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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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649-650
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Theodor Gottlieb von Hippel.

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Theodor Gottlieb von Hippel.

I. Meine

So geheim mein Vater mit seinem Vater-lande und seiner Familie war, so freigebig warmeine Mutter, so oft sie von ihrer Familieetwas zu erzählen Gelegenheit hatte. Sie wußtesich sehr viel damit, daß sie, wie sie sagte, aus 5dem Stamme Levi wäre, und zählte fünf Prie-ster- oder (damit die in Curland herrschendelutherische Kirche kein Aergerniß nehme) Pre-diger-Ahnen von Vater- und vier von mütter-licher Seite. Einer ihrer Ahnherren war Su- 10perintendent, und zwei waren Präpvsiri gewesen.

Sie rechnete sich, wiewohl von der Seitenlinie,zu den Verwandten des Superintendenten PaulEinhorn, dessen Vater Alexander Ein-horn der zweite curländische Superintendent 15gewesen war, und wenn sie an den Eifer dach-te, mit welchem der Ehrn Paul Einhornsich der Annehmung des gregorianischen Calen-ders widersetzet; so schien es, daß sie der näm-liche einhornsche Eifer beseelte. Es hat dieser 20würdige Eiferer sich die Calendermärtyrerkroneerrungen, indem er im Jahr nach Ehristi Ge-burt 1055 Dominica XI. post 3'rinitstis aufder Kanzel mitten in einer Calenderpredigt bliebund sein ruhmvolles Leben mir den Worten: 25„verflucht seh der Calend" — sanft und seligendigte. Mein Vater' schien beständig besorgt .zu seyn, es würde meine Mutter eine Märtp-rerkrone in ihrem Bluträchereifer überraschen,weshalb er sie bei der Hand zu nehmen und 30zu sagen pflegte: „fasse dich, mein Kind, dieSache ist beigelegt, wir schreiben heute den —

VI —Meine Mutter hielt indessen bis anihren Tod den gregorianische» Calender für einketzerisches Buch, und ließ sich nie Ader, wenn 35im Calender das Zeichen zum Gutaderlaffenstand. Es mußte kein Haar im Pastorat ver-schnitten werden, wenn der Calender hiezuanrieth, und alles, was sie nur erreichen konnte,mahnte sie ab, Holz zu fällen, Kinder zu enc- 4owohnen, oder sonst eine Medizin zu brauchen,wenn der Calender es gut fand. Es war einGlück für sie, daß diese ungestempelten Tagedie meiste Zeit für sie und die lieben Ihrigengut ausfielen: es war aber ein Unglück für den 45gregorianischen Calender, denn sie nahm ebenhicdurch einen Grund mehr, dawider zu redenund dem Herrn Superintendenten Einhorn zuparentircn.

Ich würde mich um Alles in der Welt SOnicht unterstehen, in Absicht der Ahnen meinerMutter ein Schriftsteller in aufsteigen-der Linie zu werden, und meine Leser verlie-ren auch durch di? Erzählung der rühmlichenThaten, Schlachten und Siege nichts, wodurch 55sich meine Vorfahren mütterlicher Seits, vonder geraden und Seitenlinie, um die Kircheverdient gemacht Sie nannte sie oft Kirchen-

Mutter.

steine, um Alles zusammen zu fassen. Dieserhatte lettische Lieder, wie sie sagte, aus freierFaust gesungen, jener einige übersetzt, ein an-derer hatte sich dem Superintendenten DanielHofft ein, welcher den Exorcismus bei derTaufe der fürstlichen Kinder weggelassen, mitHand und Fuß (ich brauche ihre eigenen Aus-drücke) widersetzt und ihn dem Teufel übergeben,der nach seiner wohlehrwürdigen Meinung dieKomplimente nicht erwiedern würde, die ihmder Herr Superintendent machte: ein andererhatte die Ostereier in seiner Gemeine abgestellt,welches, wie meine Mutter behauptete, ein ausandern Ländern nach Curland gebrachter, nichtallgemein im Schwange gehender, «»christlicherGebrauch wäre, und dieser gute Mann warin Kupfer gestochen. Ich weiß bis diesen Au-genblick nicht, wie er zu dieser Ehre gekommenwar. Meine Mutter hatte diesen Kupferstichlange verwahret, ohne davon einen andern Ge-brauch zu machen, als daß sie, wie sie sagte,dieses Bild alle heilige Abende vor Ostern eineStunde angesehen. Sie behauptete, daß ichetwas Aehnliches in der Gegend um die Augenvon diesem so ehrwürdigen als beherzten Mannehätte, obgleich ich davon nicht die mindeste Spurzu entdecken im Stande war.

Es sev nun dieses oder etwas anderes dieUrsache, genug, meiner Mutter wandelte auseinmal der Einfall an, diesen Kupferstich unterGlas zu setzen und unter den Spiegel zu hän-gen, der im Prunkzimmer des Pastorats gegenMorgen hing.

Mein Vater widersprach diesem Gedanken,da ein Glaser unsere Straße zog, und ist alsodieser gute Mann, obgleich er die Ostereier ab-gebracht , nicht der Ehre gcwürdigct worden,im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgenunter dem Spiegel zur Schau gestellt zu wer-den. Sie war etwas ungehalten über meinenVater, obgleich sie sich solches nicht weiter mer-ken ließ: indessen war es nicht das erste Maldaß sie sein Conto mit einer Schuld belastete'.Sie faßte dieses und beinahe Alles, was siesonst noch auf ihrem Herzen und Gewissen hattedie Noth des ganzen Pastorats zusammen,' undschrieb's flugs unter die Rubrik: nicht ausdem Stamme Levi. Ihrem Zorne brachtesie ein Opfer, das sie nachher sehr bereuete.Sie schickte eben so flugs den Rahmen abzusa-gen , den sie für den Kupferstich bestellt hatte,und war verbunden, obgleich der Rahmen nochnicht zur Hälfte fertig war (und dieses gab zuneuem Aergerniß Gelegenheit), ihn ganz zubezahlen. Nachdem sie ihre zu Paaren getrie-bne Ideen wieder zu Häuf gebracht hakte, ent-warf sie einen neuen Öperationsplan, der ihrauch glücklich einschlug, nämlich diesen verdienst-