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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
769-770
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Johann Gottfried von Herder.

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bringt nicht weit; bist du der, so rede nichtvon ihr, sondern zeige sie selbst, dichte. Auchüber Wirkungen und empfangene Einflüsse dermenschlichen Seele allgemein zu sprechen, ohnebesondere Zeugnisse, Proben und Gewährlei-stung dessen, was man behauptet, kann nieweit bringen; und am mindesten weit bei einerso großen und verflochtenen Frage, als hier dieWörter „Poesie, Einfluß, Sitten, alte undneue Zeiten" in sich schließen müssen. Allge-meine Behauptungen über ein solches Themaliefet man mit Widerwillen und Ekel; manweiß nie, mo man ist, noch wovon man, be-stimmt gesagt, redet. Die Akademie hat durchdie Bestimmung „alte und neue Zeiten einenWink gegeben, daß die Krage nach der Ge-schichte, aus den Sitten der Zeiten und Völker,beanwortet werden solle; und das sey, nacheinem kurzen Kapitel über das Allgemeine,der Gang dieser Abhandlung. Erschöpft kannin ihr nichts werden; einzelne Früchte undBlumen einer langen und mühsamen Erntebringe ich dar.

I. Was ist Poesie, wirkende Dichtkunst?und wie wirkt sie auf die Sitten der Men-schen ?

II. Wie wirkte sie bei den vornehmsten Na-tionen der Alten, die wir näher kennen? beiEbräern, Griechen, Römern und etwa dennordischen Nationen?

III. Welche Veränderung geschah mit ihr inden mittlern und neuen Zeiten? und wie undwas wirkt sie jetzt?

Nothwendig fordert ein Umfang solcher Fra-gen, daß wir uns, so viel wir können, in jedeZeit, unter jedes Volk ganz hinstellen, undnicht, wie die Schnecke ihr Haus, unsre engeeigene Denkart allenthalben umhertragcn. Dieschönsten und schlechtesten Einflüsse der Dicht-kunst sind doch fein und vorübergehend genug,um bei entlegenen Völkern und Zeiten sie auchnur in einem Schatten wahrnehmen zu können,der an die Wirklichkeit erinnere.

Erster Abschnitt.

Was ist wirkende Poesie? und wie wirkt sieauf die Sitten und Völker der Menschen?

Ist Poesie das, was sie seyn soll, so ist sieihrem Wesen nach wirkend. Sie, die Spracheder Sinne, erster mächtiger Eindrücke, der Lei-denschaft und der Einbildungskraft. Sie, derAusdruck großer Handlungen, und der Freudeoder des Schmerzes, mit welchen man sie er-lebt, gesehen, bewirkt, oder ihr Andenke» em-pfangen hat, Poesie, die Sprache der Liebe unddes Hasses, der Furcht und Hoffnung — wiesollte diese nicht wirken? Natur, Empfindung,die ganze Mcnschenftele floß in die Sprache,drückte sich in sie, als ihren Körper, ab; wirktalso auch durch ihn in alles, was gleicher Na-tur ist, in alle mitempfindende Seelen- Wieder Magnet das Eisen ziehet, wie der Ton ei-

ner Saite die andere regt, wie jede Bewegung,Leidenschaft und Empfindung sich fortpflanzetund mittheilt, wo sie nicht Widerstand findet;so ist auch die Wirkung der Sprache der Sinne,5 d. i- der Poesie allgemein und im höchstenGrade natürlich. Sie drückt sich der Seeleein, wie sich Bild und Siegel in Wachs oderLeim formell

Je wahrer also, je kenntlicher und stärker10 der Ausdruck unserer Empfindungen ist, d. i.je mehr es wahre Poesie ist; desto stärker undwahrer ist ihr Eindruck, desto mehr und län-ger muß sie wirken. Nicht sie, sondern dieNatur, die ganze Welt der Leidenschaften und15 Handlungen, die im Dichter lag, und die erdurch die Sprache aus sich zu bringen strebet- diese wirket. Die Sprache ist „ur Kanal,der wahre Dichter nur Dollmetscher, oder, ei-gentlich , der Ueberbringer der Natur in die20 Seele und in das Herz seiner Bruder. Wasauf ihn wirkte und wie es auf ihn wirkte,das wirkt fort, nicht durch seine, nicht durchwillkürliche, konventionelle, sondern durch Na-turkräste- Und je offener die Menschen sind,25 diese zu fühlen oder zu ahnen; je mehr sie Au-gen haben, zu sehen, was in der Natur ge-schieht, und Ohren, zu hören, wie es ihnender Bote der Schöpfung mittheilt; desto stär-ker wirkt nothwendig die Dichtkunst in ihnen-30 Und sofort wirkt sie aus ihnen weiter. Je mehrsie auf Menschen in Menge wirkt, die ihreEindrücke gemeinschaftlich empfangen, und ei-nander wie zurückgeworfene Strahlen der Sonnemittheilen: desto mehr nimmt Wärme und Er-35 leuchturg, die aus ihr quillet, zu; der dichte-rische Glaube kann Glaube des Volkes, Hand-lung, Sitten, Charakter, Theil ihres Scha-dens oder ihrer Glückseligkeit werden. — —Nun haben es schon trefliche Männer un-40 tersucht, in welchem Zustande und Zeitalter dasmenschliche Geschlecht und seine Gesellschaft die-ser Sprache der Natur, ihrer Sinne und Lei-denschaften am offensten und fähigsten sei? undalle haben es für die Kindheit und Jugend un-45 sers Geschlechts, für die ersten Zustände einersich bildenden Gesellschaft entschieden. So langeein Mensch noch unter Gegenständen der Na-tur lebt,, die ihn ganz berühren; je mehr erKind >) dieser lebendigen, kräftigen, viclförmigen50 Mutter ist, an ihren Brüsten liegt, oder sichim ersten Spiele mit seinen Mitbrüdern, ihrenAbdrücken und seinen Rebenzweigen auf einemBaume des Lebens freuet; je mehr er ganz aufdiese wirkt und sie ganz aus sich wirken läßt55 nicht halbiret, meistert, schnitzelt, abstrahiret;je freier und göttlicher er, was er empfangenhat, in Sprache bringen kann und darf, seinBild von Handlungen ganz darstellt und durchdie ihm eingcbohrne, nicht aufgeheftete Kraft60 wirken läßt; endlich ;e treuer und wahrer dieMenschen um ihn drcs alles empfangen, auf-nehmen, wie ers gab, in seinen Ton gestimmtsind, und Dichtkunst auf des Dichters, nichtauf der Zuhörer Weise wirken lassen; da lebt.

t) „Jeder llncrfahrnc und Unwissende ist in gewisser Beziehung ein Kind." Strabo.

-„Widme die ersten Jahre der Dichtkunst,

Trinke sodann mit glücklicher Brust die Homerischen Quellen." PetroniuS.

4S

Kurz, vroü Lit.