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Johann Gottfried von Herder.
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sie sind, und diese auf eine Weise aufführen,daß man vom böse» Geschmack des Publikumsnicht abhänge, sondern diesen Geschmack aus-rotte, oder ihn zum Guten lenke. In Athenentstand das Theater zu Aeschnlus Zeit aus demhohen Gefühl der Freiheit und des Sieges überden großen König; dies Gefühl stimmte dieSeele zum Anblick anderer großen Begeben-heiten, die tragisch vorgestellt wurden- InFrankreich und England ist das Theater, i dieModifikationen der Zeit abgerechnet) auf ähnli-che Weise entstanden: denn wenn man vongroßen Begebenheiten seiner Zeit hört oder lie-fet, so will man diese auch, durch Kunst bear-beitet, und von ihr vorgestellt, sehen. DasPublikum der Welt wird sodann von selbst einPublikum des Theaters. Gleichergestalt for-dert sie Komödie, die Eharaktere und Sittenvorstellt, eine anschauende Kenntniß der Nation,eine leichte Existenz, eine sich selbst bestimmendemoralische Freiheit. Der dürftige Knechtessinnist eine mcphilische Luft, in der jede Flammeerstickt wird.
Die Philosophie der Griechen hatte eigent-lich kein Publikum, wie die Künste; ihrer Na-tur nach halte sie dessen auch nicht nöthig.
Die ältesten Weisen der Griechen warenGesetzgeber; und wohl dem Volk, dessen Gesetz-geber Weise sind. Sakrales erschien in einerbedrängten Zeit: sein Publikum waren Privat-gesellschaften oder einzelne Personen; seine Me-thode war auf die Entwickelung der Grundsätzedes Wahren, Guten und Schönen in dieseneinzelnen Personen berechnet. Und dieses, dünktmich, se») der Zweck der wahren Philosophie,Selbstbildung. Der Lehrer kann und will da-bei nur eine Hebamme unserer Gedanken, einMithelfer unsrer eignen, arbeitenden Kräftewerden. Sokrates hatte seinen eigenen Genius,der nachher nicht oft, aber doch hier und daz. B. in Montaigne, Addison, Franklin u. a-wieder erschienen ist, und die eigne Bearbeitungdes menschlichen Geistes und Willens zum Zweckehatte. Von der Stimme des Publikums hängtdiese nicht ab; vielmehr wird sie oft durch sol-che behindert, daher Socrates mit den Sophi-sten, die das Publikum stimmten und mißstimm-tcn, fast immer im Streit lag.
Die Sokratische Philosophie gedieh zu meh-ren, Schulen; in diesen gabs crotcrischc undesoterische Zuhörer — abermals ein Unterschied,den die Natur der Sache billigt. Ein großes,unausgesondertes Publikum, das ' Metaphysikspricht und über Metaphysik entscheidet, ist einUngeheuer; und wenn man von einer Nationsagen könnte, sie habe nie für etwas als fürMetaphysik Enthusiasmus gezeigct, so sagteman dieser Nation nicht viel Gutes nach. Xe-nophon und Plalo behandeln die Philosophiesehr vernünftig; allenthalben locken sie solcheals eine Blüthe des menschlichen Geistes undmenschlicher Geschäfte hervor. Der DenkerAristoteles schrieb für kein anderes Publikum,als für^ seine Schule; daher die ganze Formseiner Schriften. Epikur und Zeno gingen mitveränderten Grundsätzen aus gleichem Wege;jedem ihrer Schüler blieb es frei, die Meta-physik ihrer Secte an Stelle und Ort zu lassen,
dagegen aber die wahre, die praktische Philo-sophie für Leben und Publikum desto kräftigeranzuwenden. Dies ist der wahre Sokratismus-
Wenn eine philosophische Schule als solche5 auf's Publikum wirken wollte, und auch hier undda mächtig gewirkt hat, wars der Pykhago-räismus; wir wissen aber, wie es ihm erging.Und was damals in kleinen zubereiteten Krei-sen nicht geschah, wann wird es erfolgen? Ein16 philosophisches Publikum ist ein höchstes Bild,zu welchem man streben kann, das man janirgend ganz und realisirt zu erblicken glaube.
Wo also die Griechen standen, stehen wirin Ansehung des Publikums mehr und minder
15 mit der Philosophie noch jetzt; jeder, der eses sein kann und werden will, muß sich selbstzum Philosophen bilden. Der Lehrer hält ihmdie Wahrheit vor, damit er sich solche autono-misch zueigne: denn Weisheit läßt sich so we-
20 nig, als Tugend und Genie von andern lernen.
Die Schulen der Philosophie indessen, blosals Handleiterinnen betrachtet, mit welcher er-staunlichen Macht können sie aufs Publikumwirken! Ein Lehrer der Philosophie, wie er sein25 soll, hat ein Reich über menschliche Seelen, inwelchem er mächtiger als ein König gebietet.Er pflanzt Grundsätze, ergibt Ideen, er stelltIdeale fest, die nachher auf tausend Gedankenund Handlungen seiner Zuhörer, ja aller derer,3l> auf welche sie wirken, erkannten und unerkann-ten Einfluß haben. Unsägliche Wirkungen z. B-hat die stoische Philosophie, der Epikureismus,Platonismus, Pythagoräismus in der Reiheder Dinge hervorgebracht und wird sie hervor-35 bringen, wen» auch unter neuen Namen, mitandern Modifikationen und Formen. So langees Vernunft und Willen im Menschen gibt:so lange wird es ein verborgenes, stilles Pub-likum für Philosophie geben; nur erwarte man
16 dieses nie sichtbar auf einem Markt, oder ineiner Schule.
Fassen wir, was gesagt ist, zusammen:(denn vom politischen Publikum der Griechenwollen wir nicht reden > so ergibt sich, daß in15 Ansehung der Sprache, der Kunst und des Ge-schmacks gegen die Griechen, wie wir sie jetztnehmen, wir eigentlich noch gar kein Publikumhabe» und gehabt haben. Mit Wohlgefallenhaben wir uns eine Eultur andichten lassen,5« von der ganze Stände und Provinzen durch-aus nichts wisse»; und schlummern auf diesemerträumten Ruhme. Ich fürchte und hoffe,daß uns die Zeit aus diesem Schlummer weckenwerde- Unsere Nation kennet sich schwerlich,55 bald ist es Religions - bald politische Parthei,bald die unüberstcigliche Grenze eines Standesund Ständchens, was die Stimme, ja sogar nurden Gedanken an ein theilnehmendes Publikum,selbst in Sachen des Geschmacks und der Bil-«l> düng, geschweige des allgemeinen Interesses,theilet und aufhält. Welche Werke der Wissen-schaft, des Fleißes, der Vertheidigung Deutsch-lands oder irgend eines allgemeinen Nutzenssind zu Stande gekommen, zu denen der Bci-65 tritt eines ansehnlichern und reichern Publikumsaus mchrcrn oder allen Provinzen nöthig war?Die reichern Stände sind dabei jederzeit amunthcilnehmendsten geblieben; und jene altenEinrichtungen, die eigentlich doch für Wissen-