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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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623-624
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Christoph Martin Wicland.

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Rede seines Gegentheils etwas neues vorzubrin-gen habe; und da ihm dieses den Rechten nachnicht versagt werden konnte, so ließ er sich fol-gender Maßen vernehmen:

„Wenn das gerechte Vertrauen zu einemso ehrwürdigen Gericht, wie das gegenwärtige,den verhaßten Nahmen einer bestechenden Schmci-cheley, womit mein Gegentheil solches zu bele-gen sich nicht gescheut hat, verdient, so mußich mich darein ergeben, einen Vorwurf aufmir sitzen zu lassen, den ich nicht vermeidenkann; und ich glaube allenfalls durch eine allzuhohe Meinung von euch, Großmögende Herren,weniger zu sündigen, als mein Gegner durchdie Einbildung, eure Gerechtigkeit und Einsichtin einer so groben Schlinge zu fangen, als die-jenige ist,.die er euch gelegt hat. Der Scheinvon gesunder Vernunft, womit er seine plumpeVorstellungsart der Sache überstrichen, und einTon, den er seinem Klienten abgcborgt zu ha-ben scheint, können höchstens eine augenblicklicheUeberraschung wirken: aber daß sie die Weis-heit des obersten Raths von Abdera ganz um-zuwerfen vermögend seyn könnten, wäre an mirLästerung zu fürchten, und war Unsinn an ihmzu hoffen.

„ Wie? Polyfonus, anstatt die gerechte Sacheseines Klienten zu behaupten, wie er vor demehrwürdigen Stadtgerichte und bisher immerhartnäckig gethan hat, gesteht nun auf einmahlselbst ein, daß der Eseltreiber unrecht und un-sinnig daran gethan habe, seine gegen den Zahn-arzt Slrulhion erhabne Klage auf sein vermein-tes Eigenihumsrecht an den Eselsschatten zugründen; er bekennt öffentlich, daß der Klägereine unbefugte, ungegründete, frivole Klageerhoben habe: und er untersteht sich von Rechtan Schadloshallung zu schwatzen, und in deintrotzigen Ton eines Eseltreibers Genugthuungzu fordern? Was für eine neue unerhörteArt von Rechtsgelehrsamkeit, wenn der Unrechthabende Theil damit durchkäme, daß er amEnde, wenn er sich nicht mehr anders z» hel-fen wüßte, selbst gestände, er habe Unrecht,und mit fünf und zwanzig Prügeln, die er sichdafür geben ließe, und die ein Kerl wie An-ihrar schon auf seinen Buckel nehmen kann,sich noch ein Recht an Entschädigung und Ge-nugthuung erwerben könnte! Gesetzt auch, desEseltreibers Fehler bestände bloß darin, daß ernicht die rechte Akzion instituicrt hätte:was geht das den unschuldigen Gegentheil oderden Richter an? Jener muß sich mit seinerVerantwortung nach der Klage richten; unddieser urtheilt über die Sache, nicht wie sievielleicht in einem andern Licht und unter einemandern Gesichtspunkt erscheinen könnte, sondernwie sie ihm vorgetragen worden. Ich versprechemir also im Nahmen meines Klienten, daß,der gegenthciligen Luflstreiche ungeachtet, dievorliegende Sache nicht nach dem neuen undallen^bishcrigen Verhandlungen zuwider lausen-den Schwünge, den ihr Polyfonus zu gebengesucht, sondern nach Beschaffenheit der Klageund des Beweises abgeurtheilt werde. Die Redeist in gegenwärtigem Nechlsstrcite nicht vonZeitverlust und Detcriorazion des Esels, son-dern von des Esels wchatten. Kläger be-hauptete, daß sein Eigcnthumsrccht an den Esel

sich auch auf dessen Schatten erstrecke, und hates nicht bewiesen. Beklagter behauptete,daß er so viel Recht an des Esels Schattenhabe als der Eigenthümer, oder, was allenfallsdaran abgehen könnte, hab' er durch den Mieth-kontrakt erworben; und er hat seine Behaup-tung bewiesen.

„Ich stehe also hier, Großmögendc Herren,und verlangt einen richterlichen Spruch überdas, was bisher den Gegenstand des Streitsausgemacht hat. Um deffentwillen allein istgegenwärtiges höchstes Gericht niedergesetzt wor-den ! Dieß allein macht jetzt die Sache aus,worüber es zu erkennen hat! Und ich unter-stehe michs vor diesem ganzen mich hörendenVolke zu sagen: Entweder ist kein Recht inAbdera mehr, oder meine Forderung ist gesetz-mäßig, und die Rechte eines jeden Bürgers sinddarunter besangen, daß meinem Klienten dasseinige zugesprochen werde!«

Der Sykofant schwieg, die Richter stutzten,das Volk fing von neuem an zu murmeln undunruhig zu werden, und die Schatten recktenihre Köpfe wieder empor.

Nun, sagte der Nomofylax, indem er sichan Polyfonus wandte, was hat der klägcrischeAnwalt hierauf beyzubringen?

„Hochgeachteter Herr Oberrichter, erwie-derte Polyfonus, nichts — als alles von Wortzu Wort, was ich schon gesagt habe. DerProzeß über des Esels Schatten ist ein so böserHandel, daß er nicht bald genug ausgemachtwerden kann. Der Kläger hat dabey gefehlt,der Beklagte hat gefehlt, die Anwälte habengefehlt, der Richter der ersten Instanz hat ge-fehlt, ganz Abdera hat gefehlt! Man solltedenke», ein böstr Wind habe uns alle angebla-lsen, und es sey nicht so ganz richtig mir unsgewesen als wohl zu wünschen wäre. Käm' esschlechterdings darauf an, uns noch länger zuprostituieren: so sollte mirs wohl auch nicht anAthem fehlen, für das Recht meines Klientenan seines Esels Schatten eine Rede zu hallen,die von Sonnenaufgang bis zu Sonnenunter-gang reichen sollte. Aber, wie gesagt, wenndie Komödie, die wir gespielt haben, so langesie bloß Komödie blieb, noch zu entschuldigenist: so'wär' es doch, dünkt mich, auf keineWeise recht, sie vor einem so ehrwürdigen Ge-richte, wie der hohe Rath von Abdera ist, län-ger fortzuspielen. Wenigstens habe ich keinenAuftrag dazu, und überlasse euch also. Groß-mögende Herren, unter nochmahliger Wieder-hohlung alles dessen, was ich im Nahmen deserlauchten und hochwürdigen Erzpriesters zuRecht gefordert habe, den Handel nun abzuur-theilen und auszumachen - wie es euch dieGötter eingeben werden.«

Die Richter befanden sich in großer Verle-genheit , und es ist schwer zu sagen, was fürein Mittel sie endlich ergriffen haben würden,um mit Ehren aus der Sache zu kommen,wenn der Zufall, der zu allen Zeiten der großeSchutzgott aller Abderiten gewesen ist, sich ihrer,nicht angenommen, und diesem feinen bürger-lichen Drama eine Entwicklung gegeben hätte,deren sich einen Augenblick vorher kein Menschvorsah noch vorsehen konnte.

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