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72:! Johann Gottfried von Herder.
begreift» und im Berstande Gottes nachsuchen, Kette unserer Gedanken anhalten, und an je-
warum grün grün und nicht blau heiße? Ohne dem Gliede seine Verbindung suchen könnten;
Zweifel hat's ihm so beliebt!" und damit ist welche Sonderbarkeiten, welche fremde Analo-
der Faden abgeschnitten- Alle Philosophie über giccn der verschiedensten Sinne würde» wir
die Ersindungskunst der Sprache schwebt also 5 wahrnehmen, »ach denen doch die Seele geläu-willkürlich in den Wolken, und für uns ist je- sig handelt! Wir wären alle, für ein bloß vcr-
dcs Wort »eine verborgene Eigenschaft." Ich nünftigcs Wesen, jener Gattung von Berrück-
muß gestehe», daß ich in diesem Falle das Wort ten ähnlich, die klug denken, aber sehr unbe-
willkührlich nicht begreifst'. Eine Sprache will- greiflich und albern verbinden,kührlich und ohne allen Grund der Wahl aus 10 Bei sinnlichen Geschöpfen, die durch vieledem Gehirne zu erfinde», ist wenigstens für verschiedene Sinne auf Einmal empfinden, ist
eine menschliche Seele, die zu allem einen, diese Bersammlung von Ideen unvermeidlich;
wenn auch nur einigen, Grund haben will, denn was sind alle Sinne anders, als bloße
solch eine Quaal, als für den Körper sich zu Borstellungsarten Einer positiven Kraft der
Tode streicheln zu lassen. 'Bei einem rohen, 15, Seele? Wir unterscheiden sie; aber wieder nur
sinnlichen Naturmenschen überdcm, dessen Kräfte durch Sinne; also Borstellungsarten durch Bor-
noch nicht fein genug sind, um ins Unnütze stcllungsarke». Wir lernen mit vieler Mühe
Hinzuspielen, der, ungeübt und stark, nichts sie im Gebrauche trennen; in einem gewissen
ohne dringende Ursache thut, und nichts verge- Grunde aber wirken sie noch immer zusammen,
bcns thu» will, bei dem ist die Erfindung einer 20 Alle Zergliederungen der Sensation bci Buffons,Sprache aus schaler, leerer Willkür, der gan- Eondillacs und Bonncts empfindenden Menschen
zc» Analogie seiner Natur entgegen; und es sind Abstraktionen: der Philosoph muß Einen
ist überhaupt der ganzen Analogie aller mensch- Faden der Empfindung liegen lassen, indem er
lichen Seelenkräftc entgegen, eine aus reiner den andern verfolgt; in der Natur aber sind
Willkür ausgcdachtc Sprache. 25 alle diese Fäden Ein Gewebe. Je dunkler nun
Also zur Sache. Wie hat der Mensch, sei- die Sinne sind, desto mehr fließen sie in einan-
ncn Kräften überlassen, sich auch der; und je ungeübter man ist, je weniger
man noch gclernet hat, einen Sinn ohne denII. eine Spräche, wo ihm kein Tv» vortöntc, andern zu brauchen, ihn fertig und beguem zu
30 brauchen ; desto dunkler werden die Begriffe underfinden können? Wie hängt Gesicht und Eindrücke, die sie uns gewähren. — Laßt uns
Gehör, Farbe und Wort, Duft und Ton dieß auf den Anfang der Spräche anwenden,
zusammen? Die Kindheit und Unerfahrenheit des menschli-
Nicht unter sich in den Gegenständen; aber chen Geschlechts hat sie erleichtert,was sind denn diese Eigenschaften in den 35 Der Mensch trat in die Welt hin; von wel-Gegenständen ? Sie sind bloß sinnliche Ein- chem Ocean wurde er auf einmal bestürmt!
psindungen in uns; und als solche fließen sie mit welcher Mühe lernte er unterscheiden!
nicht Alle in Eins? Wir sind Ein denkendes „allge- Sinne erkennen > erkannte Sinne allein gebrau-
meines Empsindungswerkzcug", nur von verschie- chen ! Das Sehen ist der kälteste Sinn; und
denen Seiten berührt. — Daliegt die Erklärung. 40 wäre er immer so kalt, so entfernt, so deut-Allen Sinnen liegt Gefühl zum Grunde, lich gewesen, als ers uns durch eine Mühe und
und dieß gibt den verschiedenartigsten Scnsa- Uebung vieler Jahre geworden ist: so sehe ich
tioncn schon ein so inniges, starkes, unaus- freilich nicht, wie man, was man sieht, hörbar
sprechliches Band, daß aus dieser Berbindung machen könne? Allein die Natur hat dafür ge-
die sonderbarsten Erscheinungen entstehen. Mir 45 sorgt, iflid den Weg näher angezogen: dennist mehr als Ein Beispiel bekannt, da Perso- selbst dies Gesicht war, wie Kinder und Blind-
ncn natürlich, vielleicht aus einem Eindrucke gewesene zeugen, Anfangs nur Gefühl. Die
der Kindheit nicht anders konnten, als unmit, meisten sichtbaren Dinge bewegen sich: viele tö-
telbar durch eine schnelle Anwandlung mit die- nen in der Bewegung; wo nicht, so liegen
sein Schalle jene Farbe, mit dieser Erscheinung 50 sie dem Auge in seinem ersten Zustande glcich-
jenes ganz verschiedene dunkle Gefühl verbinden, sam näher, unmittelbar auf ihm, und lassen
was durch die Vcrgleichung der langsamen sich also fühlen. Das Gefühl liegt dem Gehör
Bernunfr mit ihr gar keine Verwandtschaft hat; so nahe: seine Bezeichnungen, z. B. hart, rauh,
denn wer kann Schall und Farbe, Erscheinung weich, wolligt, sammet, haarigt, starr, glatt,
und Gefühl vergleichen? Wir sind voll solcher 55 schlicht, borstig, u. s. w., die doch alle nurVerknüpfungen der verschiedensten Sinne; nur Oberfläche betreffen, tönen alle, als ob mans
bemerken wir sie nicht anders, als in Anwand- fühlte. Die Seele, die im Gedränge solcher
lungcn, die uns aus der Fassung setzen, in zusammenströmenden Empfindungen und in dem
Krankheiten der Phantasie, oder bei Gelegen- Bedürfniß war, ein Wort zu schaffen, griff
Heiken, wo sie außerordentlich merkbar werde». 00 und bekam vielleicht das Wort eines nachbar-Der gewöhnliche Lauf unserer Gedanken geht lichen Sinnes, dessen Gefühl mit diesem zu-
so schnell, die Wellen unserer Empfindungen sammcnfloß; so wurden für alle und selbst fü'-
rauschen so dunkel in einander, es ist auf ein- den kältesten Sinn, Worte. Der Blitz schallet
mal so viel in unsrer Seele, daß wir, in Ab- nicht; wen» er nun aber ausgedrückt werde»
ficht der meisten Ideen, wie im Schlummer an 65 soll, dieser Bote der Mitternacht,einer Wafferquelle sind, wo wir freilich noch .
das Rauschen jeder Welle hören, aber so leise, »Der jetzt im Nu enthüllet Himm'l und Ero
daß uns endlich der Schlaf alles merkbare Ge- Und eh' ein Mensch noch sagen kann: steh
fühl nimmt. Wäre es möglich, daß wir die Schon in den SchlundderFinsterniß hinab ist"