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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
731-732
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731 Johann ^Gottf,

ohne Geist! der schönen oder erhabenen Luft-blasen! Und das ist „das Schicksal fast allerderer Sprachen in spätern Zeiten gewesen, de-ren erste Formen so kühn waren." Die späternfranzösischen Dichter können sich nicht verstei-gen , weil die späten Erfinder ihrer Sprachesich nicht verstiegen haben: ihre Sprache istProse der gesunden Vernunft, und hat ur-sprünglich fast kein poetisches Wort, das demDichter eigen wäre; aber die Morgenländer?die Grieche»? die Engländer? und wir Deutsche?

Daraus folgt: je älter eine Sprache ist, jemehr solcher Kühnheiten in ihren Wurzeln ist,hat sie lange gelebt und lange sich fortgebildet;um so weniger muß man auf jede Kühnheitdes Ursprunges losdringen, als wenn jeder die-ser sich durchkreuzenden Begriffe auch jedesmalin jedem späten Gebrauche des Wortes mit ge-dacht worden wäre. Die Metapher des An-fangs war Drang zu sprechen, nimmt man'snachher in jedem Fall, wo das'Wort schongeläufig geworden war, und seine Schärfe ab-genutzt hatte, für Fruchtbarkeit und Energie,alle solche Sonderbarkeiten zu verbinden; wasfür klägliche Beispiele wimmeln da in ganzen 25Schulen der morgenländischen Sprachen!

Noch Eins. Wenn gar an solchen kühnenWorlkämpfen, an solchen Bersetzungen der Ge-fühle in Einen Ausdruck, an solchen Durch-kreuzungen der Ideen ohne Regel und Richt- g<>schnür gewisse feine Begriffe Eines Dogma,Eines Systems hangen, oder daran geheftetwerden, oder daraus untersucht werden sollen;Himmel! wie wenig waren diese Wortvcrsucheeiner werdenden oder früh gewordene» Sprache 55Definitionen eines Systems, und wie oft kommtman in den Fall, Wortidole zu schaffen, an dieder Erfinder oder der spätere Gebrauch nichtdachte! — — Ich gehe zu einem neuen Canon:

ZU. „Je ursprünglicher eine Sprache ist, je 40häufiger solche Gefühle sich in ihr durchkreu-zen; desto weniger können diese einander genauund logisch untergeordnet sein. Eine solche istreich an Synonymen: bei aller wesentlichenDürftigkeit hat sie den größten unnöthigen Ue- 45berfluß."

Die Vertheidiger des göttlichen Ursprunges,die in allem göttliche Ordnung zu finde» wissen,können ihn hier schwerlich finden, und leugne»die Synonyme. — Sie leugnen? Wohlan, laß -><,es sein, daß unter den 50 Wörtern, die derÄrader für den Löwen, unter den 200, die erfür die Schlange, unter den 8», die er für denHonig, und mehr als 1000, die er für dasSchwert hat, sich feine Unterschiede finden, oder 5ggefunden hätten, die aber verloren gegangenwären — warum waren sie da, wenn sie ver-loren gehe» mußten? Warum erfand Gott einenunnöthige,, Wortschatz, den nur, wie die Ara-ber sagen, ein göttlicher Prophet in seinem 00ganzen Umfange fassen konnte? — — Berglei-chungSweise aber sind diese Worte doch immersynonyme, i„ Betracht der vielen andernIdee», für welche die Wörter gar mangeln.Run entwickle man darin göttliche Ordnung, <jzdaß Er, der den Plan der Sprache übersah,für den Stern 70 Wörter erfand, und für alleso nöthige Ideen, innerliche Gefühle und Ab-straktionen keine? daß Er dorr mir unnölhigem

ied von Herder. 732

Ucberfluß überhäufte, hier in der größten Dürf-tigkeit ließ, und das Bedürfniß nöthig machte,Metaphern zu usurpiren, halben Unsinn zureden u. s. w.

5 Menschlich erklärt sich die Sache von selbst.So uneigentlich schwere, seltene Ideen ausge-drückt werden mußten; so häufig konntens dievorliegenden und leichten. Je unbekannter manmit der Natur war; von je mehrern Seiten10 man sie aus Unerfahrenheit ansehen und kaumwieder erkennen konnte; je weniger man apriori, sondern nach sinnlichen Umständen er-fand: desto mehr Synonyme. Je Mehrere er-fanden, je umherirrender und' abgetrennter sie15 erfanden, und doch nur meistens in EinemKreise für Einerlei Sachen erfanden; wenn sienachher zusammen kamen, wenn ihre Sprachenin einen Ocean von Wörterbuch flössen: destomehr Synonyme. Lerworfen konnten alle nicht20 werden; denn welche sollte» es werden? Siewaren bei diesem Stamm, bei dieser Familie;bei diesem Dichter einmal gebräuchlich; es wardalso, wie jener Arabische Wörterbuchschreibersagt, da er 400 W'örter vom Elend aufgezählthatte, das Vierhundertste Elend, die Wörterdes Elends aufzählen zu- müssen. Eine solcheSprache ist reich, weil sie arm ist, weil ihreErfinder noch nicht Plan genug hatten, armzu werden; und der müßige Erfinder eben derunvollkommensten Sprache wäre Gott?

Die Analogien aller wilden Sprachen be-stätigen meinen Satz: jede ist auf ihre Weiseverschwenderisch und dürftig-, nur jede auseigne Art. Wenn der Araber für Stein, Ca-meel, Schwert, Schlange (Dinge, unter de-nen er lebt), so viele Wörter hat; so ist dieCeylonische Sprache, den Neigungen ihresVolks gemäß, reich an Schmeicheleien, Titelnund Wortgepränge. Für das Wort „Frauen-zimmer" hat sie nach Stand und Range zwöl-ferlei Namen, da wir unhöfliche Deutsche z. E.hierin von unsern Nachbarn borgen müssen.Nach Stand und Range wird das Du und Ihrauf achterlei Weise gegeben, und das so wohlvom Tagelöhner, als vom Hofmanne: der Wustist Form der Sprache. In Eiam gibt es ach-terlei Manieren Ich und Wir zu sagen, nach-dem der Herr mit dem Knechte, oder der Knechtmit dem Herr» redet. Die Sprache der wildenKaraiben ist beinaye in zwo Sprachen der Wei-ber und Männer vertheilt, und die gemeinstenSachen: Bette, Mond, Sonne', Bogen, benen-nen beide anders - welch ein Ueberfluß vonSynonymen! Und doch habe» eben diese Ka-raiben nur vier Wörter für die Farben, aufdie sie alle andre beziehen müssen — welcheArmuth! Die Huroncn haben jedesmal ein dop-peltes Zeitwort für eine beseelte und unbescclleSache: so daß Sehen bei „einen Stein sehen"und Sehen bei „einen Menschen sehen!" zweenverschiedene Ausdrücke sind; man verfolge dasdurch die ganze Natur - welch ein Reichthum!„Sich seines Eigenthums bedienen," oder „deSEigenthums dessen mit dem man redet" h»timmer zwei verschiedene Wörter - welch ei»Reichthum! — In der Peruanischen Haupt-sprache nennen sich die Geschlechter so sonderbar ab-getrennt, daß die Schwester des Bruders unddie Schwester der Schwester, das Kind des