781
Johann Gottfried von Herder.
782
ihrem Charakter, wie zum Klänge der Leier.Die Götter der Aegyptier wurden bei ihnenschöne dichterische Wesen, sie warfen überflüs-sigen Putz und alles schwere Geräth ab undzeigten sich, wie Mutter Natur sie geschaffen,nackt, in schöner menschlicher Bildung und da-zu, wie es dem Gange der Dichtkunst und demFluge ihrer Saiten geziemte, in menschlicher,oft zu menschlicher Handlung. Die Kunst singmit der Dichtkunst an zu wetteifern; aus zweenVersen Homers ward Phidias Jupiter, wiedurch Offenbarung. Der Geschmack ihres Le-bens konnte dem Gange ihrer Dichtkunst vollGötter und Helden nicht unähnlich werden:sie machten sich alles leicht, kränzten sich allesmir Blumen. Unter Musik und Gesänge übtensie sich in Kämpfen und Spielen; unter Flöten-schalle und wie im Lanze zogen sie zur Schlacht.Ihre Erziehung in den schönsten Zeiten warenLeibesübung, Musik und Dichtkunst: diese stan-den unter der Aufsicht der Obern und warenvon den Gesetzgebern ihrer Staaten zu Grund-säden ihres Charakters angewandt worden, durchdie sich nun Gesetze und Lehren schlangen. Ho-mer war ihnen alles, und der feine Blick, mitdem dieser alles gesehen, jeden Gegenstand,nicht straff angezogen, sondern in seinem leich-ten, reinen Umrisse, richtig und leicht gemessen,gezeichnet hatte — der feine Blick, das leichte,richtige, natürliche Verhältniß in allem, wurdeauch ihr Blick. Leichte also und natürliche Ge-setze, ein geschicktes Verhältniß der Menschengegen einander, waren ihre Anstalt, ihre Er-findung. Die Denkart der Menschen, ihre Sit-ten und Sprache bekamen eine» Strom, eineFülle, eine Runde, die sie noch nicht gehabt:alles zu Liefe wurde erhöhet, das Schwereleicht, das Dunkle helle, denn aus Homer hol-ten sie Sittlichkeit, Kunst und Weisheit, undfreilich machten sie auch aus Homer, was jederwollte, nachdem ihm eine Lujk ankam, dies oderdas zu kosten.
Daß in diesem dichterischen Charakter derGriechen Alles zu bewundern und nachzuahmensei, will ich nicht sagen. Offenbar ward hie-mit manches zu sehr schaugetragen. alles zuflüssig und leicht gemacht. Die Religion wardauch, der Wirkung und dem Werthe nach,Mythologie, die fremde, zumal alte oder All-tags - Geschichte Mährchen, die StaatsweisheitRednerei, die Philosophie Sophistik. WahrerWerth verlor sich mit der Zeit aus Allem undes blieb schönes Spielwerk, bunte Oberflächeübrig. So lange noch Reste der Heldenzeit dawaren und das heilige Feuer der Freiheit hieund da glimmte, waren sie edel, wirksam, foch-ten und fühlten; bald fochten und fühlten sie,zumal die Athenienser, nur in Worten, gabensich der Kabale, dem Vergnügen und den Red-nerkunstgriffen Preis. Im peloponnesischenKriege hungerten sie lieber, als daß sie tägli-ches Schauspiel entbehrten; gegen den Philip-pus ließen sie den Demosthenes fechten und,überwunden, waren sie, insonderheit um Lob,die niedrigsten Schmeichler. Das waren sieunter den Macedoniern und unter den RömernNoch mehr; freiwillige Sklaven, wenn ihnenNur der Name der Freiheit und das Lob ihrerDichtkunst, Rednerei, und anderer Siebensachen
blieb. Ihr Charakter, ihr Kriegs- und Natio-nalglück war also auch nur ein Gedicht, d. i.eine schöne Fabel, nach Zeit und Auftrittenbehandelt. So sind sie noch, (s. Guys Litterar.
5 Reij» nach Griechenl. Th. 1. 2.) Lieder kränzendie Ketten, die sie tragen: Lieder und ihr altesLob wiegen sie ein auf dem Ruhebette der Ar-muth und Verachtung. Hätten sie wenigerpoetische Talente, vielleicht wären sie stärker,10 frei, glücklich. — Da indessen einige dieser Stücke,so kurz gesagt, zu schwer auffallen könnten: somuß ich ein paar Worte ausführlich hinzuthun.
Die Griechen waren immer Kinder, wie siejener Aegyptier nannte, also immer auf etwas15 Neues begierig, und alles Neue zum Vergnü-gen, zur Ergötzlichkeit brauchend. Vielleichthatten die alten Gesetzgeber, Dichter und Weisenur zu ihnen als Kinder geredet; daß sie abernun solche blieben, alles zu Ergötzlichkeit und20 zu Mährchen machten — mich dünkt, die Wir-kung der Dichtkunst war weder groß nochnützlich.
Die Dame Mythologie hat viele Rittergefunden, die für sie fochten, und wenn für25 eine Mythologie zu fechten war, so mag's im-mer griechische sein und keine andre. Aber washeißt Mythologie und was ist sie? Daß Anfangsin ihren Grundzügen Bedeutung gewesen, da-ran ist nicht zu zweifeln; auch der ärgste Lüg-30 ner kann nicht ohne Grund lügen. Aber daßnun schon in den ältesten Zeiten, die wir ken-nen und aus denen wir Gedichte haben, dasmeiste bloße Volkssage gewesen; mich dünkt, dasist auch schwer zu läugnen. Schon bei Homer35 ist's eine alte Bemerkung, daß seine Götterunter seinen Menschen stehen. Bei diesen ist erzu Hause; jene sind ihm nur Maschinen, dieer zur Fortleitung des Gedichts und zum Ver-gnügen der Hörenden cinflocht. So braucht40 Pindar die Göttergeschichte auf seine, so dieTragiker und Komödienschreiber auf ihre Weise.Sie war ein zarter Leim, aus dem man ma-chen konnte, was man wollte, weil der Leimdazu da, und von jeher alles daraus gemacht45 war.
Nun läßt sich, auch sehr dichterisch gedacht,ein solcher mythologischer Dichtungskram wohlzur Grundlage einer festen Sittlichkeit undReligion des Volkes rechnen, wie wir die Worte50 nehmen? Schon Plato verbannte die Dichter-aus seiner Republik, und führte die Ursachenan, warum er sie verbannte. Wie mußte sich'Plutarch, der freilich hier mehr den Schulmei-ster, als den Philosophen machte, krümmen55 als er die Frage auswarf: Wie man die grie-chischen Dichter lesen müsse? — Man stelle sichvor Aristophanes Bühne hin, weun er seineGötter aufführt, und frage, was das für Ein-drücke auf's Volk habe geben solle»? Da Dich-60 ter die Religion schmiedeten und verschmiedetcn,und nirgend etwas gewisses war: so mußtensich nothwendig schöner Aberglaube und Un-glaube ins Volk theilen. Daher finden wir dieleichtsinnigen, zum Schönen aller Kunst gebil-05 beten, Griechen auf der einen Seite den Ah-nungen, den Übeln Vorbedeutungen, der Ein-wirkung der Dämonen so sehr ergeben, als aufder andern Seite ihre Philosophen willkührlichan Sittlichkeit und Religion flickten, als ob