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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
625-626
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tzhrlstoplf Martin Wieland.

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Sechzehntes Kapitel.

llnvermuthctc Entwicklung der ganzen Komöcic undWiederherstellung der Ruhe in Addern.

Der Esel, dessen Schatten zeither (nach demAusdruck des Archon Onolaus) eine so seltsameVerfinsterung in den Hirnschädeln der Adden-den angerichtet hatte, wir bis zu Austrag derSache in den öffentlichen Stall der Republikabgeführt, und bisher daselbst nothdürftig ver-pflegt worden.

Das beste, was man davon sagen kann, ist,daß er nicht fetter davon geworden war.

Diesen Morgen nun war es den Stallbe-dienten der Republik, welche wußten, daß derHandel zu Ende gehen sollte, auf einmahl ein-gefallen: der Esel, der gleichwohl eine Haupt-person bey der Sache vorstellte, sollte doch bil-lig auch von der Partie seyn. Sie hatten ihnalso gestriegelt, mit Blumenkränzen und Bän-dern heraus geputzt, und brachten ihn nun,unter der Begleitung und dem Nachsauchzenunzähliger Gassenjungen, in großem Pomp her-bey geführt.

Der Zufall wollte, daß sie in der nächstenGaffe, die in den Markt auslief, anlangten,als Polyfonus eben seinen Nachtrag geendigthatte, und die armen Richter sich gar nichtmehr zu helfen wußten, das Volk hingegen,zwischen der Furcht vor,dem Erzpriester, unddem neue» Stoß, den ihm die zweyte Rede desSykofanten Fysignatus gegeben, in einer un-gewissen und mißmuthigen Art von Bewegungschwankte.

Der Lärm, den die besagten Gassenjungenum den Esel her machten, drehte jedermannsAugen nach der Seite, woher er kam. Manstutzte und drängte sich hinzu.

Ha! rief endlich einer aus dem Volke, dakommt der Esel selbst! — Er wird den Rich-tern wohl zu einem Ausspruch helfen wollen,sagte ein andrer. — Der verdammte Esel, riefein dritter, er hat uns alle zu Grunde gerich-tet! Ich wollte, daß ihn die Wölfe gefressenhätten, eh' er uns diesen gottlosen Handel ausden Hals zog! — Heyda! schrie ein Kessel-flicker, der immer einer der eifrigsten S ch a t -ten gewesen war; was ein braver Abderitist, über den Esel her! Er soll uns dieZeche bezahlen! Laßt nicht ein Haar aus sei-nem schäbichcen Schwanz von ihm übrig bleiben!

In. einem Augenblick stürzte sich die ganzeMenge auf das arme Thier, und in wenigAugenblicken war es in tausend Stücke zerris-sen. Jedermann wollte auch einen Bissen da-von haben. Man riß, schlug, zerrte, kratzte,balgte und raufte sich darum mit einer Hitze,die gar nicht ihres gleichen hatte. Bey einigenging die Wuth so weit, daß sie ihren Antheilauf der Stelle roh und blutig auffraßen; diemeisten aber liefen mit dem, was sie davon ge-bracht, „ach Hause; und da ein jeder eine Mengehinter sich her Hatte, die ihm seinen Raub mitgroßem Geschrey abzujagen suchte, so wurdeder ganze Markt in wenig Minuten so leer alsum Mitternacht.

Die Vierhundert,nänner waren im erste»Augenblick dieses Aufruhrs, wovon sie die Ur-sache nicht sogleich sehen konnten, in so großeKurz, Pros. vil.

Bestürzung gerathen, daß sie alle, ohne selbstzu wissen, was sie thaten, die Mordwerkzeugehervor zogen, die sie heimlich unter ihren Män-teln bey sich führten; und die Herren sahen ein-ander mit keinem kleinen Erstaunen an, da aufeinmahl, von, Nomofylax bis zum unterstenBeysitzer, in jeder Hand ein bloßer Dolch fun-kelte. Als sie aber endlich sahen und hörten,was es war, steckten sie geschwinde ihre Messerwieder in den Busen, und brachen allesammt,gleich den Göltern i,n ersten Buche der Jlias,in ein unauslöschliches Gelächter aus.

Dank sey dem Himmel! rief endlich, nach-dem die sehr ehrwürdigen Herren wieder zu sichselbst gekommen waren, der Nomofylax la-chend aus: mit aller unsrer Weisheit hätte»wir der Sache keinen schicklichern Ausgang ge-ben können. Wozu wollten wir uns nun nochlänger die Köpfe zerbrechen? Der Esel, derunschuldige Anlaß dieses leidigen Handels, ist(wie es zu gehen pflegt) das Opfer davon ge-worden: das Volk hat sein Müthchen an ihmabgekühlt; und es kommt jetzt nur auf einegute Entschließung von unsrer Seite an, sokann dieser Tag, der noch kaum so aussah, alsob er ein trübes Ende nehmen würde, ein Tagder Freude und Wiederherstellung der allgemei-nen Ruhe werden. Da der Esel selbst nichtmehr ist, was half' es noch lange über seinenSchatten zu rechten? Ich trage also daraufan: daß diese ganze Esels fache hiermit öffent-lich für geendigt und abgethan genommen, bei-den Theilen, unter Vergütung aller ih-rer Kosten und Schäden aus der Stadt-Ren terey, ein ewiges Stillschweigen aufer-legt, dem armen Esel aber auf gemeiner StadtKosten ein Denkmahl aufgerichtet werde,das zugleich uns und unsern Nachkommen zurewigen Erinnerung diene, wie leicht einegroße und blühende Republik sogarum eines Eselsschattens willen hättezu Grunde gehen können.

Jedermann klatschte dem Antrag des No-mofylax seinen Beyfall zu, als dem klügstenund billigsten Auswege, den man nach Gestaltder Sachen treffen könne. Beide Parteyenkonnten damit zufrieden seyn, und die Republikerkaufte ihre Beruhigung und Verhütung grö-ßeren Schimpfs und Unheils noch immer wohl-feil genug. Der Schluß wurde also von denVierhundertmännern einhellig diesem Vor-trage gemäß abgefaßt, wiewohl es einige Mühekostete, den Zunftmeister Pfriem dahin zu brin-gen, daß er nicht den Ungeraden machte; undder große Rath, mir seiner marzialischen Bür-gerwache im Vor- und Hintertreffen, begleiteteden Nomofylax bis vor seine Wohnung zurück,wo er die Herren Kollegen sammt und sondersauf den Abend zu einem großen Koncert ein-lud, welches er ihnen zu Befestigung der wie-der hergestellten Eintracht zum besten geben

wollte.

Der Erzpriester Agathyrsus erließ dem Esel-treiber nicht »nr die versprochenen fünf undzwanzig Prügel, sondern schenkte ihm nochobendrein drey schöne Maulesel aus seinem eig-nen Stalle, mit dem ausdrücklichen Verbot,keine Schadloshaltung aus dem AbdcritischenSkadtseckel anzunehmen. Des folgenden Tages10

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