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Johann Gottfried von Herder.
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also nöthig sein, jedesmal den Gesichtskreis zubestimmen, und in Absicht jeder Frage, die anein Publicum gelangt, Zeiten und Völker zuunterscheiden.
1. Vom Publicum der Ebräer.
Das Ebräische Volk ward von seinem Ur-sprünge an als ein genetisches Individuum, alsEin Volk betrachtet. Der sterbende Stamm-vater sprach zu seinen Söhnen für die ganzeReihe zukünftiger Zeiten; ja ehe der Sohn desStammes geboren war, geschah schon demganzen zukünftigen Volk die Verheißung. Alses in vielen Lausenden um den Berg Sinaigelagert dastand, sprach der Gesetzgeber im Na-men seines Gottes zu ihm, als zu Einer Per-son, die dieses Gottes Knecht und gerettetesKind sei; und da er vor seinem Lebensendedieß Gesetz wiederholte, ließ er das Volk alsEinen Mann geloben. Er forderte von ihmAchtung und Liebe des Gesetzes als von Einemmoralischen Wesen. So sprachen alle Prophe-ten, denen der Gesetzgeber ausdrücklich Raumzu dieser Stimme ans gesammle Volk, als anEin Eigenthum Gottes gelassen hatte. So kleinder Kreis sein mochte, in dem mancher Pro-phet sprach, oder zu seiner Zeit schrieb, so großwird er dieser seiner Idee nach. Der Boteseines Gottes spricht zum Sohne Jakob, zumKnecht Israel für alle Zeiten. Daher der hohe,weikschallende Lon des Patriotismus in denEbräischen Psalmen und Propheten. Wo undin welcher Sprache sein Nachhall ertöne: er er-greift das Herz; ein Publicum wird lebendig.Man findet sich in einer Versammlung, in derEiner für Alle steht, Alle für Einen. Die Lastder Gebote, Segen und Fluch trägt das ganzeVolk auf seinen Schultern. Danklieder tönenvon Allen empor; auch über die kleinsten Be-gegnisse des Individuums werden sie angenom-men, weil dies Individuum zum ganzen Volkgehöret. So trägt in den Bestrafungen derPropheten jeder Jsraelit die Schuld des Andern;der Trost des Andern kommt auch ihm zu stat-ten; gemeinschaftliche Wünsche, eine gemein-schaftliche Aussicht erhebt das Herz des freudigenund des gedrängten Volkes. Auch seitdem Is-rael unter alle Rationen zerstreut ward, istdieser Prophetenton eines Nationalpublicumsnicht verhallet. Alle seine Gesänge und Gebetesprechen noch zu Gott mit der Stimme einesverlohrnen Kindes, eines gedehmüthigtc» Knech-tes. Wenn ein Geist der Poesie, der Lehre,der Ermahnung in diesem Volke wieder auf-leben sollte, so kann er nicht anders als insolchem Ton zum Volk singen und reden.
Haben Wir dies Publicum der Ebräer?Mich dünkt, jedes Volk habe es durch seineSprache. Diese ist ein göttliches Organ derBelehrung, Strafe und Unterweisung für Je-den, der für sie Sinn und Ohr hat. Das Bandder Zunge und des Ohrs knüpft ein Publicum;auf diesem Wege vernehmen wir Gedanken undRath, wir fassen Entschließungen, und theilenmit einander Belehrung, Leid und Freude.Wer in derselben Sprache erzogen ward, wersein Herz in sie schütten, seine Seele in ihrausdrücken lernte, der gehört zum Volk dieser
Sprache. Ich vernehme noch Ottfrieds Stimme:die Kern- und Bildersprüche mancher altenDeutschen, die den Charakter meines Volks insich tragen, sprechen zu mir; Kaiserberg, Lu-ther predigt mir noch; und was auch von an-dern Rationen in meine Mundart meisterhaftüberging, ist die Stimme eines Publicums wor-den, zu dem auch ich gehöre. Meine Stimme,so schwach sie sey, bewegt auch Wellen diesesätherischen Weltmeers. Von den Millionen,die Deutsch reden und lesen, werden auch micheinige verstehen und hören, wären es nur soviel als Persius sich anmaßet, „Entweder Zweioder Niemand"; auch diese Zwei, lobend odertadelnd, erregen ihre Wellen weiter. Im Publi-cum der Sprache hat sogar der Niemand ein Ohr;er lernt von oder an mir, und spricht weiter.Und dies Publicum breitet sich fort, so langedie Sprache, selbst mit Veränderungen, dauert,bis sie verständlich zu seyn aufhöret. Kein Ge-setz kann diesen Fortgang verbieten, keine Machtihn aufheben, bis die Sprache vertilgt ist; undehe diese vertilgt wird, dazu gehören allmäch-tige Kräfte der Zeiten.
Nicht der Schriftsteller gehöret zu diesemPublicum allein, sondern auch der mündlicheUnterweiser, der Gesetzgeber, der Feldherr, derRedner und Ordner. Mittelst der Sprachewird eine Nation erzogen und gebildet; mittelstder Sprache wird sie ordnung- und ehrliebend,folgsam, gesittet, umgänglich, berühmt, fleißigund mächtig. Wer die Sprache seiner Nationverachtet, entehrt ihr edelstes Publicum; erwird ihres Geistes, ihres innern und äußernRuhms, ihrer Erfindungen, ihrer feineren Sitt-lichkeit und Betriebsamkeit gefährlichster Mörder.Wer die Sprache eines Volks emporhebt, undsie zum' kräftigsten Ausdruck jeder Empfindung,jedes klaren und edlen Gedankens ausarbeitet,der hilft das weiteste und schönste Publicumausbreiten, oder in sich vereinigen und festergründen.
Daß unser Deutschland durch seine Sprachesich dies Publicum in solchem Umfange, mitsolcher Festigkeit gegründet habe, wie es hättegeschehen mögen, ist sehr zu zweifeln. GanzeLänder sind davon abgerissen; Provinzen undKreise verstehen einander kaum, nicht nur nichtin Reden, sondern oft selbst nicht in Schriften.Was in manchen Gegenden für Witz' gilt, wirdin andern als niedriger Scherz verachtet; dasGanze hat so wenig einen gemeinschaftlichenSchritt in der Kultur gehalten, daß schwerlicheine Vorstellungsart zu finden wäre, die aufalle Theile desselben, als auf Ein gemeinsamesPublicum, mit gleicher Macht wirkte. Nichtaber nur Provinzen und Kreise, selbst Ständehaben sich von einander gesondert, indem seit ei-nem Jahrhunderte die sogenannten obern Ständeeine völlig fremde Sprache angenommen, einefremde Erziehung und Lebensweise beliebt ha-ben. In dieser fremden Sprache sind seit einemJahrhunderte unter den genannten Ständen dieGesellschaftsgespräche geführt, Staats - Unter-handlungen und Liebeshändel getrieben, öffent-liche und vertraute Briefe gewechselt worden,so daß wer einige Zeilen schreiben konnte, sol-che nothwendig vormals italienisch, nachherfranzösisch schreiben mußte. Mit wem man
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