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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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673-674
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Johann Gottfried von Herder.

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ganzen Ruhm ernte, sondern ihre Gemütherselbst sind seine Arena, der Schauplatz, dasZiel, das Maas seiner Wirkung. Die Scene,die der Epische Dichter nicht also beschreibt,daß sie den Augen des Zuhörers sichtbar wird,also daß auch in der Seele der Handelnden mitgehaltenem Interesse alles vor seinen Augenvorgehet, ist keine Epische Scene; die Begeben-heit, die der Geschichtschreiber im Zusammen-hange ihrer Folgen, wo möglich auch ihrer Ur-sachen, nicht also gegenwärtig zu machen weiß,daß dem Zuhörer sein eignes klares Urtheil da-rüber reifet, ist eine mangelhaft erzählte Ge-schichte. Der Lyrische Dichter, der mit seinerKunst in der Seele des Hörenden nicht denGrad von Lheilnehmung trifft, auf den seineKunst als auf den Punkt ihrer Vollkommen-heit rechnet, hat auf ein Nichts gearbeitet, undverfehlt seine Wirkung. Alle diese Productio-nen also wollen ein Publicum, aus welchem siegleichsam hervor-, auf welches sie zurückgehen,aus welchem sie die Regel ihrer Kunst nahmen.

Wo sind nun in Deutschland die Odernunsrer Geschichtschreiber, unsrer Lyrischen undEpischen Dichter? Wo sind die Schulen, in de-nen man die edelsten Gesänge den Jünglingenaus Herz legt, und sie nebst den schönsten clas-sischen Stellen der Alten nicht etwa blos de-clamirt, sondern in die Seelen schreibet? Nurwas selbst Gestalt hat' kann Gestalt geben;nur Flamme kann Flamme verbreiten. EinAthem kann aber auch aus Funken eine Flammewecken und viele todte Kohlen entzünden. Anglühenden Funken hat es Deutschland nicht ge-sehlet; sie sind aber nie zur Flamme angefachtworden. Der sogenannte Minnegesang war Hos-geschmack; er ging vorüber. Die Zeiten derReformation brachten flehende Gefahr-, dan-kende Lobgesänge in den Mund vieler; sie gin-gen mit der Gefahr vorüber. Der dreißigjäh-rige Krieg weckte Stimmen mancher Art fürbeide Partheien; die Feldherrn der Ligue wur-den eben sowohl, als die Feldherrn und Retterder Union gepriesen, und unter den letzten sinddie Namen eines Ernst von Mansfeld, Chri-stian von Anhalt, Johann Ernst und Bern-hards von Weimar, Gustav Adolphs, Georgsvon Bade» der deutschen Muse nicht fremdegeblieben. Leider aber ist diese keine TochterMnemosyncns, oder sie ist von ihr zwischenSchlaf und Wachen erzeuget. Nach dem West-phälischen Frieden vergaß man aller Gefahr,und hat über hundert Jahre, dann und wannunsanft aufgerüttelt, sanft geschlafen Alle we-ckenden Stimmen, leise und lauter, ssind verge-bens gewesen; unsere Dichter waren oder hießenVersmachcr, Reimschmiede; seit einem halbenJahrhundert las man Voltaire, und ließ dieDeutsche Geschichte erröthen und schweigen.Sie schweigt noch, und darf an eine Geschichtedes Deutschen Geschmacks, der Deutschen Cul-tur, der Deutschen Festivitäten und Lustbar-keiten nicht ohne Beschämung denken.

Auf dem Theater wird ein Publicum oderein Theil desselben einem andern Publicum zurSchau vorgestellt; offenbar war dies die Ideeder Griechen, im Trauerspiel mit dem Chor,im Lustspiel mit dem einzeln oder in Massepersonisicirten Volke. Theater und ZuschauerKur;, Pros Lit.

hinge» also wie Bild und Abbild, wie Seeleund Körper zusammen; sie wirkten an- undgegen einander; Eins wurde durch das anderegehoben und belebet. In Italien und Frank-reich iEngland kenne ich nicht) ist dies auf denbesten Bühnen auch also: daher der Lhcaccr-geschmack in diesen Ländern so lange umherirrte,bis er einen Punkt der Bereinigung mit seinemPublicum fand, und sich entweder durch mu-sikalisches oder durch dramatisches Spiel in eineMitte des Gebens und Nehmens, des gegensei-tigen Genusses und Belehrens setzte. Ich zweifle,ob dies in Deutschland, wenige Charaktere undScenen ausgenommen, je der Fall gewesen.Daß man es wenigstens auf die Vereinigungund gegenseitige Ausbildung des Geschmacksder Bühne und des Publicums sxhx spät undäußerst selten angelegt hat, ist aus der Ge-schichte des Deutschen Theaters klar. Außerden alten Mysterien, Klosteragenden oder Ma-rionetten kam die Bühne als Hoffeierlichkeirnach Deutschland; das Volk ward hinzugelaffen,sich an diesen prächtig gekleideten Hof- undStaatsrevolutionen, die hinter den Lichtern vor-gingen, als Pöbel zu erbauen. An manchenOrten Deutschlands hat die Bühne diese Hof-theater - Gestalt und Verwaltung beibehalten,und stehet also ganz außer dem Gebiete derKunst, weil sie zur Hof-Etiquette gehöret.In andern Provinzen ziehen Banden umher,(wie man die Schauspieler mit dem alten deut-schen Heldennamcn zuweilen noch jetzt nennet)sie gehen, wie es die Deutschen von jeher gernthaten, aus Bande in Bande, und nehmenDienste, nachdem sie bezahlt und gedungenwerden; wäre es nicht unvernünftig und grau-sam, von ihnen ein Ideal der Kunst, ein cor-respondirendes Publicum zu fordern? EinzelneDichter und Schauspieler haben sich, ich möchtesagen über das Mögliche, hinaufgeschwungen;sie konnten aber keine neue Welt um und vorsich schaffen; diese müssen aufführen, was jenegeben, wie sie es mit andern aufführen können,und wie am Ende ihr Publicum gebietet. Daich hier keine Kritik des Theaters schreibe, sobemerke ich nur Eins, daß bei uns, wie michdünkt, durchs Theater das Publicum gebildetwerden müsse, nicht aber durchs Publicum dasTheater. Fürs Theater haben wir noch keinrichtendes Publicum, eben weil die theatralischeakunst im Sinne der Griechen die Kunst derKünste ist, von der selbst nicht jeder Dichternoch weniger jeder Liebhaber, am wenigsten end-lich der sich belustigende Pöbel Begriff hat.Schmeichelt man dessen Gaum, und belustigetsich an seinem Beifall; so ist man am Rande;man verdirbt und verderbet. Weiche Räumeaber haben wir noch auszumeffen, ehe nichtan ein gebildetes Publicum, sondern nur andie Bildung dieieS Publicums nach deutscherSitte und Lage zu gedenken ist! Und doch gibtes außer einem mit Sinn und Wohlgefallenbelebten Schauspiel kein Schauspiel; es wirdein Haus voll Puppen oder wir sind in schlech-ter Gesellschaft.

Soll eine Ration keine Einbildungskrafthaben: so wolle man diese auch nicht wecken;sie schlummere. Wecker man sie, so bilde mansie auch aus; man lasse nur Stücke, die für43

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