777 Johann Gottfried von Herder. 778
Dichtkunst der andern ward bald Fabel, Lüge,Mythologie, oft Greuel und Schande; diese istund blieb Gottes! die Tochter des Himmels,die Braut seiner Ehre und Rächerin seines Na-mens. Wenn- unter allen Völkern eben Dichter 5die ersten Götzendiener, Schmeichler des Volkesund der Fürsten, Tändler und zuletzt Ver-schlimmere»? der Sitten geworden sind, daß ihnenfast nichts mehr heilig bleiben konnte: so warenhier gerade Dichter die Eiferer gegen Abgörte- 10rei, Selbstruhm, Schmeichelei und weiche Sit-ten: ihre Poesie war Altar des einzigen Gottesder Wahrheit und Tugend. Welche Schilde-rungen! welche Beschreibungen desselben inHiob, Moses, den Psalmen und Propheten! 15Man sei Jude, Christ oder Türke, man mußihre Hoheit fühlen, und die reinen Pflichten,die immer daran geknüpft werden, im Staubeehren. Die einzelne Vorsehung Gottes, woist sie kräftiger gepriesen und erwiesen, als in 20der Geschichte dieses Volkes, und in den Liedern,Prophezeiungen, Psalmen, die aus dieser Ge-schichte reden? Das Christenthum, mit seinersimpeln göttlichen Weisheit, ist aus diesemStamme gesproßt, zog Saft aus dieser Wur- 25zel in Bildern und Sprache. Lehre und TrostAufmunterung und Warnung, alles was einMensch Gottes bedarf, wornach er dürstet inden Liefen seiner Seele, ist hier kräftig ent-hüllet oder reizend verhüllet, und wenn alle 30Mcnschendichtkunst Rauch und Pfütze würde;so glänzt in dieser die Sonne, voll Licht, Lebenund Wärme, hoch über Wolken, Dunst undNebel.
Aber warum mußten so erhabne Lehren und 35Triebfedern zur Sittlichkeit der Menschen ineine so enge, übertriebene, dunkle National-dichtkunst eines Volkes verhüllet werden? Ichglaube nicht, daß jemand so fragen könne, derden Geist dieser Gedichte an Stelle und Ort 40gefühlt hat. Für dies Volk waren sie ja ei-gentlich, und so mußten sie in der Sprache,den Sitten, der Denkart des Volkes und keinesandern in keiner andern Zeit sein. Nun lebtedies Volk noch unter Bäumen, wohnte in Hüt- 45ten, in einem Lande, wo Milch und Honigflvß; philosophische Grübeleien und sogenanntereine Abstraktionen, die als aufgethautc Schälle,als unsichtbare Geister in der Luft fliegen, wa-ren ihm und seiner Sprache fremde. Wie Gott 50also in der Natur zu ihm sprach und durch alleBegebenheiten seiner Geschichte: so wollte auchder Geist ihrer Dichtkunst zu ihnen sprechen,ans Herz, für Sinne und den ganzen Men-schen. In Bildern konnte gesagt werden, was 55sich durch mutternackte Abstraktionen nimmeroder äußerst matt und elend sagen läßt. DieSprache der Leidenschaft und der Gesichte konnteunsichtbare oder zukünftige Welten umfassen,Dinge zur Aufmunterung, zum Trost darstel- 60len, die erst eine späte Folgezeit entwickelte,ohne daß durch eine zu lichte Vorspiegelungeben die Erfüllung des Gcweissagten verhindertwurde. Es waren Träume des Reichs Gottes,der geistigen und festen Zukunft, in Nebel ge- 65hüllt, aber eben in einen erquickenden, gesun-den , Htmmelslhau triefenden Nebel. — Ge-sänge dieser Art sollten den Menschen treffenmit Herz, Muth und Sinn; nicht einen leeren
Kopf voll Spinnweb der Abstraktionen oder einphilosophisches Schattenantlitz. Die himmlischeLeyer mußte also Saiten haben für jeden inuns schlafenden Ton, für jede fühlbare Tasteunsers Herzens. — Ueberdies, wer fühlt nicht,daß in diesem Engen und Eignen des Volkesund der Menschengattung, die beste Wirkungihrer Poesie ruhe? Daß der Geist derselben sogeheim und zuthätig zu ihnen sprach, um alleihre Gegenstände des Heiligthums, der Natur,des häuslichen Lebens liebreich und vertraulichumherging und eben daraus Seile für ihr Herzwand, Bilder in ihrem Thale schuf für Him-mel und Zukunft; lag darin eben das Andring-liche und Sittliche der Wirkung dieser Gedichte?Machet sie zu einer Abstraktion, zum Hirnge-spinste für alle Zeiten und Völker; und sie wer-den für keine Zeit und kein Volk mehr sein.Der blühende Baum ist ausgerissen und schwebt,eine traurige, dürre Abstrakrions- und Fasern-gestalt, über den Bäumen. - Und endlich wasist's für Wahn, für eine taumelnde stolze Thor-heit, zu verkennen, wer wir sind, uns als reineGeister, als philosophische Atome zu spiegeln,und zu wollen, daß Gott sich uns, wie Jupi-ter der Semele, in dem, was Er ist und wieEr sich denkt, offenbare? Wie die ganze NaturGottes, wie alle Geschichte zu uns spricht, sospreche auch die Dollmetscherin beider, die gött-liche Dichtkunst.
Freilich ward dem erwählten Volke selbstdiese göttliche Dichtkunst zuletzt Fall. Als derGeist von ihnen gewichen und nur noch derLeichnam derselben, der unverstandene, mißge-deutete Buchstabe da war: als man Wörterzählte, Sylben fädelte und den Sinn dahin-gab, ihn mit eignem Tande, mit müssigenTräumen umflocht und daraus deutete, wasman wollte; freilich da war Wolke ums Volkund eine Binde um die Augen ihrer Weisen.Vor lauter Glanz der Bilder sah man dieSache nicht, erkannte nicht, den man kennensollte, der Kreis lebendiger Wirkung dieser Ge-dichte ans Herz und für die Sitten des Volkeswar verschwunden. Der Zauber war aus: dasLand den Heiden gegeben, die es zertraten:Sprache und Denkart war Hellenismus, einGemisch und Chaos von fremden Völkern undSprachen; die jungfräuliche Blüthe ihrer Dicht-kunst war weg, und wann ist sie je einemVolke, einem Menschenleben zum zweitenmalewieder geworden? Es war verlebte Jugend, einsüßer Traum verstrichener blühender Jahre.
Zwar regte sich der Geist der Dichtkunstnoch hie und da im Stillen, und je reiner,desto wirksamer. Auch noch auf dem Bettlers-mantel der spätesten Rabbinen (im Talmud,besonders in den Sprüchen der Barer, im BuchZohar u. f.) sind Flicke großen Sinnes, Prophe-tenstellen, die man bedauert, daß man sie hier undalso findet. Leider l eben durch solche Flicke undProphetenstellen zogen sie sich zu Titus Zeitenhartnäckig ihren Untergang zu, und wurdenein Ball unter den Völkern der Erde. Ent-fernt von ihrem Lande, entfernten sie sich im-mer mehr von den heiligen lebendigen Quellenihrer Dichtkunst, so theuer sie diese auch be-wahren, und eben damit das Aeußere ihrerSitten und Gebräuche sich noch eigen erhalten.