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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
739-740
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Jobann Gottfried von Herder.

barkeit Grenzen setzen? wo will man sagen:hier sing die menschliche Seele zu wirken an,aber eher nicht? Hat sie das Feinste, dasSchwerste erfinden können» warum nicht dasLeichtere? Konnte sie zu Stande bringen, wa-rum nicht Versuche machen? warum nicht an-fangen ? Denn der Anfang war doch nichts, alsdie Produktion eines Worts, als Zeichen derVernunft; und das mußte sie, blind und stummin ihrem Innern, so wahr sie Vernunft besaß.

Ich bilde mir ein, das Können der Erfin-dung menschlicher Sprache sei mit dem, wasich gesagt, von Innen aus der menschlichenSeele, von Außen aus der Organisation desMenschen und aus der Analogie aller Sprachenund Völker, theils in den Bestandtheilen derRede, theils im ganzen großen Fortganac derSprache mit der Vernunft so bewiesen, daß,wer dem Mensche» nicht Vernunft abspricht,oder was eben so viel ist, wer weiß, was Ver-nunft ist! wer sich ferner je um die Elementeder Sprache philosophisch bekümmert, und da-zu die Beschaffenheit und Geschichte der Spra-cn auf dem Erdboden mir dem Auge deseobachters in Rücksicht genommen hat; derkann nicht Einen Augenblick zweifeln, wenn ichauch weiter kein Wort hinzusetzte. Die Gene-sis der Sprache in der menschlichen Seele istso demonstrativ, als irgend ein philosophischerBeweis; und die äußere Analogie aller Zeiten,Sprachen und Völker, hat solch einen Gradder Wahrscheinlichkeit, als bei der gewissestenSache der Geschichte möglich ist. Indessen umauf immer allen Einwendungen vorzubeugen,und den Satz gleichsam auch äußerlich so gewißzu machen, als eine philosophische Wahrheitsein kann: so lasset uns noch aus äußern Um-ständen und aus der ganzen Analogie der mensch-lichen Natur beweisen: „daß der Mensch sichseine Sprache hat erfinden müssen; und unterwelchen Umstanden er sie sich am füglichstenhabe erfinden können?"

Zweiter Theil.

Auf welchem Wege der Mensch sich amfüglichsten hat Sprache erfinden könnenund müssen?

Die Natur gibt keine Kräfte umsonst. Wen»sie also dem Menschen nicht bloß Fähigkeitengab, Sprache zu erfinden, sondern auch dieseFähigkeit zum Unterscheidungscharakter seinesWesens, und zur Triebfeder seiner vorzüglichenRichtung machte: so kam diese Kraft nicht an-ders als lebend aus ihrer Hand, und so konntesie nicht anders als in eine Sphäre gesetzt sein,in der sie wirken mußte. Lasset uns einige die-ser Umstände und Anliegenhciten genauer betrach-ten, die den Menschen, da er mit der nächstenAnlage sich Sprache zu bilden, in die Welttrat, sogleich zur Sprache veranlaßten; undda dieser Anuegenheiren viel sind, so bringe ichsie unter gewisse Hanptgesetze seiner Natur undseines Geschlechtes.

Erstes Naturgesetz.

Der Mensch ist ein freidenkendes, thätigesWesen, dessen Kräfte in Progression fortwirken;5 darum sei er ein Geschöpf der Sprache!

Als ein nacktes, instinktloses Thier betrach-tet, ist der Mensch das elendeste der Wesen. Daist kein dunkler, angeborner Trieb, der ihn insein Element, und in seinen Wirkungskreis, zut« seinem Unterhalt und an sein Geschäft ziehe.Kein Geruch und keine Witterung, die ihn aufdie Kräuter hinreiße, damit er seinen Hungerstille! Kein blinder, mechanischer Lehrmeister,der für ihn sein Nest baue! Schwach und un-15 terliegend, dem Zwist der Elemente, dem Hun-ger, allen Gefahren, den Klauen aller stätkernThiere, einem tausendfachen Tode überlassen,stehet er da; einsam und einzeln; ohne denunmittelbare» Unterricht seiner Schöpferin, und2l> ohne die sichere Leitung ihrer Hand, von allenSeiten also verloren —

Doch so lebhaft dies Bild ausgemahlt werde:so ists nicht das Bild des Menschen, es ist nurEine Seile seiner Oberfläche und auch die stehet25 im falsche» Licht. Wenn Verstand und Be-sonnenheit die Naturgabe seiner Gattung ist:so mußte diese sich sogleich äußern, da sich dieschwächere Sinnlichkeit und alle das Kläglicheseiner Entbehrungen äußerte. Das instinktlose,56 elende Geschöpf, das so verlassen aus den Hän-de» der Natur kam, war auch vom ersten Au-genblick an das freikhätige, vernünftige Geschöpf,das sich selbst helfen sollte, und nicht anders,als konnte. Alle Mängel und Bedürfnisse, als

55 Thier, waren dringende Anlässe, sich mit allenKräften, als Mensch zu zeigen: so wie dieseKräfte der Menschheit nicht etwa blos schwacheSchadloshaltungen gegen die ihm versagtengrößer» Thiervollkommenheitcn waren, wie eine

46 neuere Philosophie (die große Gönnerin derThiere) will; sondern sie waren, ohne Vcrglei-chung und eigentliche Gegeneinandermeffung,seine Art. Der Mittelpunkt seiner Schwere,die Hauptrichtung seiner Seclenwirkungen fiel45 so auf diesen Verstand, auf menschliche Beson-nenheit hin, wie bei der Biene sogleich aufsSaugen und Bauen.

Wenn es nun bewiesen ist, daß nicht diemindeste Handlung seines Verstandes, ohne

56 Merkwort, geschehe» konnte: so war auch daserste Moment der Besinnung, Moment zu in-nerer Entstehung der Sprache.

Man lasse ihm zu dieser ersten deutlichenBesinnung so viel Zeit, als man will: man55 lasse, nach Buffonü Manier, dies gewordeneGeschöpf sich allmählig sammeln; man vergesseaber nicht, daß, gleich vom ersten Moment an,kein Thier, sondern ein Mensch, zwar noch keinGeschöpf von Besinnung, aber schon von Be-66 sonnenheil, ins Univcrsium erwache. Nicht wieeine schwerfällige, unbehülfliche Maschine, diegehen sollte, und mit starren Gliedern nichtgehen kann: die sehe», hören, kosten sollte, und,mit starren Säften im Auge, mit verhärtetem65 Ohre und mit versteinter Zunge nichts von allediesem vermag; - Leute, die Zweifel der Artmachen, sollten doch bedenken, daß dieser Menschnicht aus Platons Höhle, aus einem finsternKerker, wo er vom ersten Augenblick seines