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Johann Gottfried von Herder.
und Aeakus sinds, die unpartheiisch über ihnrichten. Dem Homer schaffte Lykurg und diePisistratiden ein größeres, ein Attisches Publi-kum; dem Milton Addison, Garrik dem Sha-kespear u. s. f. Nichts ist angenehmer, als einem 5verdienten Todten Gerechtigkeit zu erweisen,und über seinem Grabe die Stimme eines bes-sern dankbaren Publikums zu werden. So hatRousseau nach seinem Tode die Ehre mit Wu-cher genossen, die Voltaire bei seinen Lebzeiten 1t)sich zuzueignen wußte; und so gibt's bei allenNationen andere Autoren, die berühmt sind,andere, die es zu sein verdienen.
An Liebe und Achtung gegen seine bestenSchriftsteller, (wenige ausgenommen) stehet 15Deutschland seinen cultivirten Nachbarn, Fran-zosen, Engländern, Italienern nicht vor, son-dern nach: der größere Theil des Publikumskennet sie nicht und trägt wenigstens sie nichteben in Herz und Seele. 20
Haben wir also hierin (ich will nicht sagendas Publikum der Alten, sondern nur) dasPublikum der Franzosen, Engländer, Italiener?Wer diese Länder kennet, und Deutschland ken-net, antworte. An den Schriftstellern liegt es 25schwerlich; sie thaten, was sie konnten; manchevielleicht zu viel. An Charakter und an derVerfassung der Nation liegt es; an der Unkul-tur und Unkultivirbarkeic (wenn mir zu Be-zeichnung eines Barbarismus ein barbarisches 30Wort erlaubt ist), am falschen Geschmack undder genetischen Rohheit mancher Stände undLebensarten. Bei weitem ist unsere Sprachenoch nicht so gebildet, jedem Vortrage, jederArt des Wiffcnswürdigen so zugebildet, als die 35Sprachen unserer Nachbarn; vielmehr habenwit mit einer benachbarten Nation zu kämpfen,baß ihre Sprache die unsere nicht ganz ver-tilge. Erwache also, du schlafender Gott,wenn du nicht etwa dichtest oder über Feld ge- 40gangen bist; erwache, Deutsches Publikum, undlaß Dir dein Palladium nicht rauben. Aus demträgen Schlummer, aus dem niedrigen Stolz,der das Beste wegwerfend verachtet, aus derAnmaßung, die dem Schlechtesten das Privile- 45gium des Besten ertheilen zu können glaubt,aus der nie rheilnehmenden Kälte, aus der völ-ligen Seelenentfremdung, glaube mir, wirdnichts, und kann nichts werden. Die Zeit, dadas Alles galt, ist vorüber. Unsanft aus dem 50Schlaft gerüttelt, erwache und zeige, daß dukein Barbar bist, damit man dir nicht als einemBarbaren begegne. Deine Sprache, die Schwe-ster der Griechischen, die Königinn und Muttervieler Völker, für ganz Europa hast du sie zu 55sichern, auszubilden, zu bewahren.
Sollten wir aber blos in Reden und Schrif-ten, in Lehren und Hören ein Publikum haben?kcins für unsere Handlungen? keins für unserganzes Daseyn? Kein Publikum, das auf uns 60wirkte, worauf wir durch unser Beispiel, durchunser Vorbild schweigend wirken? Zweifle da-ran niemand, ja auch daran niemand: daß diesestille Wirkung in einem kleinen Kreise vonMächtiger Wirkung sey. Sie ist reell; in ihr 65ist nichts Schein und Schminke. Der Kreis,in dem du lebest und deine Geschäfte treibest,ist dein Publikum; sei dies klein oder groß,du prägest in dasselbe das Bild deiner Eristenz,
deiner Denk- und Handlungsweise. Hiemitwirkst du unvermerkt oder bemerkt auf die Dei-nen, die nach deinem Muster oder mit Ein-flüssen von dir fortwirken, auf deine Mitar-beiter, Untergebene o,der Vorgesetzte. Leise oderstürmisch verbreiten sich also Wellen und Wo-gen mit und ohne deinen Namen auf deineZeitgenossen und die Nachwelt fort. So habenzu alle» Zeiten die würdigsten Männer auf ihrPublikum gewirket; sie sprachen mit der star-ken Stimme ihres thätigen Beispiels, und dach-ten nicht daran, daß ,w größeren Publikumihr Name genannt würde. Das schärfste undedelste Publikum waren sie sich selbst, der Auf-munterer, Zeuge und Richter ihrer Handlun-gen, ein Gesetz, das in ihnen lebte. Wohluns, wenn wir uns dieß Publikum sind; wirhaben sodann die laute, oft sehr unsichere undunreine Stimme der größeren Welt nichtnöthig.
II. Haben wir noch das Vaterland derAlten?
Griechen und Römern war das Wort Va-terland ein ehrwürdig-süßer Name. Wem sindnicht Stellen aus ihren Dichtern und Rednernbekannt, in denen Söhne des Vaterlandes ihmals einer Mutter kindliche Liebe und Dankbar-keit, Lobpreisungen, Wünsche und Seufzer wei-hen ? Der Entfernete sehnet sich darnach zurück,hoffnungsvoll oder klagend schauet er zur Ge-gend desselben hin, empfängt die Lüfte, die da-her wehen, als Bote» seiner Geliebten. Wie-dergegeben dem Vaterlande, umfängt er es,und küsset seinen Boden mit Thräne». Der inder Entfernung Sterbende vermacht ihm nochseine Asche; auch nur ein leeres Grabmahl desAndenkens wünschet er sich bei den Seinen.Fürs Vaterland zu leben hieß ihnen der höchsteRuhm; fürs Vaterland zu sterbe» der süßesteTod. Wer mit Rath und That dem Vater-lande aufhalf, wer es rettete und mit Kränzendes Ruhms schmückte, erwarb sich einen Sitzunter den Göttern; Himmels- und Erden-Un-sterblichkeit war ihm gewiß. Dagegen wer dasVaterland beleidigte, es durch seine Thatenentehrte, wer es verrieth oder bekriegte; in denBusen seiner Mutter hatte der das Schwert ge-stoßen, er war ein Vater- ein Kinder- einFreundes- und Brudermörder- „ Wir sollen dasVaterland mehr lieben als uns selbst/' „Süßist's und ehrvoll sterben für's Vaterland." u. f. f.Haben auch wir dies Vaterland der Alten?'Und welches sind die geliebten Bande, die unsdaran fesseln?
Der Boden des Landes, auf dem wir gebo-ren sind, kann. für sich allein dies Zauberbandschwerlich knüpfen; vielmehr wäre es die här-teste aller Lasten, wenn der Mensch als Baum,als Pflanze, als Vieh betrachtet, eigen undewig, mit Seele, Leib und allen Kräften demBoden zugehoren müßte, auf welchem er dieWelt sah. Harte Gesetze genug hat es überdergleichen Erbeigcnthümlichkeit, Eigeuhörigkeitu. s- gegeben, und gibt es noch; der ganzeGang der Vernunft, der Cultur, ja selbst derIndustrie, und der Nutzberechnung gehet dahin,