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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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641-642
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Johann Kaspar Lavater.

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Man erwäge ferner:

Es gibt eine unzählbare Menge mannichfal-tiger, kleiner, niedriger, unangenehmer Denk-arten, Manieren, Grobheiten, Launen, Un-mäßigkeiten. Hänge, kleinlicher Begierden, Un-fläthereien, Narrheite», Schiefen, Krümmendes Herzens, die man einzeln und auch hau-fenweise beisammen doch noch lange nicht Lasterheißt, deren viele zusammen aber einen Men-schen häßlich erniedrigen, verderben, verekelnkönnen. Behält er seine Treue im Handel undWandel, hat keine Hauptlaster und noch obendrein ein wenig von einer gewissen bürgerlichenFrömmigkeit, so nennt man ihn einen braven,einen recht braven Menschen, wider den mannichts haben kann. Freilich, so gibt's eineMenge braver und doch häßlicher Leute. Ichhoffe, mich hierüber bestimmt genug erklärt zuhaben.

4. Und vierten» müssen wir den Standpunkt,aus dem wir die Harmonie der moralischen undkörperlichen Schönheit betrachten,. nur etwasentfernter nehmen, so werden einerseits nochviele Einwendungen wegfallen, und anderseitswird nur die Sache um so viel wichtigerwerden.

Wir betrachten nämlich nicht nur die un-mittelbarsten Wirkungen der Moralität undJmmoralität auf die Schönheit des menschliche»Angesichts, sondern auch mittelbare Folgen der-selben zur körperlichen Verschönerung oder Ver-unzierung des menschlichen Geschlechtes. Ichgehe unter eine Menge Volks, ich sehe denPöbel, ich wandle durch Dörfer, kleine Städte,große Städte, sehe die Schlechtesten jedes Or-tes — vornehmen und gemeinen Pöbel! undeine traurige Verwüstung, eine traurige Mengehäßlicher, verzogener Gesichter, Karrikaturenaller Arten, treff' ich an. Die Bemerkungentgeht mir nie, daß der Pöbel, zusammenge-nommen, ordentlich die gröbste Karrikatur desNational-, Stadt-, Dorfcharaktcrs ist. Aberso entsetzlich viel Häßlichkeit, daß meine Seeletief bedrückt und verwundet umhcrwandelt undmeine Augen sich wenden, wenn mich das Bildeines mittelmäßig schönen Menschen, das auchgewiß nicht überspannte Ideal einer Menschen-sigur, verfolgt. Es ist wohl eine Verfolgung,das späte Vorschweben des Glückbildes, wasman besitze» könnte und von dem man, ach, 50so entfernt ist!

Einen Augenblick vergess' ich besonders inmeinem Leben nicht, denn er hat zu tief eingk-schnitten in mein Herz. In einem Garten wares im schönsten Monate, als ich vor einemBeete, voll der herrlichsten Blumen, wonne-voll stand. Mit lusttrunkenem Blicke hing icheine Weile auf diesen schönen Kindern Gottes,und in diesem süßen Gefühl stieg ich in meinenGedanken zu lcbendigern Thierschönheiien undso fort zum Menschen empor, zu dem Höch-sten, das ich durch meine Sinne erkennen kann!zu ihm, der so viel perfektibler ist, als alleBlumen! stand, und ein herrlich Menschen-bild war vor meiner Stirn, das mein Herzmir hoher Wonne umfing; — ein GeräuschVorbeigehender unterbrach mich. Ich blickte

auf; Gott! mir welchem Wehmulhsschreckenmich das Bild traf; ich ߄h drei, gerade dieKurz, Pros. Lil.

allerversunkcnsten, häßlichsten, ekelhaftesten Kerls,drei Ideale von Landstreichern!

Auch seirdcm denk ich oft nach, warumdoch das, in seinen Anlagen so herrliche, das5 schönste Geschlecht von Erdacschöpfen, am tief-sten in so mannichfalrige Gestalten der Häßlich-keit und Ekclhaftigkeit und des Abscheues ver-sunken sei-

Und je mehr ich nachdenke, desto mehr finde10 ich. daß doch immer der Mensch - das Ge-schlecht selbst — und hiemit jedes Individuuman seinem Orte hieran Schuld ist; desto mehrfinde ich, daß auch dieß in dem Kreise dermenschlichen Perfektibilität liegt; desto mehr15 werde ich überzeugt, daß dieß gerade nur wie-der Tugend und Laster in allen Nüancen undin ihren und entfernter» Folgen ist, nämlichauf folgende doppelte Weise:

Einmal: moralische Erschlaffung zieht in20 lausend kleinern und größern Dingen Verfall,Vcrunedlung, Vergröberung, Verderbnis nachsich; und moralische Kraft, Energie, Thätig-keit, Leidcnsstärke zieht von diesem Allen zurück,und bildet allerlei Anlagen zu Schönem und25 Gutem, mithin auch den Ausdruck desselben,Schönheit aller Art, aus.

In kleinen Schritten geht immer eine Ver-schlimmerung vor sich, die sich bis in tausend-fältige Karrikaturen nach den mannichfaltigsten30 determinirendcn Gründen hinaus modifizirt,wenn kein recht warmer Trieb zur Vervoll-kommnung dagegen wirkt.

Und hingegen, wo zum Beispiel, und vor-nehmlich der Trieb der Menschenliebe, der Güte35 im Mcnschenherzen, herrscht, auch ohne Rück-sicht aus den unmittelbaren liebenswürdigstenAusdruck derselben, welche feine, welche festeBildung gibt sie nicht! welch' angenehme Ver-schönerungen! Wen sie belebt, der ist hurtig,40 höflich, sanft, nicht ungeberdig, nicht schläferig,nicht plump, nicht zur Erde gebückt, nicht lau-nisch, nicht — und so hat er noch hundert ne-gative und positive Eigenschaften, die des Men-schen Angesicht verschönern, je früher diese45 Haupttugend aller Tugenden, diese Seele aller,in dem Menschen geweckt, genährt, geschont,gestärkt wird, wenn auch nur ein wenig gear-beitet und Bahn gemacht wird zu den mannich-salkigen, schönen Wirkungen, die sie haben kann.

Und dennoch, was in unserer Materie amallermeisten Aufschluß gibt und die mehresten Ein-wendungen weglenkc: Tugend und Laster, Mo-ralität und Jmmoralität, im weitesten Sinnehaben viel mittelbare Folgen auf die schöne55 oder häßliche Bildung der Kinder ! Wie richtigbeantworten sich da so viele Fälle, wo manetwa fragen kann: » warum dieses von der er-sten Jugend an mit so viel Fleiß erzogene,wirklich auch so lenksame, so tugendhaft gewor-60 dcne Kind, dieses so viel bessere Kind, als etwasein früh gestorbener Vater — dennoch so vielWidriges, so viel Häßliches in seiner Gesichls-bildung habe. ' »Behalten habe", muß mansagen: und: »geerbt oder aus Mutterleib em-65 pfangen habe", setze ich hinzu.

Ich kenne wenig gröbere, handgreiflichereIrrthümer, die doch von so großen Köpfen nochbis jetzt gehegt und unterstützt werden, als den:»Es komme Alles bei dem Menschen von der41