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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
829-830
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Johann Gottfried von Herder.

Maßstab noch etwa das einzige, was uns davonabbringen könnte: wenn es nicht einmal guteMeynungen, Empfindungen, wenn es nichtsals eigene gut bewährte Thaten sind, über diewir stolz sein können. Was sind dagegen alle 5übrigen Flitterdinge der Eitel»? die alles bloßscheinen wollen und nichts sind. Was sind sieinsonderbeit in den Augen unserer Feinde? undjedes würdigen vernünftigen Mannes? und einesEngels? und Gottes? - Der glänzende Pfau 10und der ruhmredigste Eitle muß hier die Flügelsinken lassen, vor dem, der ins Herz schauet,und den Werth der Menschheit mißt, gewißnicht nach dem, was wir einem Thoren schei-nen, sondern was wir ihm, dem Allwissenden, 15dem Schöpfer, sind.

Auf diese Weise werden auch wir gewiß inden wahren und einzigwürdigen Ton kommen,von uns selbst zu sprechen: denn was schärfteben die Richtigkeit und Gesundheit des Ur- 28theils, als Erfahrung, That? Und wenn wirnur aus die rechnen, wenn wir alles bloßScheinbare, was andere Menschen und nichtwir in uns finden, gleich abziehen; bei dem,was auch wir etwa in uns finden, alles in dem 25Lichte betrachten, wie Gott den Werth erforscht;was von uns? von Talenten, die wir uns selbstnicht geben? Bildung, die wir uns nicht gaben?einem glücklichen Zusammentreffen von Umstän-den , das wir uns nicht gaben? oder nach alle 30diesem von unserer freien Bestrebung, Müheund Tugend herrührte, und nutzbare That fürdie Welt wurde — Herr wenn wir alles ge-

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than haben, was wir zu thun schuldig waren,so sind wir unnütze Knechte. Wir wollen uns,sagt Paulus, nur unserer Schwachheit rüh-men, daß die Kraft Gottes desto stärker in unswerde. Wir sind alle alsdann nur ein kleinesWerkzeug in der Hand Gottes, was im uner-meßlichen Großen der Schöpfung verschwindet.

Verschwindet, ohne daß uns doch darüberder Muth entfallen dürfte: denn das ganze un-ermeßlich Große - woraus besteht's anders,als aus »«merklichem, aus Kleinem. Laß' esalso sein, daß die Summe der Thaten und Be-strebungen meines Lebens bald verschwinde, daßdie Wellenkreise ungemein bald verrauschen, dieich habe erregen können, daß mein Ruhm nichtssey, und unter die Trümmer meiner selbst sinke- der Ruhm, der in mir ist, das Gefühl thä-tiger Kräfte, die ich mir auch aus mißlungenenVersuchen gesammelt, muß mir, wenn gleichmein Leib in Trümmer versinkt, doch bleiben.Ich muß, wenn mich die Stimme Gottes ausdieser Welt ruft, wenn ich auf einen andernPlatz, in ein anderes Daseyn gesetzt werde,den Genuß meines Lebens mit mir nehmen:meine Werke werde» mir nachfolgen, und aufmeinem Leichenstein stehe, was da wolle, derRuhm, das Gefühl der Thätigkeit bleibt mir,was meine Seele in ihr anderes Daseyn nahm,und sich aus diesen geprüften, gebildeten, ver-stärkten Kräften ihren neuen Zustand bereitet.

Selig sind die Todten, die so in der Handihres Gottes sterben, ihre Werke folgen ihnennach! rc.

Jmmmruel Kant.

I. von d

Die größte Verletzung der Pflicht des Men-schen gegen sich selbst, bloß als moralisches We-sen, betrachtet (gegen die Menschheit in seinerPerson), ist das Widerspiel der Wahrhaftigkett,oder die Lüge. Daß eine jede vorsätzliche Un- 55Wahrheit in Aeußerung seiner Gedanken diesenharten Namen (den sie in der Rechtslehre »ucdann führt, wenn sie Anderer Recht verletzt)in der Ethik, die aus der Unschädlichkeit keinBcfugniß hernimmt, nicht ablehnen könne, ist 60für sich selbst klar. Den» Ehrlosigkeit (einGegenstand der moralischen Verachtung zu seyn),welche sie begleitet, die begleitet auch den Lüg-ner wie sein Schatten. — Die Lüge kann eineäußere, oder auch eine innere seyn. Durch jene 65Macht sich der Mensch in Anderer, durch dieseaber, was noch mehr ist, in seinen eigenen Au-gen zum Gegenstände der Verachtung, und ver-letzt die Würde der Menschheit in seiner eigenen

r Lüge.

Person. Hierbei kommt weder der Schade, derandern Menschen daraus entspringen kann, daer nicht das Eigenthümliche des Lasters trifft(das alsdann bloß in der Verletzung der Pflichtgegen Andere bestände), in Anschlag, »och auchder Schade, den der Lügner sich seihst zuzieht-denn alsdann würde es bloß, als Kluqhcics-fehler, der pragmatischen, nicht der moralischenMaxime widerstreiten, und gar nicht als Pflicht-verletzung angesehen werden können. - DieLüge ist Wegwerfung und gleichsam Vernich-tung semer Menschenwürde. Ein Mensch, derselbst nicht glaubt, was er einem Andern (wennes auch eine bloß idealische Person wäre) sagt,hat einen noch geringern Werth, als wenn erbloß Sache wäre; denn von dieser ihrer Eigen-schaft, etwas zu nutze», kann ein Anderer vochirgend einen Gebrauch machen, weil sie etwasWirkliches und Gegebenes ist; aber die Mit»