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Johann Kaspar ravater.
der schönen Wissenschaften, der edelsten Künste,vom schöpferischen Genie bis zu dem Reichen,der sich mit dem Ankauf eurer Werke verdientmacht! höret die wichtige Lehre: „Ihr wolletAlles verschönern? Gut, dieß danken wir euch!und das Schönste unter Allem, den Menschen,.wollet ihr häßlich machen? Das wollet ihr dochnicht? So hindert cS nicht, daß er gut werde;so seid nicht gleichgültig, ob er es sev oderwerde! so braucht die göttlichen Kräfte, die ineuer» Künsten liegen, den Menschen gut zumachen, und er wird auch schön werden!"
Die Harmonie des Guten und Schönen,des Bösen und Häßlichen ist ein großes, allwei-tes, herrliches Feld für euere Künste! Denketnicht, den Menschen zu verschönern, ohne ibnnu verbessern! Sobald ihr ihn verschönern wollt,ohne auf seine moralische Güte Rücksicht zunehmen: sobald ihr den Geschmack bilden wolltauf Unkosten des Herzens, so wird er ver-schlimmert. Und dann macht, was ihr wollt,er wird gewiß auch verhäßlichet, und der Sohnund der Enkel, wenn es so fortgeht, werden
es noch mehr; und wie sehr habt ihr danngegen euer« Zweck gearbeitet!
Tändelt ihr ewig mit den Menschen, ihrschönen Künstler? Was heißt das? Es heißt:5 Ihr wollt ein prächtiges Haus bauen, undwollt den Bau durch den Rahmenschnitzlcr undVergolder ausführen!
Ihr hofft, mit Wollust reizenden Stückenseinen Geschmack zu bilden? Was heißt dieß?10 Es heißt: Ihr wollt einen Sohn die WeisheitGottes in der Einrichtung des menschlichenKörpers lehren, und geht hin, ihm die verbor-genen Theile eines Kadavers zu anatomiren.
Doch hicvon noch Manches.
15 Ich ende mit einem hohen Trostworte fürmich und Alle, die wir noch Ursache genughaben, über manches Stück unserer Physiogno-mie und Bildung, die vielleicht hienieden nichtmehr zu tilgen sind, unzufrieden zu seyn — ,20 und die dennoch emporstreben nach Vervollkomm-nung des innern Menschen:
Es wird in Unehre gesäet und herr-lich auferweckt.
II.
Welche Kraft ergreift dich mit diesem An-blicke! Schau die unerschütterliche Gestalt!Diesen ausgebildeten Mann und diesen zusam-mengeknoteten Drang. Sieh' das ewige. Blei-ben und Ruhen auf sich selbst. Welche Gewaltund welche Lieblichkeit! Nur der mächtigste undreinste Geist hat diese Bildung ausgewirkt.
Eherner Sinn ist hinler der steilen Stirnbefestigt: er packt sich zusammen und arbeitetvorwärts in ihren Höckern, jeder, wie dieBuckeln auf Fingals Schild, von heischendemSchlacht- und Lhatengeiste schwanger. NurErinnerung von Verhältnissen großer Thatenruht in den Augenknochen, wo sie durch dieNaturgestalk der Wölbungen zu anhaltendem,mächtig wirksamen Antheil zusammengestrcngtwird.
Doch ist für Liebe und Freundschaft in derFülle der Schläfe ein gefälliger Sitz überblie-ben- Und die Augen! dahin blickend. Als desEdlen, der vergebens die Welt außer sich sucht,deren Bild in ihm wohnt, zürnend und theil-nehmend. Wie scharf und klug das obere Au-genlied! wie voll, wie sanft das untere! Wel-che gelinde»,, kraftvolle Erhabenheit der Nase!Wie bestimmt die Kuppe, ohne fein zu sein,und die Größe des Nasenloches und des Nasen-lappchens, wie lindert sie das Angespannte desUebrigcn! Und eben in diesen untern Lbeilendes Gesichts wohnt eine Ahndung, daß dieserMann auch Sammlung gelassener Eindrückefähig sev. J„ twr Ableitung des Muskels zumMunde herab schwebt Geduld: in dem Munderuht Schweigen, natürliche, liebliche Selbstge-, lassenhcit, d>e seifte Art des Trutzes. Wie ru-hig das Kmn ist, „„j, kräftig ohne Gierig-keit und Gewaltsamkeit sich ^ Ganze schließt!
Betrachte nun den äußer» Umriß. Wie ge-drängt markig! und wiederholt die Ehernheit
Brutus.
der Stirne, die Wirksamkeit des Augenknochens,den gefällig festen Raum an der Seite des Au-ges, die Stärke der Wangen, die Fülle desMundes und des Kinns anschließende Kraft.
5 Ich habe geendigt, und schaue wieder, undfange wieder von vornen an.
Mann verschlossener That! langsam reifen-der, aus tausend Eindrücke» zusammen auf Ei-nen Punkt gewirkter, auf Einen Punkt qedräng-tO ter That! In dieser Stirn ist nichts Gedächt-niß, nichts Urtheil: es ist ewig gegenwärtiges,ewig wirkendes, nie ruhendes Leben, Drangund Weben! Welche Fülle in den Wölbungenaller Theile! wie angespannt das Ganze! Die-15 ses Auge faßt den Baum bei der Wurzel.
Ueber allen Ausdruck ist die reine Selbstig-keit dieses Mannes. Beim ersten Anblicke scheintetwas Verderbendes dir entgegen zu streben.Aber die treuherzige Verschlossenheit der Lip-20 pen, die Wangen, das Auge selbst! Groß istder Mensch, in einer Welt von Großen. Erhat nicht die hinlässige Lerachtuna des Tyran-nen, er hat die Anstrengung dessen, der Wi-derstand findet, dessen, der sich im Widerstände25 bildet: der nicht dem Schicksale, sondern gro-ßen Menschen widerstrebt; der unter großenMenschen geworden ist. Nur ein Jahrhundertvon Trefflichen konnte den Trefflichsten durchStufen hervorbringen.
30 Er kann keinen Herrn haben, kann nichtHerr sein. Er hat nie seine Lust an Knechtengehabt. Unter Gesellen mußte er leben, unterGleichen und Freyen. In einer Welk voll Frey-heit edler Geschöpfe würde er in seiner Fülle35 seyn. Und daß das nun nicht so ist, schlägt imHerzen, drängt zur Stirne, schließt den Mund,bohrt im Blicke. Schaut hier den gordischenKnoten, den der Herr der Welt nicht lösenkonnte.