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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Gottfried von Herder.

sein?" Ganz auf gleiche Weise, denn sie gingenalle menschlich: so daß wir uns hier in den we-sentlichen Rudimenten der Sprache Eins füralle anzunehmen getrauen. Wenn das aber dasgrößte Wunder sein soll, daß alle Sprachenacht Redetheile haben: so ist wieder das Fak-tum sowohl, als der Schluß unrichtig. Richtalle Sprachen haben von allen Zeiten her-unter achte gehabt: sondern der erste Blick indie Bauart einer Sprache zeigt, daß diese achtesich auseinander allmählich entwickelt haben.In den ältesten sind Verba eher gewesen,als Nomina, und vielleicht Interjektionen eher,als selbst regelmäßige Verba. In den späternsind Nomina mit Verdis gleich zusammen abge-leitet; allein selbst von der griechischen Sprachesagt Aristoteles, daß auch in ihr dies Anfangsalle Redetheile gewesen, und die andern sich nurspäter durch die Grammatiker aus jenen ent-wickelt haben. Von der Huronischen habe icheben dasselbe gelesen, und von den Morgenlän-dischen ists offenbar. Ja was wäre es dennendlich für ein Kunststück, die willkührliche undzum Theil »»philosophische Abstraktion derGrammatiker in acht Redetheile? Ist sie soregelmäßig und göttlich, als die Form einerBienenzelle? Und wenn sie's wäre, ist sie nichtdurchaus aus der menschlichen Seele erklärbar?

„Und was sollte die Menschen zu dieserhöchst-sauren Arbeit der Verbesserung gcrcizethaben?" Es war durchaus keine saure, spekula-tive Stubenarbeit, durchaus keine abstrakte Ver-besserung von vornenhercin, also bedurfte esgewiß auch keiner Anreizungen dazu, die nurin unserm Zustande der verfeinerten Gesellschaftstatt finden. Ich muß hier meinen Philosophenganz verlassen. Er nimmt an, daß „die erstenVcrbefferer recht gut philosophische Köpfe ge-wesen sein müßten, die gewiß weiter und tiefergesehen, als die meisten Gelehrten jetzt in An-sehung der Spracheund ihrerinnern Beschaffenheitzu thun pflegen." Er nimmt an, daß „dieseGelehrte überall erkannt haben müßten, daßihre Sprache unvollkommen, und daß sie einerVerbesserung nicht nur fähig, sondern auch be-dürftig sei." Er nimmt an, daß „sie den Zweckder Sprache haben gehörig beurtheilen müssenu. s. w., daß die Vorstellung dieses zu erlan-genden Gutes hinlänglich, stark und lebhaftgenug gewesen sein müsse, um einen Bewe-gungsgrund zur Uebernehmung dieser schwerenArbeit zu werden." Kurz, der Philosoph un-sers Zeitalters wollte sich auch aus allem Zu-fälligen desselben keinen Schritt hinauswagen,und konnte also auch nach solchem Gesichtspunkte»on der Entstehung einer Sprache, wie michdünkt, nicht anders als mangelhaft schreiben.In unserm Jahrhunderte freilich hätte jeneSprache so wenig entstehen können, als sie ent-stehen darf.

Aber kennen wir denn nicht Menschen inso verschiedenen Zeitaltern, Gegenden und Stu-fen der Bildung, daß uns dies veränderte großeSchauspiel nicht sicherer auf die erste Sceneschließen lehrte? Wissen wir nicht, daß ebenin den Winkeln der Erde, wo noch die Ver-nunft am wenigsten i„ die feine gesellschaftliche,vielseitige, gelehrte Form gegossen ist, nochSinnlichkeit, und roher Scharfsinn, Schlauheit

und muthige Wirksamkeit, Leidenschaft undErsindungsgeist, kurz, die ganze eingetheiltemenschliche Seele am lebhaftesten wirke? Amlebhaftesten wirke, weil sie noch auf keine lang-5 weilige Regeln gebracht, immer in einem Kreisevon Bedürfnissen, von Gefahren, von andrin-genden Erfordernissen ganz lebt, und sich im-mer neu und ganz fühlet. Da, nur da zeigtsie Kräfte, sich Sprache zu bilden und fortzu-10 bilden! Da hat sie Sinnlichkeit und gleichsamInstinkt genug, um den ganzen Laut, alle sichäußernden Merkmale der lebendigen Natur soganz zu empfinden und aufzufassen, wie wirnicht mehr können; und, wenn die Besinnung15 alsdann Eins derselben lostrennet, es so starkund innig zu nennen, als wirs nicht nennenwürden. Je minder die Seelcnkräste noch ent-wickelt sind, und jede zu einer eignen Sphäregerichtet worden; desto stärker wirken alle zu-20 sammcn: desto.inniger ist der Mittelpunkt ihrerIntensität. Nehmet aber diesen großen unzer-brechlichen Pfeilbund auseinander, und ihr könnt >zwar alle einzelnen Pfeile zerbrechen; ihr wer-det aber auch gewiß mit keinem Stäbe die Wun-25 der thun, die bloß durch ihre Vereinigung ge-than werden konnten: mit der einzigen kaltenLbstraktionsgabe der Philosophen werdet ihr nieSprache erfinden. — Das war aber nicht un-sere Frage: denn ohne Zweifel drang jener30 Weltsinn tiefer, und bei dem beständigen Zu-sammenstrom aller Sinne, in dessen Mittel-punkt immer der innere Sinn wachte, warenimmer neue Merkmale, Ordnungen, Gesichts-punkte, schnelle Schlußarten gegenwärtig; also35 gab es immer neue Bereicherungen der Sprache.Wenn man also nicht auf acht Redetheile rech-nen will, so empfing die menschliche Seeleihre besten Eingebungen zur Ausbildung derSprache, so lange sie noch ohne alle Anreizun-40 gen der Gesellschaft sich selbst desto mächtigeranreizte, und sich alle die Thätigkeit der Em-pfindung und des Gedankens gab, die sie sich nachinnerm Dränge und nach äußern Erfordernissengeben mußte. Da gebar sich also die Sprache45 mit der ganze» Entwicklung der menschlichenKräfte.

Es ist beinahe unbegreiflich, wie unser Jahr-hundert sich so tief in die Schatten, in diedunkeln Werkstätten des Kunstmäßigen verlieren50 kann, um das weite helle Licht der uneingeker-kerten Natur in andern Jahrhunderten auchnicht erkennen zu wollen. Aus den größestenHeldenthaten des menschlichen Geistes, die ernur im Zusammenstoß der lebendigen Welt thun55 und äußern konnte, sind Schulübungen imStaube unsrer Lehrkerker; aus den Meisterstü-cken menschlicher Dichtkunst und BeredsamkeitKindereien geworden, an welchen greise Kinderund junge Kinder Phrasen lernen und Regeln00 klauben. Wir haschen ihre Formalitäten undhaben ihren Geist verloren; wir lernen ihreSprache und fühlen kaum die lebendige Weltihrer Gedanken. Derselbe Fall ists mir unsernUrtheilen über das Meisterstück des menschliche"

05 Geistes, die Bildung der Sprache überhaupt-Da soll uns das todte Nachdenken Dinge leh-ren, die blos aus dem lebendigen Hauche derWelt, aus dem Geiste der großen wirksamenNatur den Mensche» beseelen, ihn aufrufe» und