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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
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Johann Gottfried von Herder

diese gebohrnen Sklaven eines Mutterleibs oderder Mutter-Erde mit sanftern Banden an ei»Vaterland zu knüpfen, und sie von der hartenScholle, die sie im Leben mit ihrem Schweiß,im Tode mit ihrer Asche düngen sollen, all-mählich zu entfesseln.

Als noch Nomadenvölker in der Welt um-herzogen, wüste Plätze Zeitenlang inne hatten,und in diesen ihre Väter begruben: da gab derBoden des Landes, den diese Völker besaßenoder besessen hatten, Anlaß zum Namen einesLandes der Väter. «An unsrer Väter Gräbernerwarten wir euch," rief man den Feinden zu:„auch ihre Asche wollen wir schützen, und unserLand sichern." So ist der heilige Name ent-standen, nicht als ob Menschen aus dem Bodenentsprossen wären. Nur Kinder können dasVaterland lieben, nicht Erdcgebohrne Knechteoder wie wild gefangene Sklaven.

Was uns im Vaterlands zuerst erquickt, istnicht die Erde, auf die wir sinken, sondern dieLuft, die wir athmen, die väterlichen Hände,die uns aufnehmen, die Muttcrbrust, die unssäuget, die Sonne, die wir sehen, die Geschwi-ster, mit denen wir spielen, die freundlichenGemüther, die uns wohlthun. Unser erstesVaterland ist also das Vaterhaus, eine Vater-flur, Familie. In dieser kleinen Gesellschaftleben die eigentlichen und ersten Freuden desVaterlandes, wie in einem Jdyllenkreise; inIdyllen leibt und lebt das Land unserer erstenJugend. Sei der Boden, sei das Klima, wiees wolle; die Seele sehnt sich dahin zurück, undje weniger die kleine Gesellschaft, in der wirerzogen wurden, ein Staat war, je wenigersich Stände und Menschcnclassen darin trenn-ten, um so weniger Hindernisse findet die Ein-bildungskraft, sich in den Schoos dieses Vater-landes zurückzusehnen. Da hörte» und lerntenwir ja die ersten Töne der Liebe; da schloffenwir zuerst den Bund der Freundschaft, undempfanden die Keime zarter Neigung in beidenGeschlechtern; wir sahen die Sonne, den Mond,den Himmel, den Frühling mit seinen Bäumen,Blüthen und damals uns so süßeren Früchten.Der Weltlauf spielte vor uns; wir sahen dieJahreszeiten sich wälzen, kämpften mit Gefah-ren, mit Leid und Freude - wir sommertenund winterten uns gleichsam in die Welt ein.Diese Eindrücke, moralisch und physisch, blei- 5»den der Einbildungskraft eingegraben ; die zarteRinde des Baums empfing sie, und ohne ge-waltsame Vertilgung werden sie nur mit ihmsterben. Wer hat nicht die Seufzer und Kla-gen gelesen, mit denen selbst Grönländer sichvon ihrem Jugendlande entfernten, mit denensie aus der Cultur Europa's durch alle Ge-fahren dahin zurückstrcblcn? Wem tönen nichtnoch die Seufzer der Afrikaner ins Ohr, dieaus ihrem Vaterlands geraubt wurden? Ineinfachen kleinen Gesellschaften lebten sie da, ineinem JdyUenlande der Jugend.

Die Staaten, oder vielmehr Städte derGriechen, denen der Name des Vaterlandes sotheuer und lieb war, schloffen sich unmittelbaran diese kleinen Gesellschaften an; die Gesetz-gebung begünstigte diese, und leitete von ihnenursprünglich ihre ganze Energie her. Es wardas Land der Väter, das man beschützte, es

waren Jugendgenoffen, Geschwister und Freunde,nach denen man sich sehnte; den Bund derLiebe, den Jünglinge schloffen, billigte undnützte das Vaterland. Mit seinen Freunden5 wollte man begraben sein,' mit ihnen genießen,leben und sterben. Und da die edlen Vorfah-ren dieser Stämme das Gemeinwesen, zu demsie gehörten, unter dem Schutz der Götter er-richtet, mit ihrer Mühe und Arbeit bezeichnet,10 mit ihrem Blute besiegelt hatten: so ward denNachkommen der Bund solcher Gesetze, als einmoralisches Vaterland heilig: denn höher schätz-ten die Gtiiechen nichts, als das Verdienst derbürgerlichen Einrichtung, dadurch sie Griechen15 geworden, und über alle Barbaren der Welterhöhet waren. Die Götter ihres Landes wa-ren die schönsten Götter; seine Helden, Gesetz-geber, Dichter und Weise waren in Einrich-tungen, Liedern, Denkmalen und Festen un-20 sterblich; hiemit prangten ihre öffentlichen Plätzeund Tempel; der Sieg der Griechen über diePerser allein machte ihnen ihr Land, ihre Ver-fassung, ihre Cultur und Sprache zur Kronedes Weltalls. Im Aether solcher Ideen schwam-25 men die Griechen, wenn sie den Namen desVaterlandes oft edel gebrauchten, oft auch miß-brauchte». Mehrere Städte theilten diesen Ruhm,jede auf ihre Weise. Und was Rom sich anseiner Weltbeherrschcrin, dem Sammelplätze30 alles Sieges und Ruhmes dachte, davon zeigtdie> Römischö Geschichte.

In die Zeiten Griechenlands oder Romssich zurückwünschen, wäre thöricht; diese Jugendder Welt, so wie auch das eiserne Alter der35 Zeiten unter Roms Herrschaft ist vorüber;schwerlich dürften wir, wenn auch ein Tauschmöglich wäre, in dem, was wir eigentlich be-gehren, bei dem Tausche gewinnen. Spartas.Vaterlandscifer drückte nicht nur die Heloten,40 sondern die Bürger selbst und mit der Zeit an-dere Griechen. Athen siel seinen Bürgern undColonien oft harr; es wollte mit süße» Phan-tomen getäuscht sein. Die Römische Vater-landsliebe endlich ward nicht für Italien allein,45 sondern für Rom selbst und die gesammte Rö-merwelt verderblich. Wir wollen also aufsu-chen, was Wir am Vaterlande achten und sie-ben müssen, damit wir es würdig und reinlieben.

1. Jsts, daß einst Götter vom Himmelniedcrstiegcn, und unsern Lätern dies Land an-wiesen? Jsts, daß sie uns eine Religion gege-ben und unsere Verfassung selbst eingerichtethaben? Uebcrkam durch einen Wettkampf Mi-55 ncrva diese Stadt? Begeisterte Egeria unsernNuma mit Träumen? — Eitler Ruhm: dennwir sind nicht unsre Väter. Sind auf Miner-va's heiligem Boden der großen Göttin wirunwerth, reimen sich Numa's Träume nicht00 mehr mit unsern Zeiten: so steige Egeria wie-der aus der Quelle, so lasse Minerva zu neuenBegeisterungen sich vom Himmel hernieder.

Ohne Bilder zu reden, es ist für ein Volkgut und rühmlich, große Vorfahren, ein hohes05 Älter, berühmte Götter des Vaterlandes zuhaben, so lange diese es zu edel» Thaten auf-,wecken, zu würdigen Gesinnungen begeistern,so lange die alte Zucht und Lehre dem Volkegerecht ist. Wird sie von diesem selbst verspottet,