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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
725-726
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725 Johann Gottfried von Herder.

natürlich wird's ein Wort werden, das durch der» ist das Gesicht der nachbarliche Sinn; dieHülfe eines Wittelgcfühls dem Ohr die Em- Empfindungen vereinigen sich und kommen also

pfindung des Urplötzlichschnellen gibt, die das alle der Gegend nahe, wo Merkmale zu Schäl-

Auge hatte — Blitz! Das Wort: Duft, Ton, len werden. So wird, was man sieht, so wird,

süß, bitter, sauer, u. s. w., tönen alle, als 5 was man fühlt, auch tönbar. Der Sinn zurob man fühllc: denn was sind ursprünglich Sprache ist unser Mittel- und Bereinigungs-alle Sinne anders, als Gefühl? Wie aber Ge- spstem geworden; wir sind Sprachgcschöpfe.

fühl sich in Laut äußern könne, das haben wir 2 ) Das Gehör ist der mittlere unter den

schon im ersten Abschnitte als ein unmittelba- Sinnen an Deutlichkeit und Klarheit; und alsores Naturgesetz der empfindenden Maschine an- tO wiederum Sinn zur Sprache. Wie dunkel istgenommen, das wir weiter nicht zu erklären das Gefühl! Es wird übertäubt, es empfindetvermögen. alles in einander. Da ist wit Mühe ein Merk-

Und so führen sich alle Schwierigkeiten auf mal der Anerkennung abzusondern: es wird umfolgende zwei erwiesene deutliche Sätze zurück: aussprechlich.

1 ! Da alle Sinne nichts als Vorstellungsarten 15 Wiederum das Gesicht ist so helle und über-der Seele sind: so haben sie nur deutliche Vor- glänzend, es liefert eine solche Menge von

stellung, mithin Merkmal; mit dem Merkmal Merkmalen, daß die Seele unter der Mannich-

hat sie innere Sprache. faltigkeit erliegt, und etwa Eins nur so schwach

2j Da alle Sinne, insonderheit im Zustande absondern kann, daß die Wiedererkennung Ka-

der menschlichen Kindheit, nichts als Gefühls- 2,, ran schwach wird. Das Gehör ist in der Mitte,arte» Einer Seele sind; alles Gefühl aber, Alle in einander fallende dunkle Merkmale des

nach einem Empfindungsgesetz der thierischen Gefühles lässet es liegen; alle zu feine Merk-

Natur, unmittelbar seinen Laut hat: so werde male des Gesichts auch. Aber da reißt sich von,

dies Gefühl nur zum Deutlichen eines Merk- betasteten, belrachtcten Objekt ein Ton los; in

male erhöht; so ist das Wort zur äußern 2 b den sammeln sich die Merkn,ale jener beiden

Sprache da. Hier kommen wir auf eine Menge Sinne — der wird Merkwort. Das Gehör

sonderbarer Betrachtungen, „wie die Weisheit greift also von beiden Seiten um sich, macht

der Natur den Menschen durchaus dazu orga- klar, was zu dunkel; macht angenehmer, was

nisirr hat, um sich selbst Sprache zu erfinden/' zu helle war; bringt in das Dunkelmannich-

Hier ist die Hauptbcmerkung. zv faltige des Gefühls mehr Einheit , mehr Ein-

„Da der Mensch blos durch das Gehör die heil in das Zuhellmannichfaltige des Gesichts;

Sprache der lehrenden Natur empfängt, und und da diese Anerkennung des Mannichfaltigen

ohne das die Sprache nicht erfinden kann: so ist durch Eins, durch ein Merkmal, Sprache wird.

Gehör auf gewisse Weise der mittlere seiner so wird damit Sprache.

Sinne, die eigentliche Thür zur Seele und das 35 3 ) Das Gehör ist der mittlere Sinn in An-

Verbindungsband der übrigen Sinne geworden." sehung der Lebhaftigkeit, und also Sinn derIch will mich erklären. .Sprache. Das Gefühl überwältigt; das Ge-

1 - Das Gehör ist der mittlere der mensch- ficht ist zu kalt und gleichgültig. Jenes dringt

lichen Sinne, an Sphäre der Empsindbarkeit zu tief in uns, als daß es Sprache werden

von Außen. Das Gefühl empfindet alles nur 40 könnte; dies bleibt zu ruhig vor uns. Deri» sich, und in seinem Organe: das Gesicht Ton des Gehörs dringt so innig in unsre Seele,

wirft uns große Strecken weit aus uns hin- daß er Merkmal werden muß; aber noch nichr

aus; das Gehör steht an Graden der Mittheil- so übertäubend, daß er nicht klares Merkmal

barkeil in der Mitte. Was das für die Spra- werden könnte — Das ist Sinn der Sprache,

che thut? ^ Setzet ein Geschöpf, selbst ein 45 Wie kurz, ermüdend und unausstehlich wärevernünftiges Geschöpf, dem das Gefühl Haupt- die Sprache jedes gröber,, Sinnes für uns!sinn wäre; wie klein ist seine Welt! und da Wie verwirrend und kopfleerend für uns die

es diese nichr durchs Gehör empfindet, so wird Sprache des zu feinen Gesichts! Wer kann

es sich vielleicht, wie das Insekt, ein Gewebe, immer schmecken, fühlen und riechen, ohne nicht

aber nichr durch Töne eine Sprache bauen! 50 bald, wie Pope sagt, einen aromatischen Tod

Wiederum ei» Geschöpf, ganz Auge; wie un- zu sterben? und wer immer mit Aufmerksam-

erschöpflich ist die Well seiner Beschallungen! keit ei» Farbenclavier begaffen, ohne nicht baldwie unermeßlich weit wird es aus sich gewor- zu erblinden? Aber hören, gleichsam hörend

fen 1 in welche unendliche Mannigfaltigkeit zer- Worte denken, können wir länger und fast im-,

streuet! Seine Sprache (wir haben davon kei- 55 mer; das Gehör ist also für die Seele, wasnen Begriff) würde eine Art unendlich feiner die grüne, die Mittelfarbe, fürs Gesicht ist.

Pantomime, seine Schrift eine Algebra durch Der Mensch ist zum Sprachgxschg^ gebildet.

Färben und Striche werden; aber eine rönende 4 ) Das Gehör ist der mittlere Sinn, in

Sprache wwd sie nie. Wir hörenden Geschöpfe Betracht der Zeit, in der es wirkt, und also

stehn in der Mite: wir sehen, wir fühlen; gg Sinn der Sprache. Das Gefühl wirft allesund die gesehene, gefühlte Narur tönet. Sie auf Einmal in uns hi„; eg regt unsre Saiten

wird Lehrmeister», zur Sprache der Töne; stark, aber kurz und sprengend; das Gesicht

wir werden gleichsam Gehör durch alle Sinne. stellt uns alles auf Einmal vor, und schreckt

Lasset uns diese Bequemlichkeit unsrer Stelle also den Lehrling durch die unermeßliche Tafel

fühlen; denn durch sie wird jeder Sinn sprach- 65 des Nebeneinander ab. Durchs Gehör, sehet,fähig. Freilich gibt Gehör nur eigentlich Töne, wie uns die Lehrmeister,» der Sprache schone!

und der Mensch kann nicht erfinden, sondern Sw zahlt uns nur einen Ton nach dem andern

mir finden, nur nachahmen; allein auf der eine» "> die Seele, gibt und ermüdet nie, gibt und

Seite liegt das Gefühl „eben an: auf der an- Hut immer mehr zu geben. Sie übet also das