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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
741-742
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Johann Gottfried von Herder.

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Lebens eine Reihe von Jahren hin, ohne Lichtund Bewegung, sich mit offnen Augen blindund mit gesunden Gliedern ungelenk gesessen,sondern daß er aus den Händen der Natur, imfrischesten Zustande seiner Kräfte und Säfte,und mit der beste», nächsten Anlage kam, vomersten Augenblicke an sich zu entwickeln. Ueberdie ersten Momente der Sammlung und Leitungmuß freilich die schaffende Vorsicht gewaltet ha-ben — — doch es ist nicht Werk der Philoso-phie, das Wunderbare in diesen Momenten zuerklären; so wenig sie seine Schöpfung erklärenkann. Sie nimmt ihn im ersten Zustande derfreien Thätigkeit, im ersten vollen Gefühl seinesgesunden Daseins, und erklärt also diese Mo-mente nur menschlich.

Nun darf ich mich auf das Vorige beziehen.Da hier keine metaphysische Trennung der Sin-ne statt findet, da die ganze Maschine empfin-det, und gleich vom dunkeln Gefühl heraufar-beitet zur Besinnung, da dieser Punkt, dieEmpfindung des ersten deutlichen Merkmals,eben auf das Gehör, den mittlern Sinn zwi-schen Augen und Gefühl trifft: so ist die Ge-nesis der Sprache ein so inneres Dringniß, wieder Drang des Embruo's zur Geburt, bei demMoment seiner Reife. Die ganze Natur stürmtauf den Menschen, um seine Sinne zu entwi-ckeln, bis er Mensch sei. Und wie von diesemZustande die Sprache anfängt, so „ist die ganzeKette von Zuständen in der menschlichen Seelevon der Art, daß jeder die Sprache fortbildet."— Dieß große Gesetz der Naturordnung wollenwir näher betrachten.

Thiere verbinden ihre Gedanke» dunkel oderklar, aber nicht deutlich. So wie freilich dieGattungen, die nach Lebensart und Nervenbaudem Menschen am nächsten stehen, die Thieredes Feldes, oft viel Erinnerung, viel Gedächt-niß, und in manchen Fällen ein stärkeres, alsder Mensch zeigen: so ists doch immer nur einsinnliches Gedächtniß: und keines hat die Erin-nerung je durch eine Handlung bewiesen, durchdie es für sein ganzes Geschlecht seinen Zustandverbessert^, und. Erfahrungen generalisirt hätte,um sie m der Folge zu nutzen. Der Hundkann freilich die Geberde erkennen, die ihn ge-schlagen hat, und der Fuchs wird den unsichernOrt, wo ihm nachgestellt wurde, fliehen; aberkeins von beiden vermag sich eine allgemeineReflexion aufzuklären, wie es dieser schlagdro-henden Geberde, dieser Hinterlist der Jäger jeauf immer entgehen könnte. Es blieb also nurimmer bei dem einzelnen sinnlichen Falle han-gen, und sein Gedächtniß wurde eine Reihedieser sinnlichen Falle, die sich produciren undreproduciern, nie aber „durch Ueberlegung" untereinander verbunden sind. Ein Mannichfaltigesohne deutliche Einheit; ein Traum sehr sinnli-cher klarer, lebhafter Vorstellungen, ohne einHauptgesetz des hellen Wachens, das diesen Traumordne.

Freilich ist unter diesen Geschlechtern undGattungen noch ein großer Unterschied. Jetnger der Kreis, je stärker die Sinnlichkeitund der Trieb, je einförmiger die Kunstfähig-ksit und das Werk ihres Lebens ist; desto we-iser ist, wenigstens für uns, die geringsteProgression durch Erfahrung merklich. Die

Biene bauet in ihrer Kindheit so, wie im Alter,und wird zu Ende der Welt bauen, wie sieim Beginn der Schöpfung baute. Geschöpfedieser Art sind einzelne Punkte, leuchtende Fun-5 ken aus dem Licht des göttlichen Verstandes,die aber immer nur als dieselben Punkte leuch-ten. Ei» erfahrner Fuchs hingegen unterschei-det sich schon sehr von dem ersten Lehrlingeder Jagd: er kennet schon viele Kunstgriffe vor-10 aus, und sucht ihnen zu entweichen; aber wo-her kennet er sie? und wie sucht er ihnen zuentweichen? Weil unmittelbar aus solcher undsolcher Erfahrung das Gesetz dieser und keinerandern Handlung folget. In keinem Falle wirkt15 bei ihm deutliche Reflexion: denn werden nichtimmer die klügsten Füchse noch jetzt so berückt,wie vom ersten Jäger in der Welt der ersteFuchs berückt wurde? Bei dem Menschen wal-let offenbar ein anderes Naturgesetz über die20 Succession seiner Ideen, Besonnenheit; sie wal-tet selbst noch im sinnlichen Zustande, nur j„ihm minder merklich. Das unwissendste Ge-schöpf, wann er auf die Welt kommt; abersogleich wird er Lehrling der Natur auf eine25 Weise, wie es kein Thier wird! Nicht blos einTag lehrt den andern: sondern jede Minutedes Tages die andere, jeder Gedanke den an-dern. Der Kunstgriff ist seiner Seele wesent-lich, nichts für diesen Augenblick zu lernen,50 sondern alles entweder an das zu reihen, wassie schon wußte, oder für das, was sie künftigdaran zu knüpfen gedenkt, aufzubewahren. Sieberechnet also ihren Vorrath, den sie gesammelthat, oder noch zu sammeln gedenkt, unaufhörlich;55 und so wird sie eine Kraft, unverrückt, zusammeln. Solch eine Kette geht im Menschenbis an den Tod fort. Nie ist er gleichsam derganze Mensch; sondern immer in Entwicklung,im Fortgangs, in Vervollkommnung. Eine10 Wirksamkeit hebt sich durch die andere: einebaut auf die andre: eine entwickelt sich aus derandern. Es werden Lebensalter, Epochen, diewir nur nach merklichen Stuffen benennen undabsondern, die aber, weil der Mensch nie fühlt,45 wie er wächset, sondern nur immer, wie er ge-wachsen ist, sich in ein Unendlich-kleines theilenlassen. Wir wachsen immer aus einer Kind-heit, so alt wir sein mögen, sind immer imGange, unruhig, ungesättigt. Das Wesentli-50 che unsers Lebens ist nie Genuß, sondern immerProgression, und wir sind nie Menschen gewe-sen , bis wir — zu Ende gelebt haben; da hin-gegen die Biene schon die ganze Biene war. alssie ihre erste Zelle bauete. Zu allen Zeiten wirkt55 freilich dies Gesetz der Vervollkommnung, derProgression durch Besonnenheit, nicht gleichmerklich: ist aber das minder Merkliche des-wegen nicht da? Im Traume, im Gedanken-traume denkt der Mensch nicht so ordentlich60 und deutlich, als wachend; deswegen aber denkter noch immer als ein Mensch, als Mensch ineinem Mittclzustande. Bei einem Gesundenmüssen seine Träume so gut eine Regel derVerbindung haben, als seine wachenden Gc-65 danken: nur daß es nicht dieselbe Regel sein,oder diese so einförmig wirken kann, als wenner wachend denket. Selbst diese Ausnahmenzeugen also von der Gültigkeit des Hauptge-setzes; und die offenbaren Krankheiten und un-