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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
783-784
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diese erst ganz von ihrem Geschwätze und Systemabhinge, und falls sie sich nicht eine ersännen,gar keine da sei. — Auch ihre erhabenstenHymnen und prächtigsten pindarischen Gesängesinken im mythologischen Theile, und über die 5Religion ihrer Schaubühne wird noch lange ge-stritten werden können.

Ueber die Griechen selbst in ihrem Zeitalterund Weltende sind wir in diesem allen keineRichter; wir aber, jetzt, und wo wir leben, 10wenn wir den leuchten Duft der griechischenMythologie in unser Eis verwandeln, sie ausHohem Geschmacke des Alterthums auch in ihrendürftigen Begriffen, in ihrem leichten Sinneund schönen Aberglauben nachahmen wollten; 15was wäre das? Hesiod, Aeschylus und Aristo-phanes können so wenig das Maas unserer Re-ligion und Sittlichkeit im epischen Gedichte oderauf der Schaubühne sein: als wenig wir jetztim alten Athen oder Jonien leben, als wenig 20unsere Religion das sein soll, was die ihrigewar.

Mit solchem Gebrauche der Mythologie warein anderes Ding verbunden, das, wenn manwill, die Dichtkunst schön machte und in Re- 25geln brachte, aber auch bald in ihrer ursprüng-lichen Bestimmung und Wirkung herabstieß,nämlich sie wurde im eigentlichsten VerständeDichtkunst, Machwerk. Das Geschlecht derAoiden war eine Zunft, ihre Sängerei Hand- 30werk. Homer, der auch An den kleinsten Zü-gen, die wir kennen, so unendlich sich an Na-tur und Wahrheit hielt, machte Sängern Raum,die zum Vergnügen des Ohres sangen, und jebesser jemand das konnte, desto mehr war er 35Poet. Run cnrstanden Dichtungsarten, Pro-vinzen, in die man sich theilte, die meistensdas Ohr des Volkes zum Richter und ihr Ver-gnügen zur Absicht hatten; man leitete alsonicht, sondern folgte. Das Hauptwerk der 4»Dichtkunst ward jetzt, wie es auch die Kunst-richter laut sagen, Erdichtung, Fabelei zumErgötzen. Der große Sophokles! — wenn manseine Personen nur mit denen im Homer ver-gleicht, wie mußte er umbilden, verändern, sich 45schmiegen, daß ein Theaterstück, daß seine Thea-terabsicht erreicht wurde! Und welches war dieseTheaterabsicht? Der Kunstrichter Aristoteles hatgut sagen: „die Leidenschaften zu reinigen:"wie dies in jedem Moment des griechische» 50Trauerspiels geschah, wird immer ein Problembleiben. Der Philosoph sagte ein Gesetz, zogaus den besten Situationen der besten Trauer-spiele etwa die beste Absicht heraus und gab sieals Wirkung des Trauerspiels an; die einzelne 55Anwendung des Gesetzes ist das schwerste. Auchkann ich mir nicht vorstellen, daß Athen, wennso viele Trauerspiele ihre Wirkung thäten, zu-gleich so viele Lust an Aristophanes Stückenfand, und in denselben, oft mit ziemlich unge- 60reinigten Leidenschaften, selbst die Rollen spielte.Auch die langen theatralischen Wettstreite ließenwohl nicht immer die Wirkung, die Aristotelesvorschreibt, suche,, oder erreichen: wenn manden ganzen Tag Schauspiele sieht, thut manS 65kaum, die Leidenschaften zu reinigen. Platound Epiktet, die beide Griechen waren, unter-warfen die Bühne einer scharfen, sittlichen Mu-sterung, von der es schwer zu behaupten ist,

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daß sie sich in Athen immer habe finde» könnenoder je gesunden habe. Also wird dieser End-zweck des griechischen Theaters wohl noch langeProblem bleiben. Nicht immer thut's zur Sa-che, ob Dichter selbst die Sitten Haben, die sieschildern; so viel ist aber gewiß, daß etwa einallgemeines Gemählde der Sitten, aus ihrerArt Gegenstände zu behandeln, folge. Anakreonkann für sich immer ein Weiser, d. i. ein Poetgewesen sein, da er Wein und Liebe sang, undvermuthlich find die Gedichte, die seinen Na-men führen, gar nur eine Anthologie des In-halts, zu dem er den Ton gab. Sappho mitihrer Liebe zu Phaon, Archilochus mit seinenSatyren, der große Solo» mit seinen leichtenLiedern, andere mit ihren Lobpreisungen derKnabenliebe mögen Ausnahmen machen, oderdiese Sitten wirklich unschuldig, oder etwa nurschöne Flecken sein im Charakter der liebens-würdigen Grieche»; für uns, die wir keineGriechen sind, die wir nicht, wie sie, unterTänzen, Festen und Kränzen leben, ist wenig-stens diese Seite nicht gerade die erste nachzu-ahmen oder zu lobsingen. Die Alcibiades un-sers Volkes werden meistens Gecken, so wie diegroße Schaar junger Anakreonten elende Länd-ler. Und wenn sie auch nicht die Sitten ver-derben (wozu meistens ihre Muse zu schwachund arm ist:) so helfen sie doch den Sitteneben nicht auf, den» wahrlich durch sie werdenwir auch im guten, im ganzen feinen Gefühlejener Stücke, in der unschuldigen Wollust, die-sie für Griechenland hauchen, nicht Griechenwerden. Alles dies abgerechnet oder geschähet,wie man will, wird die griechische Dichtkunstewig eine schöne Blüthe der Sittlichkeit mensch-licher Jugend bleiben. Die schöne Natur, dieschöne Menschheit, Lust und Freude zu leben,die Freiheit kleiner Staaten in einem schönenHimmelsstriche, die leichteste Wissenschaft, Kunstund Weisheit wird nie angenehmer gesungenwerden, als sie die Griechen besungen haben,auch haben die Stobali große Schätze von Mo-ral aus ihre» Dichtern gesammelt, die bei denedelsten der Nation in ihren besten Zeiten durchstille Thaten besser sprach, als je ein Dichtersie besingen konnte. Der Verfasser fühlts leb-haft, was diesem ganzen Kapitel von den Grie-chen noch fehle; für dießmal, und für diesenengen Raum muß es genug sein. KlodiusVersuche über die Literatur und Moral derGriechen, die fast dieselbe Materie abhandeln,sind, ohne mich, bekannt genug.

Drittes Kapitel.

Wirkung der Dichtkunst bei den Römern.

Mit den Römer» hatte es andere Bewand-niß- Sie waren nicht, wie die Griechen, unt^-'dem Schalle der Leyer gebildet, sondern duschEinrichtung, Gesetz, politische Religionsgebräu-che, eherne Römer. Als die Dichtkunst derGriechen zu ihnen kam, hatten sie ihre Arbe"fast vollendet.

In den ersten Zeiten, da Rom in Arm»"),im Kampfe und immerwährendem Dränge derNoth war und wie Horazens

„Eiche - welche die Art behaue« ,(Oden IV. 5, 53--