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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
775-776
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Johann Gottfried von Herder.

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zog. Die Harfe war's endlich, die ihn in derWüste und auf den Thron, in Leid und Freude,in die Schlacht und zum Altare begleitete undallenthalben den Gott seines Volkes pries. AlleZustände seines Herzens, die größten und ge-fahrvollsten Begebenheiten seines Lebens flössenin Lieder, in Lieder von so außerordentlicherWahrheit und Wirkung aufs Herz, daß sieJahrtausende die Probe gehalten und unter denverschiedensten Umständen und Zeilläufen vonaußen, Herzen erquickt und Seelen regiert ha-ben. In allen ist der König Israels KnechtGottes, dem Gott hilft: das Volk, das ihmanvertrauet war, ist Gottes Volk, eine Heerde,deren Hirt der Herr ist, und das auch an Sit-ten unvergleichbar sein soll unter Völkern aufErden. Die Psalmen Davids sind eigentlicheNational-Psalmen; auch weun sie das Volksang, ertönte eine Musik, von deren Art undWirkung wir wirklich keinen Begriff haben.Es war der Siegcskranz am Ende seines Le-bens (2 Sam. 23, 1 — 3.), so „sprach der Kö-nig lieblich mit Israels Psalmen", „der GeistGottes hat durch mich gesungen: sein Wortist durch meine Zunge geschehen." Der Ruhmseiner Lieder blieb, die Wirkung derselben über-dauerte die Wirkung seiner Siege. Das Volksang ihn, und die Propheten weckten den Geistseiner Gesänge, wie ihn der Geist Moses er-weckt hatte. Er lebet noch. Wir hören ihnum Abner, um Jonathan klagen (2 Sam. 3,33 — 38. 2 Sam. 1, 19 — 27.), und weinenmit ihm: wir hören ihn frohlocken, und froh-locken mit ihm: der Geist, der um seine Harfeschwebte, hat große Wirkung gethan auf derErde und wird sie thun, wenn vielleicht diePoesie anderer Nationen ein Traum ist.

Wie die Regierung Salomo's war, warauch seine Dichtkunst, ein redender Beweis,wie Sitten auf Gedichte, und Gedichte aufSitten wirken. Fein, glänzend, berühmt,scharfsinnig, wollüstig, wie sie; so sang undregierte er. Die Königin eines fremden Volkeskam, ihn mit Räthsel» und Dichtkunst zu ver-suchen (1 Kön. 10, 1—9. 2 Chrom 9, 11.),und ward überwunden: er war so reich anLiedern, als an Gold und Pracht und Weis-heit (1 Kön. 4, 29 — 34.): seine Sprüche sindein Köcher voll Pfeile des schärfsten Sinnes undWitzes, ihr Flug ist befiedert, und sie treffendas Herz: seine Lieder der Liebe sind die zar-testen gchrimnißvollsten Morgcnroscn, die imThalc der Freuden je eine Königshand brach:sein Hof war glänzend, voll Sänger und Dich-ter, voll Liebhaber und Wetteiferet.' seiner kö-niglichen Muse; indessen zeigt sein letztes poe-tisches Buch lder Prediger), wie der Ausgangseiner Regierung, daß alles eitel sei, was sichnicht auf die Furcht Jehovahs gründe. Wederihn, noch sein Volk konnte die glänzende oderzarte Dichtkunst glücklich machen; Israel seufztenach einem Könige, der kein Poet sei.

Das Reich zerfiel und nun gehen hie »ndda Gesandte Gottes aus Volk, Propheten,Sänger umher-, Königsstadt oder aus

der Wüste, von Bergen schallt ihre Stimme,die Stimmc^Gottes an sein Land und seineverlaufenen Söhne. Wer kann noch jetzt sielesen und wird nicht warm? stolz, oder bange

uin seinen Gott, den Gott Israels, um seineWorte und Verheißung! Vom Geiste Gottessind voll, die da sprachen: nicht ihre, sondernGottes Sache, Gottes Wort war's, was siesprachen: es ängstigte oder entzückteste, was siesahen und hörten, und da mußten sie singen.Jcsaias und Habakuk, Hosea und Mich«, Amosund Jeremia. Brand zu singen fühlten sie insich, und Glut sind ihre Gesänge! Das Landum sie ist Gottes Land, Schauplatz der ThatenGottes i» die tiefste Ferne: das Volk um sieist Gottes Volk in Fluch und Segen, in Lohnund desto härteren Strafen: da stehen sie undarbeiten, und schildern und bilden vor- IhreStimme will den Sturz abwenden, aber ver-gebens! Der Fall kömmt, und nun wird ihreHarfe voll rührender Klage, Trost und Hoff-nung. Auch in der Ferne hatten sie den Blickdes zerstreuten Volkes auf ihr Land geheftet,richten ihn immer zu den Bergen, von welchenihnen Hülfe kommen würde, empor. Das Volkblieb immer Volk Gottes auch im fremdenLande: an den Flüssen Babels sitzen sie undweinen, wenn sie an Zion dachten (Ps. 137.):ihre Harfe» hangen an den Weiden verstummtund traurig „wie sollten wir des Herrn Liedsingen im fremden Lande?" Unter Weissagungkamen sie zurück, und unter traurigen Gesän-gen der Gegenwart, aber großen Gesichten derZukunft stiegen die Mauren Jerusalems unddes Tempels wieder hervor. Die Stimme desGeistes ertönte durch ihre Sänger und Patrio-ten fort, bis sie wieder ein Volk waren, undauch später in elenden kümmerlichen Zeiten kamimmer ein Ton des Trostes, ein Hall der Freu-de zur rechten Zeit.

Glücklich, wenn diese göttliche Dichtkunstjedesmal die Wirkung ganz gethan hätte, diesie thun sollte und dazu der Keim in ihr lag!Daß sie immer ein Brand gewesen wäre, derHerzen durchglühte, und ein Hammer, der Fel-sen zerschlug! Aber freilich wars auch ihr Schick-sal „höret's und vcrstehet's nicht! sehct's undmcrket's nicht!" (Jes. 6.) Da es hier nichtdarauf ankam, zu loben, zu bewundern oderdie Ohren sich kitzeln zu lassen; sondern zu thun,zu folgen, zu gehorchen, Sitten und Neigun-gen zu ändern und in einem andern Geiste zuleben, so war das freilich eine zu hohe Forde-rung, eine zu schwere Last der Dichtkunst-Man fürchtete den Propheten, oder haßte undverfolgte ihn. Da der Zweck seiner Gesäugtso hoch über den Zweck der bloßen Menschen-Dichlkunst, als sein Geist über den Geist dieserging; so war auch ihr Lohn anders. Stattsie auf den Parnaffus zu führen, warf man siein die Grube: das Lied von einem Weinberge,der Heerlinge trug statt süßer Trauben, waroft die Geschichte ihrer Wirkung <Jes. 51. Dieslag aber »pohl nicht an denen, die sangen, sou"dern an denen, die hörten; und noch fand i"jeder Zeit ihr Wort, „der Thau, der vo>uHimmel fiel zu machen die Erde fruchtbar u»vwachsend" seine Stelle.

Groß ist die Wirkung, die die DichtkEder Ebräer auf dies Volk und durch sie auf l'viel andre Völker gemacht hat. Zu welche"Volke that sich auch in Gesängen und Liedersein Gott also, wie zu diesem der seine? ^

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