie ihren Principalen sagenkönnen, daß sie solche mit ihren eignen Augengesehen haben ; hernach bringe sie wieder hierher.

Die Abgeordneten machten große Augen;aber die Ehrfurcht vor dem Erzpriester bandihre Zungen, und sie folgten dem Diener still-schweigend, als Leute, denen nicht ganz wohlbey der Sache war. Als sie wieder zurück ge-kommen, fragte sie Agathyrsus, ob sie dieStörche gesehen hätten? und da sie insgesammtmit Ja geantwortet hatten, fuhr er fort: Nunso geht, macht dem sehr ehrwürdigen Gerichtder Zehnmänner mein Kompliment, und sagtdenen, die euch geschickt haben: ich lasse ihnenwissen, daß diese Störche, wie alles übrige,was in dem Umfang des Jasontempels lebt,auch unter Jasons Schutze stehen; unddaß ich die Anmaßung, einen Erzpriestcr diesesTempels vorzuladen und nach den AbdcritischenGesetzen richten zu wollen, sehr lächerlich finde.Und damit winkte er ihnen, sich wegzubegeben.

Diese Antwort — deren sich die Zehnmän-ner um so mehr hätten versehen sollen, daihnen nicht unbekannt seyn konnte, daß derJasontempel mit seiner Priesterschaft von derGerichtsbarkeit der Stadt Abdera gänzlich be-freyt war — setzte sie in eine unbeschreiblicheVerlegenheit; und der Oberpriester Stroby-lus gerieth darüber in einen so heftigen Zorn,daß er vor Wuth gar nicht mehr wußte, waser sagte, und endlich damit endigte, der gan-zen Republik den Untergang zu drohen, woferndieser unleidliche Stolz eines kleinen aufgebla-senen Pfaffen, der (wie er sagte) nicht einmahlals ein öffentlicher Priester anzusehen sey,nicht gedcmüthigt, und der beleidigten Latonadie vollständigste Genugthuung gegeben werde.

Allein der Archon und seine drey Rathshcr-ren erklärten sich: daß Latona ifür deren Fröschesie übrigens alle schuldige Ehrerbietung hegten)nichts damit zu thun habe, wenn die Zehn-männer die Grenzen ihrer Gerichtsbarkeit über-schritten. „Ich hab' euchs vorher gesagt, sprachder Archon, aber ihr wolltet nicht hören. Würdemein Borschlag angenommen worden seyn, sobin ich gewiß, der Erzpriester hätte uns einehöfliche und gefällige Antwort gegeben; dennein gut Wort findet eine gute Statt. Aberder ehrwürdige Oberpriester glaubte eine Gele-genheit gefunden zu haben, seinen alten Grollan dem Erzpriester auszulasten; und nun zeigtes sich, daß er und diejenigen, die sich von sei-nem unzeitigen Eifer hinreißen ließen, dem Ge-richt der Zehnmänner einen Schandfleck zuge-

zogen haben, den alles Wasser des Hcbrusund Nestus in hundert Jahren nicht wiederabwaschen wird. Ich gesteh' es, (setzte er miteiner Hitze hinzu, die man in vielen Jahrennicht an ihm wahrgenommen hatte) ich bin esmüde, der Vorsteher einer Republik zu seyn,die sich von Eselsschatten und Fröschenzu Grunde richten läßt, und ich bin sehr ge-sonnen, mein Amt, eh' es Morgen wird, nie-derzulegen; aber so lang' ich es noch trage,Herr Oberpriester, sollt Ihr mir für jede Un-ordnung haften, die von diesem Augenblick anauf den Straßen von Abdera entstehen wird?'— Und mit diesen Worten, die mit einem sehrernstlichen Blick auf den betroffnen Stroby-lus begleitet waren, begab sich der Archonmit seinen drey Anhängern hinweg, und ließdie übrigen in sprachloser Bestürzung zurück.

Was ist nun anzufangen? sagte endlich derOberpriester, den die Wendung, die das Werkseiner Erfindung wider alles Vermuthen genom-men hatte, nicht wenig zu beunruhigen anfing;was ist nun zu thu», meine Herren?

Das wissen wir nicht, sagten die beydenZunftmeister und der vierte Rathsherr, undgingen ebenfalls davon; so daß Strobylusund die zwey Vorsteher des geheiligten Teichesallein blieben, und, nachdem sie eine Zeit langalle drey zugleich gesprochen hatte», ohne selbstrecht zu wissen, was sie sagten, endlich desSchlusses eins wurden: vor allen Dingen beydem einen der Vorsteher — die Mittagsmahl-zeit einzunehmen, und sodann mit ihren Freun-den und Anhängern zu Rathe zu gehen, wiesie es nun anzufangen hätten, um die Bewe-gung, worein das Volk diesen Morgen gesetztworden war, auf einen Zweck zu lenken, derden Sieg ihrer Partey entscheiden könnte.

Eilftes Kapitel.

Agathyrsus beruft seine Anhänger zusammen. Sub-stanz seiner Rede an sie. Er ladet sie zu einemgroßen Opfcrfest ein. Der Archon OnvlauS willsein Amt niederlegen. Unruhe der Partey des Erz-pricstcrS über dieses Vorhaben. Durch was für eineList sie solches vereitelt.

Inzwischen ließ Agathyrsus, so bald dieAbgeordneten der Zehnmänncr sich wiederwegbegeben hatten, unverzüglich die Vornehm-sten von seinem Anhang im Rath und unterder Bürgerschaft nebst allen Jasoniden zusich berufen. Er erzählte ihnen, was ihm soeben aus Anstiften des Priesters Strobylusmit den Zehnmännern begegnet war, und stellteihnen vor, wie nothwendig es nun, für dasAnsehen ihrer Partey sowohl, als für die Ehreund selbst für die Erhaltung der Stadt Abderasey, die Anschläge dieses ränkevollen Mannes zuvereiteln, und dem Volke, welches er durch dielächerliche Fabel von der Wehklage dcrLatonen-frösche in Unruhe gesetzt, wieder einen entgegengesetzten Stoß zu geben. Es falle eitlem jedenvon selbst in die Augen, daß Strobylus die-ses armselige Mährchen nur deßwegen ersonnenhabe, um die eben so ungereimte, aber wegender abergläubischen Borurtheilc des Volks destogefährlichere Anklage, die er gegen ihn, denErzpriester, bey den Zehnmännern angebracht,

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