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Johann Kaspar Lavater.
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Erziehung, Bildung, Beispielen her, nicht vonder Organisation und der ursprünglichen Bil-dung des Menschen, diese sey bey Alle» gleich."
Helvetius hat bekanntermaßen in seinemliebenswürdigen Enthusiasmus für die Verbes-serung des Menschengeschlechtes, mithin der Er-ziehung, die Sache gegen alle handgreiflicheErfahrung so weit getrieben, daß ich im Lesenmeinen Augen kaum mehr getraut habe.
Es wird noch hin und wieder in diesenFragmenten Gelegenheit zu mehrerer Ausfüh-rung des einen und andern dahin gehörendenSatzes geben.
Jtzl nur so viel für unsern Zweck:
So wenig ein erwachsener Mensch einemandern völlig gleich sieht, so wenig ist ein Kindzu finden, das in der allerersten Stunde seinesLebens irgend einem andern neugebornen Kindeganz gleich sahe.
Man nehme einer nicht «»empfindsamenMutier ihr Kind weg, wenn sie es nach derGeburt nur zwo Minuten mit einiger Auf-merksamkeit angesehen hat, und lege es unterhundert neugeborne Kinder derselben Stadt oderGegend (wo hiemit die Menschen einander nochähnlicher sind, als sonst nirgends in der Welt),sie wird es gewiß bald aus allen Hundertenhervor finden.
Nun ist es ferner wcltkundige Erfahrung,daß neugeborne Kinder sowohl, als ältere Kin-der, ihrem Vater oder ihrer Mutter, bisweilenbeiden, sowohl in Ansehung der Bildung, alseinzelner Züge auffallend ähnlich sind.
Wie sich Physiognomiken durch viele Ge-schlechter herunter erhalten und so kenntlich im-mer wieder hervorkommen, daß du aus einerMenge solcher Familienporträte, die unter einerMenge anderer gemischt würden, gar viele zurFamilie gehörige wieder zusammenfinden könn-test, verdiente wohl in einem eigenen Frag-mente von Familienphysiognomieen beleuchtetzu werden.
Es ist ferner die ausgemachteste Erfahrungs-sache, daß man in der Gemüthsart, besondersder jüngsten Kinder, frappante Aehnlichkeitenmit der Gemüthsart ihres Vaters, ihrer Mut-ter oder beider zugleich wahrnimmt.
In wie manchem Sohne haben wir den leib-haften Charakter des Vaters, des Vaters Tem-perament und seine meisten moralischen Eigen-schaften l in wie mancher Tochter den Charakterder Mutter vollkommen wieder, oder auch denCharakter der Mutter im Sohne, den des Va-ters in der Tochter.
Und zum Beweise, daß dieß nicht von Er-ziehung und Umständen herrühre, dient geradedas, daß Geschwister von gleichen Umständenund gleicher Erziehung ganz verschiedenen Cha-rakters sind. Und der größte Erziehungskünst-ler, der den ursprünglichen Anlagen und Be-schaffenheiten des Kindes am allerwenigsten zu-schreibt, gibe ja gerade durch seine Erziehungs-
regeln, durch seine Kunstgriffe, dieser und jenersich früh äußernden Gemüthsart so und so zubegegnen, den fehlerhafte» die beste Wendungzu geben und gute wohl zu gebrauchen und5 anzubauen-, gerade dadurch gibt er ja zu: „diemoralischen Anlagen seyen ganz verschieden, jabei jedem Kinde verschieden."
Und wie sehr auch immer eine solche ur-sprüngliche Beschaffenheit des Geblütes und des10 Temperamentes, solche moralische Dispositionen')durch Erziehung zu leiten sind, und obgleichvon dem schlimmsten auch noch einiger guteGebrauch gemacht werden kann, so ist dochoffenbar die eine ursprüngliche Anlage?) besser,15 die andere schlechter, die eine unter eben den-selben vorhandenen Umständen verbcsserlicher undlenksamer, die andere härter, unbiegsamer, un-verbesserlicher. Von Schuld oder Unschuld desKinds Hiebey ist ja gar nicht einmal die Frage.20 Es behauptet ja kein vernünftiger Mensch, daßein Kind bei der schlimmsten Disposition diemindeste moralische Schuld deßhalben auf sichhabe, u. s. w.
Nun sind wir ja da, wohin wir sollten.
25 Es werden Züge und Bildungen geerbt.
Es werden moralische Dispositionen geerbt.
Wer wird nun nach den bisher ausgemach-ten Sätzen daran zweifeln können, daß Harmo-nie zwischen den geerbten Zügen und Bildun-:<0 gen und den geerbten moralischen Dispositionensey?
Ich kenne (und wie viele Menschen von die-ser Art sind zu kennen I) ein Ehepaar; derMann ist furchtbar hitzig, zur Entrüstung ge-35 neigt, tief in der gröbsten Wollust versunken:und in seiner Gesichtsfarbe ist auch wirklich dieseMischung von Heftigkeit und Wollust sichtbar;seine Gesichtszüge sind aufgeschwollen, vergrö-bert, in beständigem Zittern, unruhigem Hin-40 und Herstreben; es zappelt Alles an ihm nachetwas außer ihm. Sein Weib hingegen, einefeine, etwas sanguinisch-melancholische Person,edlen Herzens, mit mancherley feinen weiblichenTugenden geziert, und ihre Bildung wirklich45 fein weiß, ihre Züge edel und angenehm, ihreMiene heiter, gefällig, ruhig, voll bescheidenenGefühles ihrer innern Seelenruhe. Diese Elternhaben zween minderjährige Söhne: einen, derbeinahe ganz des Vaters, einen andern, der50 beinahe seiner Mutter Art an sich hat. Manhat hieven schon die häufigsten Proben. Dassagt man dir voraus; und du bekömmst diesezween Knaben zu Gesichte, siehst an dem einenwilden Blick, gröbere Gesichtszüge, stärkere55 Augenbrauncn, trotzigen Mund, braunrölhcreGesichtsfarbe; der andere hat sanften Blick,weißere Farbe, kurz, dieser sieht seiner Mutterähnlich, wie jener dem Vater, und nun! wasräthst du? „Der dem Vater so ähnlich sieht,60 der hat den Charakter der Mutter? der derMutter so ähnlich sieht, des Vaters Charak-ter?" Oder wirst du sagen: „Ich weiß es
1) Man erlaube mir, bis ich Gelegenheit finde, mich näher z» erkläre», diesen nicht ganz richtigen, wenigstensdem Mißverstände ausgesetzten Ausdruck und andere von dieser Art mehr fort zu gebrauchen. So viel aber seh nur«orauSgesctzt, dast eigentlich der Mensch weder moralisch gut, »och böse auf die Welt kommt, ungeachtet keiner ist,der nicht gut werden kann, und keiner, der nicht böse wird.
-2- Obgleich in einem g-wigcn Sinne alle gut find, nach dem allgemeinen Urtheile aller Menschen. A.