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Johann Kaspar Lavatcr.
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tugendhaft; der Pöbel, der Niemanden, alswer wider den Buchstaben des sechsten, sieben-ten, achten und neunten Gebots sündigt, la-sterhaft nennt; und der Bauer, der tugendhaftbleibt, so lange er nicht in des Landvoigts Ge-richt fallt; der eingeschränkte Moralist, dernichts moralisch gut heißt, als was durch Wi-derstand und ängstliche Verleugnungen erwor-ben ist, oder dem Tugend gar Stoicismus ist;diese Alle werden — ein Jeder nach seinen Be-griffen - gegen diesen so schwebenden, unbe-stimmten, paradox vorgetragenen Satz aufste-hen und zeugen! Allein man hat ja schon vonoben herunter merken können, daß ich hier dieWörter Tugend und Laster im allerweitestenUmfang, in der größten Ausdehnung nehme,oder eigentlich nur überhaupt von moralischerSchönheit und Häßlichkeit rede! Au jenerrechne ich alles Edle, Gute, Wohlwollende, zuguten Zwecken sich Regende und Wirksame, wiees immer in die Seele gekommen sei» mag; zudieser alles Unedle, Uebelwollende, Widrige,Kleine, wie es immer in das Herz gekom-men sey.
So kann es also kommen, daß der Eineviele vortreffliche Anlagen, viel Gutes hat, auchlange Zeit dieses Gute angebaut hat, aber spä-ter einer Leidenschaft den Zügel läßt, — ineinem Grade, daß ihn alle Welt, nach demSprachgebrauchs vollkommen richtig, als laster-haft vcrurthcilt. Will man nun sagen: „Sieheda deinen lasterhaften Schönen! was will denndeine Harmonie der Tugend und Schönheit?"
Aber wir haben ja angenommen, daß derMann vortreffliche Anlagen, viel Gutes hatte;daß er seinen natürlichen guten Charakter eineZeit lang weiter fortgebaut und befestigt.
Er hatte also und hat noch Gutes, nach-ahmungS-, anstrebungswürdiges Gutes? undje natürlicher ') es ihm ist, je tiefern Grundes in seinen ersten Anlagen hat, desto tiefernund festern Eindruck schöner Züge hat es aufsein Angesicht gepflanzt. Die Wurzeln und derStamm können noch sichtbar seyn, obgleich wildeZweige eingeimpft worden; der Acker, der guteGrund noch merkbar, obgleich Unkraut unterden guten Waizen gesäet ward! So, wer kannes nicht begreifen, wie das noch ein schönGesicht ist, ungeachtet der Lasterhaftigkeit derPerson? Desto wahrer bleibt unser Satz.
Und dann, wahrlich, braucht es kaum einwenig geübte Augen, so wird man finden undgestehen müssen, daß eben das Gesicht, wovonwir reden, vor der Herrschaft dieser Leidenschaftnoch schöner war? und nun wenigstens häßli-cher sey, als ehedem! ach, wie viel unangeneh-mer, gröber, häßlicher sey, als ehedem, wennes auch lange noch nicht aus den Grad kommt,den Gcllerl's Lied bezeichnet:
„Wie blühte nicht des Jünglings Jugend;Doch, er vergaß den Weg der Lugend,
Und seine Kräfte sind verzehrt!
Verwesung schändet sein Gesichte5 Und predigt schrecklich die GeschichteDer Lüste, die den Leib verheert!"
Ich habe recht schöne und gute Jünglingegesehen, die sich in wenig Jahren durch Geil-heit und Unmäßigkeit sehr verhäßlicht haben;10 man nannte sie überhaupt noch immer schön:sie waren es auch; aber, guter Gott! wie tiefunter der vormaligen Schönheit!
So kann auf der andern Seite ein Menschmit besonderer Disposition zu unedel,, Leiden-15 schaftcn, denen eine verderbte Erziehung nochauf den Thron geholfen hat und die also Jahrelang über ihn geherrscht haben, der also auchziemlich häßlich dreinsieht, von einer gewissen Zeitan sich seine Vervollkommnung äußerst anqele-20 gen sey» lassen, gegen seine niedrigen Leiden-schaften zu Felde ziehen, auch bisweilen nichtgeringe Siege über sie erhalten; er kann we-nigstens viele grobe Alisbrüche derselben ver-meiden und aus den edelsten Absichten sie schwä-25 chen. Dieß heißt also in einem sehr richtigenSinne ein eigentlich tugendhafter Mensch; undes gibt einen moralischen Richter, dessen Ur-theil uns über Alles gilt, der in ihm wirklichgrößere Tugend sieht, als in keinem natürlich50 guten Geschöpfe. Und den wird man also alsein Beyspiel anführen wollen von einem häßli-chen Tugendhaften? Freylich! Seine Häßlich-keiten aber sind jcdennoch ein treuer Ausdruckvon allem dem moralischen Unflath, der doch35 in ihm lag und lange wirkte, und dessen schwereMenge das Verdienst seiner Tugend ja eben umso mehr erhöhet. Und abermal, ehe diese Be-strebungen der Tugend anfinge», wie viel häß-licher war die Häßlichkeit des Gesichtes t Und40 seither, man beobachte! wie hat es sich verschö-nert! Sakrales von allen Physiognomistenund Antiphysiognomisten tausend Mal angeführ-tes Beispiel gehört ganz hieher.
Ein sehr gescheuter, aber dabei, ich sage es45 ungern, sehr unbilligerRecensent meines er-sten unreifen phusiognon.ischen Versuchs, denich nennen könnte, aber nicht nennen mag, hat, mit der Miene des triumphirenden Spottsgefragt: „ob Constanlinus nach seiner Be-50 kehrung andere Gesichlszüge gehabt haben werde,als vor derselben?" Ich würde glauben, einenMenschen auf keine Weise tiefer erniedrigen undbeschämen zu können, als wenn ich ihm Allessagen wollte, was sich auf diese Frage antwor-55 ten ließe, und gewiß würde seine Physiognomienach diesen Beantwortungen eine ganz anderesey», als vor denselben! Doch von der Ver-schönerung und Verschlimmerung der Physiog-nomie ein eigenes Fragment.
l> Was naiürlich gut oder böse, Tugend und Laster, so auch Verminst, Verstand, Genie, Einsicht, natürlicheAnlage, Erwerb u.s. w. beißen könne, davon werde» wir häufig zu reden Gelegenheit haben. Nähere Bestimmun-gen werden bei unsern Untersuchungen unentbehrlich seyn.
2> Sehr gelinde heiße ich es IInbilligkcit, wenn ein Rezensent von drey oder vier Gründen, die ein Schrift'steiler für seine Mcvnung evcr zur Rechtfertigung der Herausgabe seiner Schrift anführt, zwey oder drey unterdrückt,den schwächste» Heraushebt, »och falsch ausschreibt und sich darüber mit dc», Pnblilum über den Verfasser lustigmacht. Wie würde man in Rechtssachen einen solchen falschen Richter ansehe» k weiche Rann» ihn, gebe»k