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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
635-636
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Johann Kaspar Lavater.

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Es gibt moralische Schönheiten und Haß- Viele solche schöne Eindrücke auf die Phy-

lichkeiten *). siognomie eines Menschen geben zusammen (bey

Es gibt körperliche Schönheiten und Haß- übrigens gleichen Umständen) ein schönes, viel

lichkeiten der Züge im menschlichen Angesichte. solcher häßlichen — ein häßliches Angesicht.

Nun ist es noch um den vierten Satz zu ü Moralisch schöne Zustände nun haben zu-thun. Sind die Ausdrücke der moralischen folge dessen, was wir oben gesagt haben, schö-

Schönheiten auch körperlich schön? die Aus- nen Ausdruck.

drücke der moralischen Häßlichkeiten auch kör- Dieselben Zustände, tausend Mal wiederholt,

perlich häßlich? oder ist hingegen der Ausdruck machen also bleibende, schöne Eindrücke aus dasmoralischer Schönheiten Häßlichkeit, und der 10 Angesicht.

moralischen Häßlichkeiten Schönheit? oder sind Moralisch häßliche Seclenzustände haben häß-

die Ausdrücke moralischer Beschaffenheiten und lichen Ausdruck. Kommen sie nun oft und im-Austände weder schön, noch häßlich? oder ohne mer wieder, so machen sie bleibende, häßlichezureichenden Grund bald schön, bald häßlich? Eindrücke.

Wir wollen sehen. Man nehme zum Bei- 15 Und zwar vcrhältnißmäßig stärkere und tie-spiel nur den unmittelbaren Ausdruck von man- fere, je öfter und stärker die einzelnen Aus-chcrlei leidenschaftlichen Zuständen der Seele. drücke des oft wiederkommenden Zustandes derMan zeichne einem Kinde, einem Bauren, einem Seele geschehen.

Kenner, einem jeden Andern das Gesicht eines Ferner: Es gibt keinen Gemüthszustand-,

Gütigen und eines Niederträchtigen, eines Auf- 20 der nur in einem einzelnen Gliede oder Theilerichtigen und eines Falschen. Man zeichne ihm des Angesichts, schlechterdings ausschließungs-dassclbc Gesicht in einem Augenblicke edler be- weise, seinen Ausdruck habe. Wenn schon dergegnender Güte, in einem Augenblick verachten- eine Zustand der Seele sich mehr in diesem, alsder Eifersucht, und frage: „Welche dieser Ge- jenem Theile des Angesichts ausdrückt, in demsichter hältst du für schön, — für die schönsten? 25 einen sehr starke, in dem andern beinahe ein-und welche für die häßlichsten? Und, siehe dat merkliche Veränderungen macht, so wird dochKind und Bauer und Kenner werden dieselben eine genauere Beobachtung lehren, daß bei kei-Gesichter für die schönsten halten und alle die- ner Bewegung der Seele kein weicher Theil desselben für die häßlichsten. (Dem Kenner nur Angesichts unverändert bleibt. Was nun vonwerde ich meine Frage um etwas näher bestim- 30 einem Ausdrucke auf einem Gliede oder Theilemen müssen; ich werde ihm sagen müssen: „Ich des Angesichtes wahr ist, das ist von allen wahr;frage nicht, welche sind am besten gemacht? alle verändern sich bei schlechten Zuständen derwelcher Ausdruck ist am wahrsten getroffen? Seele ins Schlechtere; alle bei schönen ins Schö-welches ist der Kunst halber das schönste? son- ncre, so daß das ganze Angesicht jedes Mal eindern welche Gesichter sind an sich, ohne Rück- 35 harmonircnder Hauptausdruck eines gegenwär-sicht auf die Kunst des Zeichners, schön, und tigen regierenden Gemüthszustandcs ist.welche häßlich?)" In allen Theilen des Angesichts geben also

Ich frage weiter : „ Bon welchen Leiden- vcrhältnißmäßig oft wiederholte Gemüthszustände

schaften, welchen Gemüthszuständcn diese häßli- häßliche oder schöne, bleibende Eindrücke,chen , jene schönen Gesichter der Ausdruck seien?" 40 Oft wiederholte Gemüthszustände geben Fre-und , siehet es findet sich, daß gerade die häß- tigkeiten; Gewohnheiten kommen von vorhan-lichsten Ausdrücke auch die häßlichsten Gemüths- denen Neigungen, und geben Leidenschaften,zustünde bezeichnen. Also fasse ich diese Sätze zusammen, und

Dasselbe gilt nun auch bei allen den tau- sie lauten in Einem Satze also:sendfältigen Vermischungen und Zusammen- 45 „Die Schönheit und Häßlichkeit des Angc-setzungen aller moralisch schönen und moralisch sichts hat ein richtiges und genaues Verhältniß

häßlichen Gemüthszuständc und ihrer Ausdrücke. zur Schönheit und Häßlichkeit der moralischen

' . " Beschaffenheit des Menschen."

Bis hieher, denke ich, hat die Sache wenig Je moralisch besser, desto schöner.

Schwierigkeit. Ja, vielleicht möchten mich 50 Je moralisch schlimmer, desto häßlicher.

Manche schon einer entbehrlichen Weitläufigkeit ' . '

beschuldigen. Nun brechen Einwendungen hervor, wie

Allein der nächste Schritt ist eben so wenig Waldwaffer. Ich höre sie rauschen. Mit furcht-

mit Schwierigkeit umfangen. barem Sturze stützen sie daher, pfeilgerade gc-

Ein jeder vielmals wiederholter Zug, eine 55 gen das arme Hüttchcn, das ich mir gebaut

jede oftmalige Lage, Veränderung des Gesichtes hatte und worin mir so wohl war. Nicht so

macht endlich einen bleibenden Eindruck auf den verächtlich, lieben Leute! Etwas Geduld! Nicht

weichen Theilen des Angesichts. Je stärker der ein armes Skrohhüttchen auf ein Sandbänk-

Zug und je öfter er wiederholet wird, desto chen, - ein massiver Palast auf Felsen erbaut!

stärker», tiefern, unvertilgbarcrn Eindruck (und, 00 Und die furchtbaren Waldströme zerschäumen,wie unten wird erwiesen werden, selbst auf die und ihre Wuth wird sich legen am Fuße des

knochigen Theile von früher Jugend an) macht er. Felsens! oder sie mögen auch fortrauschen , "

Ein tausend Mal wiederholter, angenehmer der Fels steht und der Palast! Man mag es

Zug drückt sich ein und gjht einen bleibenden, mir verzeihen, wenn ich zuversichtlich spreche ,

schönen Zug des Angesichts. 65 Zuversicht ist nicht Stolz. Ich will mich

Ein tausend Mal wiederholter, häßlicher müthigen lassen, wenn ich Unrecht-habe. Msin

Zug drückt sich ein und gibt einen bleibenden, spricht hoch und laut, „daß dieß tausend tag-

häßliche» Zug des Angesichts. lichen Erfahrungen zuwider laufe; wie vicle

«> Gesinnungen des Wohlwollens »nr dc» UcbclwollenS. AuSg. v. Armbeusier.