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Johann Gottfried von Herder
da wirkt die Dichtkunst; und gerade ist diesin den Zeiten der ganzen wilden Natur oderauf den ersten Stufen der politischen Bildung,Weiterhin, je mehr Kunst an die Stelle derNatur tritt und gemachtes Gesetz an die Stelle 5der läutern Empfindung (Zustände, in denendie Menschen nichts mehr sind, oder was siesind, ewig verhehlen), wo man sich Sinne undGliedmaßen stümmelt, um die Natur nicht zufühlen oder nicht von sich weiter wirken zu 10lassen; wie ist da Poesie, wahre, wirkendeSprache der Natur möglich? Lüge rührt nicht;Kunst, Zwang und Heuchelei kann nicht ent-zücken, so wenig als Nacht und Finsterniß er-leuchten. Dichtet s im wörtlichen Verstände) 15dichtet immer') erdichtet euch eine Natur, Em-pfindung, Handlung, Sitten, Sprache; diegroße Mutter der Wahrheit und Liebe siehteuerm Spiele zu, sie lacht oder jammert. Diewahre Poesie ist todt, die Flamme des Him- 20mels erloschen und von ihren Wirkungen nurein Häufchen Asche übrig.
Das ist also Dichtkunst und so wirkt sie;aber was wirkt sie? wie bringt sie Sittenhervor? und sind diese gut oder böse?
Mich dünkt, diese Fragen allgemein zu be-antworten, ist gar nicht möglich. Alle GabeGottes in der Natur ist gut, und so auch diegroße Gabe über sie alle, ihre lebendige Spra- 30che. Sinne, Einbildung, Handlung, Leiden-schaft, alles was die Poesie ausdrückt und dar-stellt, ist gut; mithin kann auch ihr Eindruckauf andere, durch Harmonie und Einstimmung,nicht böse genannt werden. So wie aber alles 35in der Schöpfung und gerade das Edelste ammeisten mißbraucht wird; so kann auch diePoesie, der edle, entzückende Balsam aus dengeheimsten Kräften der Schöpfung Gottes, sü-ßes Gift, berauschende, tödtcnde Wollust wer- 4»den. 8aecli iiiooiuinoüu, pessimi povtao — —Das liegt alsdann nicht an der Sache, sondernam Mißbrauche; und eben weil es nur andiesem, und also ganz in den Händen der Men-schen liegt, müssen die Gränzen um so sorg- 45faltiger geschieden, die Gegend des Mißbrauchsum so genauer verzäunt und verwarnetwerden.
Wir öffnen also ohne alle weitere metaphy-sische Umschweife von dem, was Poesie, Einfluß, 50Zeitalter, gut und böses heiße, das Buch derGeschichte: sie soll beweisen, lehren, warnenund entscheiden.
Zweiter Abschnitt.
Wie wirkte Poesie bei den vornehmsten Na-tionen der alten Welt, die wir näher ken-nen, bei Ebräern, Griechen, Römern undnordischen Völkern?
Erstes Kffpitel.
Wirkung der Dichtkunst bei den Ebräern.
Daß dieses Volk herrliche wirkende Poesiegehabt habe, können auch seine Feinde nichtläugnen; und was insonderheit den Geist ihrerDichtkunst, die Art und Absicht ihrer Wirkungbetrifft, darin, dünkt mich, sind sie das sonder-barste und einzige Muster der Erde. Auch blosin Wirkung ist ihre Poesie göttlich. Gott ist's,der da spricht: vom Geiste Gottes sind ihreGedichte voll: auf Gott fließen sie zurück. Ihndarzustellen, zu preisen und zu offenbaren, daserwählte Volk zu seinem Volke, zu einem Volke Got-tes zu bilden; das allein ist ihre große reine Absicht.
Ich übergehe die ersten Denkmale von derSchöpfung und den ersten Schicksalen des Mcn-25 schengeschlechts bis auf die Trennung der Völker.Sie sind, obwohl sie dichterische Stellen haben,nicht eigentlich Poesie; jene aber müssen sie ha-ben, weil sie gerade den Inhalt „Himmel undErde, Schöpfung des Menschen und seinen er-sten Zustand, die Umarmung der ersten Braut,die erste Sünde, Gefühl und Fluch des erstenMörders, das große Gericht der Ueberschwem-mung, nebst dem Wiedergefühle der erneuertenErde beim ersten lachenden Regenbogen" —diese und dergleichen große Dinge enthalten-Die einfachste Erzählung des Allen, jedesmalnach dem ersten ursprünglichen Eindruck mußnatürlich die wundersamste Wirkung machen:sie macht sie noch auf alle Kinder und unbe-fangene Gemüther: ja sie hat sie auf der gan-zen Erde gemacht, unter allen Völkern, wo jediese Ursagen der Welt hindrängen. Ueberallfinden wir sie in der ältesten Geschichte, Ein-richtung und Religion selbst der entlegenstenund wildesten Völker, nur meistens verstellt,verändert und oft tief verkleidet, wieder; findensie immer deutlicher wieder, je älter das Volkist und je mehr es seine ersten Denkmale er-halten, sehen sodann immer deutlicher, wie dieersten Gesetzgeber, Dichter und Weise in Bil-dung einzelner Völker auf diese Ursprünge derMcnschenkenntniß mehr oder minder gebauetHabens; mithin hatten diese geringen poetischen
<) „Nicht die Kunst leitet die Dichter, sondern eine göttliche Macht; nicht sie sind c», die solches sagen, sondernder G„tt selbst ist es, der spricht." Plnto,
„Weise nur ist der, den die Natur viel lehrt,
Die Lcrncr schwätzen laut und vielUnd unverschämt, wie Raben, entgegen
Dem Vogel Zeus, dem königlichen Adler." Paudar, Olymp. 2, 81 ff.
2) — „Dann tönt der nmlockte JopaS
Aus gokdhcllcr Gitarre, gelehrt von, erhabenen Atlas.
Dieser besingt Arbeiten der Sonn', und Irren dc« Mondes;
Woher Menschen und Vieh rc."-(Virgil, Acnidc, >, 171 ff.>
sSilcnuS) „sang, wie einmal, durch unendliche Leere gerüttelt,
Haftete Samen der Erd, le." (Virgil, Idylle t>, 3t f.)
Von den Griechen s, das ganze erste Buch von kubrie. ltibl Or. und von allen Völkern ihre alte Mythologie.Koimogonic u. dgl.