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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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745-746
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Johann Gottfried von Herder.

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nunst, durch Ueberlegung; wie langsam über-legt diese! und wie schnell, wie andringend sindseine Bedürfnisse, seine Gefahren!" — — Eskann dieser Einwurf freilich mit Beispielen sehrausgeschmückt werden: er streitet aber gegeneine ganz andere Spitze. Unsre Gesellschaft,die viele Menschen zusammengebracht hat, daßsie mit ihren Fähigkeiten und VerrichtungenEins sein sollen, muß von Jugend auf Fähig-keiten vertheilen und Gelegenheiten ausspenden,daß Eine vor der andern gebildet werde. Sowird der Eine Mensch für die Gesellschaft gleich-sam ganz Algebra, ganz Vernunft; so wie sieam andern blos Herz, Muth und Faust braucht.Der nutzt ihr, daß er kein Genie und vielFleiß; jener, daß er Genie in Einem und inallem andern nichts habe. Jenes Triebrad mußsein Verhältniß und Stelle halten; sonst machensie kein Ganzes einer Maschine. Aber daß mandiese Vertheilung der Seelenkräste, da manviele merklich erstickt, um in Einer andre zuübertreffen, nicht in den Zustand eines natür-lichen Menschen übertrage! Setzet einen Philo-sophen, der, in der Gesellschaft geboren underzogen, nichts als seinen Kopf zum Denkenund seine Hand zum Schreiben geübet hat,setzet ihn mit Einmal aus allem Schutz, ausallen gegenseitigen Bequemlichkeiten, die ihmdie Gesellschaft für seine einseitigen Dienste lei-stet, hinaus: er soll sich selbst in einem unbe-kannten Lande Unterhalt suchen, gegen dieThiere kämpfen, und in allem sein eigner Schutz-gott sein; wie verlegen wird er sich dabei fin-den! Er hat dazu weder Sinne noch Kräfte,noch Uebung in beiden. Vielleicht hat er inden Jrrgängen seiner Abstraktion, Geruch, Ge-sicht und Gehör, und rasche Erfindungsgabe,und gewiß jenen Muth, jene schnelle Entschlie-ßung verloren, die sich nur unter Gefahrenbildet und äußert, die in steter, neuer Wirk-samkeit sein will, oder sie entschläft. Ist ernun in Jahren, wo der Lebensqucll seiner Gei-ster schon stille stehet, oder zu vertrocknen an-fängt: so wird es freilich ewig zu spät sein,ihn in diesen Kreis hineinbilden zu wollen: —dies ist aber nicht der gegebene Fall. Alle dieVersuche zur Sprache, die ich anführe, wurdennicht gemacht, um philosophische Versuche zusein: die Merkmale der Kräuter wurden nichtausgefunden, wie sie Sinne classificiret: die er-sten Erfahrungen sind nicht kalte, vernunftlang-same, sorgsam abstrahirende Experimente, wiesie der einsame Philosoph macht, wenn er derNatur in ihrem verborgenen Gange nachschleicht,und nicht sowohl wissen will, daß, sondernwie sie wirke? Daran war eben dem erstenErdbewohner am wenigsten gelegen- Es durfteihm nicht demonstrirt werden, daß dies oderjenes Kraut giftig sei; es war nicht nöthig,daß er vom Löwen erst angefallen würde, umsich vor ihm fürchten zu lernen. Seine Schüch-ternheit mit seiner Schwachheit, seine Beson-nenheit mit aller Feinheit seiner Seelenkrästeverbunden, war genug, ihm einen behaglichenZustand zu verschaffen, da die Natur selbst dieseTriebfedern dazu für genugsam erkannt hatte.Wenn wir also durchaus keinen schüchternen,abstrakten Philosophen zum Erfinder der Sprachenöthig haben, und der rohe Naturmensch, der

seine Seele, wie seinen Körper, noch ganz ausEinem Stück fühlet, uns mehr, als alle sprach-schaffenden Akademien ist: so wollen wir unsauch keinen Gelehrten zum Muster der Sprach-schöpfung nehmen, und überhaupt einander nichtStaub in die Augen streuen, um bewiesen zuhaben, der Mensch könne nicht sehen, weil un-ser bestäubtes Auge nicht zu sehen vermag.

Süßmilch hat einen ganzen Abschnitt daraufverwandt, um zu zeigen, „wie unmöglich sichder Mensch eine Sprache habe fortbilden kön-nen, wenn er sie auch durch Nachahmung er-funden hätte!" Daß das Erfinden durch bloßeNachahmung ohne menschliche Seele wenig Sinnhabe, ist bewiesen, und wäre der Vertheidigerdes göttlichen Ursprungs der Sprache dieserSache demonstrativ gewiß gewesen: so hätte ergegen einen bloßen Unsinn nicht eine Menge halb-wahrer Gründe zusammentragen dürfen, diejetzt gegen eine menschliche Erfindung der Sprachedurch Verstand sämmtlich nichts beweisen. Ichkann den ganzen Abschnitt, so verflochten mitwillkührlich-angenommenen Heischesätzen und fal-schen Axiomen über die Natur der Sprache erist, hier nicht ganz auseinander setzen; ich neh-me also nur so viel heraus, als nöthig ist, dar-zuthun: „daß in seinen Einwürfen die Natureiner sich fortbildenden menschlichen Spracheund einer sich fortbildenden menschlichen Seeledurchaus verkannt sei."

„Wenn man annimmt, daß die Einwohnerder ersten Welt nur aus etlichen tausend Fa-milien bestanden hätten, da das Licht des Ver-standes durch den Gebrauch der Sprache schonso helle geschienen, daß sie eingesehen, was dieSprache sei und daß sie also an die Verbesse-rung dieses herrlichen Mittels haben können an-fangen zu denken: so — — " aber von diesenVordersätzen nimmt niemand nichts an. Mußtemans erst in späten Generationen einsehen ler-nen, was Sprache sei? Der erste Mensch sahes ein, da er den ersten Gedanken dachte. Mußteman erst in späten Generationen so weit kom-men, es einzusehen, daß die Sprache zu verbes-sern gut sei? Der erste Mensch sah es jedesmalein, wenn er seine ersten Merkmale besser ord-nen, berichtigen, unterscheiden und zusammen-setzen lernte, und verbesserte damit jedesmalunmittelbar die Sprache, wenn er so etwas vonneuem lernte. Und dann, wie hätte sich dochdurch tausend Familien hin das Licht des Ver-standes durch die Sprache so helle aufklärenkönnen, wenn im Lauf dieser Generationen sichnicht schon die Sprache selbst aufgeklärt hätte.Also wäre eine Aufklärung ohne Verbesserungmöglich? und hinter einer Verbesserung tausendFamilien hindurch noch der Anfang zu einerVerbesserung unmöglich? —

„Würde aber nicht ein ganz unentbehrlichesHülfsmittel dieses philosophischen und philolo-gischen Collegii, Schrift, müssen angenommenwerden?" Nein! denn sie war kein philosophischund philologisches Collegium, diese erste natür-liche, lebendige Fortbildung der Sprache; undwas könnte der Philosoph und Philolog in sei-nem todten Museum an einer Sprache verbes-sern, die in aller ihrer Wirksamkeit lebt?

„Sollen denn nun alle Völker auf gleicheWeise mit der Verbesserung zu Werk gegangen

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