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Johann Gottfried von Herder.
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mit dem Fortfluß der Jahre und Lebenssitua-tionen sich so verändert, sich so wenig gleichbleibt, daß, wenn ein Mensch auf nichts an-ders zu rechnen hat, er hier auf sehr verschos-sene Summen rechnet. Wir ändern uns mitden Jahren und Situationen so sehr: was wirzu einer Zeit für gut erkannten, fängt vielleichtzu einer andern Zeit an, uns so schwebend vor-zukommen : die Farben des mannigfaltigen An-scheins des menschlichen Herzens in uns undandern brechen sich so, fallen so in einander:wir kommen in so vielen und den zartesten Din-gen des Selbstbewußtseyns nur durch Zweifelnzur Gewißheit, nur durch Fallen und Strau-cheln zum richtigen Gange: Umstände und Ein-drücke reißen mit ihrer Gegenwart so hin, daßwir im Anfange selten auf der Mittelstraßebleiben, nachher wenn wir uns abschweifendfinden, und es einholen wollen, wieder so sehrauf die andere Seite der Meynung, des Grund-satzes abschweifen — von gar zu großer Weichezur Härte, vvm zu Frommen zum Gottver-geffenden, von zu starken Eindrücken der Sinn-lichkeit in der Kindheit, zum zu enthaltsamenUnsinnlichen, von übertriebener Meynung aufdieser zu der auf jener Seite — tausend an-dere Dinge mehr! — daß, wenn's nur aufgute Meynungen, guten Wahn, gute Gesin-nungen in unserm Leben ankäme, wir überunser Leben, statt stolz zu sein, zweifelhaft undbebend sein müßten! Was ist guter Wahn, guteMeynung gewesen? wie oft und verschieden ha-ben wir gewähnt und gemeint? Wie sehr habendiese Meynungen sich mit unsern Säften, mitunserem Blut, mir den Schritten unserer Er-fahrung geändert? Wie oft und leichtsinnig ha-ben wir sie mit Neigung, mit Leidenschaft, mitWelt, mit Umständen, mit Situationen ver-ändert? was ist nun dauernd, was bleibt? wieelend wäre die Glorie, die aus so schwinden-den Strahlen, wie hinfällig der Kranz, deraus so welkenden hinfälligen Blättern um un-sere Schläfe gewebt würde?
Aber, wenn alles aus unserem vorigen Le-ben, wie in einem verträumten Traume, ver-rauscht, Meinungen, Wahn, Achtungen, Ge-fühle — so bleibt uns Eins: Erfahrungen,Thaten! hier bin ich gewesen! das habe ich dortgethan! hier gestiftet! dort angestrebet! hier ge-litten! dort gewirkt! - das bleiben die hellenPunkte, die vestcn Merkstäbe unserer Erinne-rung aus dem vorigen Leben, wenn alles übrigeSchatten und dunkle Ansicht wird. Und wohldem, der hier viele solche Merkstäbe hinter sichhat! Merkstäbe aus jedem Alter, aus jederSituation seines Lebens! und alles Merkstäbedes Guten! Bestrebungen, die auch ihre Folgenhatten, Einwirkungen ins Beste der Mensch-heit, die die Vorsehung mit Erfolg segnete!Er hat gelebt; nur Er hat glücklich gelebt!Er kann sich seines Lebens freuen!
Der Anblick eines schönen, reichen, thaten-,erfahrungsvvllen Lebens — was in der Weltgeht über den Anblick, zumal wenn er eigeneErinnerung wäre? 'Ich stelle mir den heiligenMann bor, wie er stin Leben überdenket, seineletzten, nächsten Jahre überdenket — eine Kettevon Thätigkeiten und Verfolgungen, von Leidenund Erfahrungen, von Begebenheiten und gu-
ten Wirksamkeiten — sie drängen sich alle nacheinander i„ seine Seele, in seine Erinnerung,in sein zweites Gefühl „ich habe gearbeitet:Schläge erlitten! bin gefangen! bin in Todes-5 nöthen gewesen! gestäupt, gesteinigt, Schiff-bruch erlitte», Tag und Nacht zugebracht inder Tiefe des Meeres! — Ich habe gereiset,Fährlichkeit erlitten zu Wasser und unter Mör-dern, unter Juden und Heiden, in Städten10 und Wüsten! In Mühe und Arbeit, in Wa-chen und Hunger und Durst und Fasten undBlöße, und werde noch täglich angelaufen, trageSorge für alle Gemeinen. Wer ist schwach undich nicht mit ihm! Wer ist geärgert und ich15 nicht mit ihm! u. s. w." Wenn ich mir denApostel in dieser Gedankenreihe, in diesem hei-ßen zweiten Durchgänge durch sein Leben vor-stelle: von jeder Erfahrung, von jeder Bege-benheit, von jedem Leiden, von jedem Märty-20 rerthum hat sich nur eine Spur, nur EineNarbe, Ei» Merkmal des Andenkens in seinerSeele aufbehalten, wie auf seiner Stirn, ausseiner gezeichneten gealterten Wange: ja seineSeele ist doch eigentlich gar nichts als dieSum-25 me aller dieser Thätlichkeiten, dieser Leiden, die-ser Erfahrungen, dieser Begebenheiten, wie seinGesicht der Abdruck aller seiner Gedanken, Em-pfindungen, Schicksale des Lebens. Wer wirdnicht Hochachtung für den geprüften, thätigen,30 ergreiselen Mann fühlen! Wer nicht an derBildsäule, am Leben eines thätigen, immer ge-schäftigen Mannes, an seinem Leichenstein, anseiner unbeschriebene» Grabestafel, wenn wirkönnten, es überdenken, es fühlen: „nur das35 heißt gelebt! das andere heißt geathmet, gelebtwie Thiere und Kräuter! Wenn unsere ganzeSeele, unsere ganze Denkart nur eine Summeder Eindrücke aus unserm Leben, der Situa-tionen und Erfahrungen ist, in denen wir —4g der Thätlichkeiten, die durch uns waren! so istja das die Beute unsers Lebens, die einzige,die wir mitnehmen; alles andere ist, als wärees nicht gewesen!
Bloß auf diesem Wege kommen wir auch45 von der elenden und häßlichen Krankheit derSeele ab, die man Eitelkeit nennt, und diesich zur wahren Thatenwürde so verhalt, wieder elende Schein zum Seyn, das Kleid zumManne — eine Krankheit aber, die doch so50 sehr dem schwachen Erdengeschlechte nachstellet.Eben, m. Z., weil wir schwach sind, weil esder Mensch fühlet, und zu bald fühlet, wie we-nig Gutes er wirklich thun, ausrichten, wirkenkann: so will er doch gut scheinen. Stolz kann55 er nicht auf sich seyn, und wich also eitel. Erhat sich hundert Vorzüge von Flitterstvlz, vonschönem großen Schein, von Vorzügen erson-nen, die leicht sind, die andere Narren, die auchzu nichts Besserem kommen können, durch eine00 Art von Narreneinvertrag gelten lassen, undannehmen für das, was sie doch nicht sind!und so studirt man endlich auf solches Flitter-gold im Denken, im Empfinden, im Betragengar im Kleiden, in den Manieren, macht s^05 zur Puppe, und will, daß das ganze Menschen-geschlecht mit uns als Puppe spiele. We»uwir durch etwas von dieser kindischen Denkarabgebracht, und noch zu einer männlichen Den 'art gewöhnt werden können, so wäre der vorig