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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
729-730
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Johann Gottfried von Herder.

wilden Sprachen wären unzählig, wie herzlichund starkempsindend sie aus Gehör und Gefühlcharakterisiren, und „ein Werk von der Art,das so recht das Grundgefühl solcher Ideen beiverschiedenen Völkern aufsuchte," wäre eine 5völlige Demonstration für meinen Satz, undfür die menschliche Erfindung der Sprache.

II- „Je älter und ursprünglicher die Spra-chen sind, desto mehr durchkreuzen sich auch dieGefühle in den Wurzeln der Wörter!" 10

Man schlage das erste, beste morgenländi-sche Wörterbuch auf, und man wird den Drangsehen, sich ausdrücken zu wollen. Wie der Er-finder Ideen aus einem Gefühl hinaus riß undfür ein anderes borgte! wie er bei den schwer- 15sten, kältesten, deutlichsten Sinnen am meistenborgte! wie Alles Gefühl und Laut werdenmußte, um Ausdruck zu werden! Daher diestarken kühnen Metaphern in den Wurzeln derWorte: daher die Ucbertragungen aus Gefühl 20in Gefühl, so daß die Bedeutungen eines Stamm-wortes, und noch mehr seiner Abstammungen,gegen einander gesetzt, oft das bunteste Ge-mählde werden. Die genetische Ursache liegtin der Armuth der menschlichen Seele und im 25Zusammenfluß der Empfindungen eines rohenMenschen. Man sieht sein Bedürfniß sich aus-zudrücken so deutlich: man sieht's in immergrößerem Maß, je weiter die Idee vom Gefühlund Ton in der Empfindung weglag, daß man 30nicht mehr an der Menschlichkeit des Ursprungsder Sprache zweifeln darf. Denn wie wollendie Verfechter einer andern Entstehung dieseDurchwebung der Ideen in den Wurzeln derWörter erklären? War Gott so Ideen- und 35Wortarm, daß er zu dergleichen verwirrendemWortgebrauch seine Zuflucht nehmen mußte?Oder war er so sehr Liebhaber von Hyperbolenund kühnen Metaphern, daß er diesen Geist bisin die Grundwurzeln seiner Sprache prägte? 40

Die sogenannte göttliche Sprache, die Ebräi-sche, ist mit diesen Kühnheiten ganz'durchwebt,so daß der Orient auch die Ehre hat, sie mitseinem Namen zu bezeichnen. Allein, daß mandoch ja nicht diesen Metapherngeist deshalb asia- 45tisch nenne, als wenn er sonst nirgend anzu-treffen wäre! In allen wilden Sprachen lebter; nur freilich in jeder nach Maaße der Bil-dung der Nation und nach der Eigenheit ihrerDenkart. Ein Volk, das seine Gefühle nicht 50viel und nicht scharf unterschied: ein Volk, dasnicht Herz genug hakte sich auszudrücken, undAusdrücke mächtig zu rauben, wird auch überdie Nüancen des Gefühls weniger verlegen sein,oder sich mit schleichenden Halbausdrücken be- 55helfen. Eine feurige Nation gegentheils offen-bart ihren Muth in solchen Metaphern, siemöge im Orient, oder in Nordamerika woh-nen. Die aber in ihrem tiefsten Grunde diemeisten solcher Verpflanzungen zeigt; deren 60Sprache ist voraus die ärmste, die älteste, dieursprünglichst? gewesen und die war ohne Zwei-fel im Orient.

Man siehet, wie schwer bei einer solchenSprache „ein wahres Etymologikon" sein müsse? 65Die so verschiedenen Bedeutungen einer Wurzel,die in einer Stammtafel abgeleitet und aufihren Ursprung zurückgeführt werden sollen,sind nur durch so dunkle Gefühle, durch flüch-

tige Rebenideen, durch Mitempfindungcn ver-wandt, die aus dem Grunde der Seele steigen,und wenig in Regeln gefastet werden können.Ihre Verwandtschaften sind ferner so national,so sehr nach der eigene» Denk- und Schart desVolks, des Erfinders, in dem Lande, in derZeit, unter den Umständen erzeuget, daß sievon einem Nord- und Abendländer schwer zutreffen sind, und in langen, kalten Umschrei-bungen unendlich leiden müssen. Da sie fernervon der Noth erzwungen, und im Affekt, imGefühl, in der Verlegenheit des Ausdrucks er-funden wurden; welch ein Glück gehört dazu,dasselbe Gefühl zu treffen? Endlich, da in einemWörterbuch dieser Art die Wörter, und dieBedeutungen Eines Worts aus so verschiedenenZeiten, Anlässen und Denkarten gesammletwerden sollen, und sich also diese augenblickli-chen Bestimmungen ins Unendliche vermehren;wie vervielfältigt sich da die Mühe! welch einScharfsinn wird erfordert, in diese Umständeund Bedürfnisse einzudringen, und welche Mä-ßigung, bei den Auslegungen verschiedener Zei-ten darin Maaß zu halten! Welche Kenntnißund Biegsamkeit der Seele endlich gehört da-zu, sich so ganz diesen rohen Witz, diese kühnePhantasie, dies Nationalgefühl fremder Zeitenzu geben, und es nach den unsrigen zu Moder-nismen! Aber eben damit würde auch „nichtblos in die Geschichte, Denkart und Literaturdes Landes, sondern überhaupt in die dunkleGegend der menschlichen Seele eine Fackel ge-tragen, wo sich die Begriffe durchkreuzen undverwickeln, wo die verschiedensten Gefühle ein-ander erzeugen, wo eine dringende Gelegen-heit alle Kräfte der Seele aufbietet und dieganze Erfindungskunst, deren sie fähig ist, zei-get." Jeder Schritt wäre in einem solchenWerk Entdeckung, und jede neue Bemerkunghierüber gäbe eine immer vollständigere Jnduc-rion des Beweises von der Menschlichkeit desUrsprungs der Sprache.

Schultens hat sich an der Entwicklung eini-ger solchen Anfänge der hebräischen SpracheRuhm erworben: jede seiner Entwickelungenist eine Probe meiner Regel; ich glaube abervieler Ursachen wegen nicht, daß die Anfängeder ersten menschlichen Sprache, wenn es auchdie hebräische wäre, je vollständig entwickeltwerden können - —

Ich folgere noch eine Anmerkung, die zuallgemein und wichtig ist, um Übergängen zuwerden. Der Grund der kühnen Wortmeta-phern lag in ihrer ersten Erfindung; aber wie?wenn spät nachher, da schon alles Bedürfnißweggefallen ist, aus bloßer Nachahmungssucht,oder aus Liebe zum Alterthum dergleichen Wort-und Bildergattungen nicht nur bleiben, sonderngar noch ausgedehnt und erhöhet werden? Dann,o dann wird jener erhabene Unsinn, jenes auf-gedunsene Wortspiel daraus, das es im An-fange eigentlich nicht war. Dort war'S kühner,männlicher Witz, der dann vielleicht am we-nigsten spielen wollte, wenn er am meisten zuspielen schien : es war rohe Erhabenheit derPhantasie, die solch Gefühl in solchem Worteherausarbeitete; aber nun im Gebrauche schalerNachahmer, ohne solches Gefühl, ohne solcheGelegenheit — ach der Ampullen von Worten