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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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735-736
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735 Johann

decke; nämlich, „daß man noch zur Zeit keineSprache entdeckt habe, die ganz zu Künsten undWissenschaften ungeschickt gewesen wäre." Waszeigt dieß aber anders, als daß keine Spracheviehisch, daß sie alle menschlich sind? Wo hat 5man denn eine Nation entdeckt, die ganz zuKünsten und Wissenschaften ungeschickt gewesenwäre; und war das ein Wunder? „Alle Mis-sionarien haben mit den wildesten Völkern redenund sie überzeugen können; das konnte ohne 10Schlüsse und Gründe nicht geschehen: ihre Spra-chen mußten also „abstrakte Ausdrücke" enthaltenu. s- w." Und wenn das, so war's göttlicheOrdnung? Oder war es nicht eben die mensch-lichste Sache, sich Worte zu abstrahiren, wo 15man sie brauchte? Und welches Volk hat jeeine einzige Abstraktion in seiner Sprache ge-habt, die es sich nicht selbst erworben? Undwaren denn bei allen Völkern gleich viel Ab-straktionen? Konnten die Missionarien sich überall 20gleich leicht ausdrücken, oder hat man nicht dasGegentheil aus allen Wclttheilen gelesen? Undwie drückten sie sich denn aus, als daß sie ihreneuen Begriffe der Sprache nach Analogie der-selben anbogen? Und geschah dieß überall auf 25gleiche Art? Ueber das Faktum wäre so viel zusagen; der Schluß sagt gar das Gegentheil-„ Eben weil die menschliche Vernunft nicht ohneAbstraktion seyn kann, und jede Abstraktionnicht ohne Sprache wird; so muß die Sprache 50auch in jedem Volk Abstraktionen enthalte», dasist, ein Abdruck der Vernunft seyn, von dersie ein Werkzeug gewesen. Wie aber jede nurso viel enthält, als das Volk hat machen kön-nen, und keine einzige, die ohne Sinne gemacht 55wäre, als welches ihr ursprünglich sinnlicherAusdruck zeigt: so ist nirgends göttliche Ord-nung zu sehen, als so fern die Sprache durch-aus menschlich ist.

V. Endlich, „da jede Grammatik nur eine 40Pphilosophie über die Sprache, und eine Me-thode ihres Gebrauchs ist: so muß, je ursprüng-licher die Sprache ist, desto weniger Grammatikin ihr seyn, und die älteste ist bloß das voran-gezeigte Wörterbuch der Natur." Ich zeichne 45aus vielen Steigerungen aus.

1) Deklinationen und Konjugationen sindnichts anders, als Verkürzungen und Bestim-mungen des Gebrauchs der Nominum und Ver-borum nach Zahl, Zeit, Art und Person. sZe 50roher also eine Sprache, desto unregelmäßiger

ist sie in diesen Bestimmungen, und zeigt beijedem Schritte den Gang der menschlichen Ver-nunft. Vornan noch ohne alle Kunst des Ge-brauchs, ist sie ein simples Wörterbuch. 55

2) Wie Verba einer Sprache eher sind,als die von ihnen rund abstrahirten Nomina:so auch Anfangs um so mehr Conjugationen,ie weniger man Begriffe unter einander zuordnen gelernt hat. Wie viel ihrer haben die 60Morgenländer! und doch sinds eigentlich keine:denn was gibiz noch immer für Verpflanzun-gen und Umwerfungen der Verborum ausConjugation in Conjugation 1 Die Sache istganz natürlich. Da nichts den Menschen so 65nah angeht, wenigstens so sprachartig ihn trifft,als was er erzählen soll, Thaten, HandlungenBegebenheiten: so muß sich ursprünglich einesolche Menge Thaten und Begebenheiten sam-

von Herder.

mein, daß fast für jeden Zustand ein neuesVerbum wird. „In der Huronischen Sprachewird alles conjugirt. Eine Kunst, die nichtkann erkläret werden, läßt darin von den Zeit-wörtern, die Neust- die Für- die Zuwörterunterscheiden. Die einfachen Zeitwörter habeneine doppelte Conjugation, Eine für sich undEine, die sich auf andere Dinge-beziehet. Diedritte» Personen haben die beiden Geschlechter.Was die Tempora anbeträft, findet man diefeinen Unterschiede, die man z. B. im Griechi-schen bemerket; ja wenn man die Erzählungeiner Reise thun will, so drückt man sich ver-schieden aus, wenn man sie zu Lande und zuWasser gethan hat. Die Activa vervielfältigensich so oft, als es Sachen gibt, die unter dasThun kommen: das Wort Essen verändert sichmit jeder eßbaren Sache. Das Thun einer be-seelten Sache wird anders ausgedrückt, als einer»«beseelte». Sich seines und des Eigenthumsdessen bediene», mit dem man redet, hat zwei-erlei Ausdruck ü. s. w. Man denke sich allediese Vielheit von Verdis, Modis, Lemporibus,Personen, Zuständen, Geschlechtern u. s. w.,welche Mühe und Kunst, dies einigermaßen un-ter einander zu bringen, und aus dem, wasganz Wörterbuch war, einigermaßen Gramma-tik zu machen? — Des P. Leri Grammatikder Topinambuer in Brasilien zeigt eben das-selbe. Denn „wie das erste Wörterbuch dermenschlichen Seele eine lebendige Epopee dertönenden, handelnden Natur war: so war dieerste Grammatik fast nichts, als ein philoso-phischer Versuch, diese Epopee zur regelmäßi-gern Geschichte zu machen." Sie zcrarbeitetsich also mit lauter Verdis, und arbeitet ineinem Chaos, das für die Dichtkunst uner-schöpflich, das mehr geordnet, sehr reich fürdie Bestimmung der Geschichte; am spätstenaber für Axiome und Demonstrationen brauch-bar ist.

3) Das Wort, was unmittelbar auf denSchall der Natur, nachahmend, folgte: folgteschon einem Vergangnen: »Präterita sind alsodie Wurzeln der Verborum, aber Präterita,die noch fast für die Gegenwart gelten." Vonvorncnherein ist das Faktum sonderbar und uner-klärlich, da die gegenwärtige Zeit die erste seinmüßte, die ein Tempus erhielte, wie sie esauch in allen spätergebildeten Sprachen erhal-ten hat; nach der Geschichte der Sprachener-sindung konnte es nicht anders sein. „Die Ge-genwart zeigt man; aber das Vergangne mußman erzählen." Und da man dies auf so vielArt erzählen konnte, und Anfangs im Bedürf-niß Worte zu finden es sehr vielfältig thunmußte: so wurden in allen alten Sprachen vielPräterita, aber nur ein oder kein Präsens."Dessen hatte sich nun in den gebildeter» Zeitendie Dichtkunst und Geschichte sehr, die Philo-sophie aber sehr wenig zu erfreuen, weil diekeinen verwirrenden Borrath liebet. Hier sindwieder Huronen, Brasilianer, Morgenländerund Griechen einander gleich: überall Spurenvom Gange des menschlichen Geistes.

4) Alle neueren philosophischen Sprachenhaben das Nomen feiner, das Verbum weniger'/aber regelmäßiger modisicirt; denn die Spracheerwuchs mehr „zur kalten Beschallung dessen/