Jimiianuel Kant.
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in Freiheit und von einander abgesondert ihreAeste nach Wohlgefallen treiben, krüppelig, schiefund krumm wachsen. Alle Kultur und Kunst,welche die Menschheit zieret, die schönste ge-sellschaftliche Ordnung, sind Früchte der Unge-selligkeit, die durch sich selbst genöthigt wird,sich zu diszipliniren, und so, durch abgedrun-gene Kunst, die Keime der Natur vollständigzu entwickeln.
Sechster Satz.
Dieses Problem ist zugleich das schwerste,und das, welches von der Menschengattung amspätesten aufgelöset wird. Die Schwierigkeit,welche auch die bloße Idee dieser Aufgabe schonvor Augen legt, ist diese: der Mensch ist einThier, das, wenn es unter andern seiner Gat-tung lebt, einen Herrn nöthig hat; denn ermißbraucht gewiß seine Freiheit in Ansehunganderer Seinesgleichen; und, ob er gleich, alsvernünftiges Geschöpf, ein Gesetz wünscht, wel-ches der Freiheit Aller Schranken setze, so ver-leitet ihn doch seine selbstsüchtige thierische Nei-gung, wo er darf, sich selbst auszunehmen.Er bedarf also einen Herrn, der ihm den eige-nen Wille» breche, und ihn nöthige, einem all-gemein gültigen Willen, dabei jeder frei seynkann, zu gehorchen. Wo nimmt er aber die-sen Herrn her? Nirgend anders als aus derMenschengaltung. Aber dieser ist eben sowohlein Thier, das einen Herrn nöthig hat. Ermag es also anfangen, wie er will, so ist nichtabzusehen, wie er sich ein Oberhaupt der öffent-lichen Gerechtigkeit verschaffen könne, das selbstgerecht sey; er mag dieses nun in einer ein-zelnen Person, oder in einer Gesellschaft vielerdazu auserlesenen Personen suchen. Denn jederderselben wird immer seine Freiheit mißbrau-chen , wenn er keinen über sich hat, der nachden Gesetzen über ihn Gewalt ausübt. Dashöchste Oberhaupt soll aber gerecht für sichselbst, und doch ein Mensch sein. Diese Auf-gabe ist daher die schwerste unter allen; ja ihrevollkommene Auflösung ist unmöglich: aus sokrummem Holze, als woraus der Mensch ge-macht ist, kann nichts ganz gerades gezimmertwerden. Nur die Annäherung zu dieser Ideeist uns von der Natur auferlegt.') Daß sie auchdiejenige sey, welche am spätesten ins Weck ge-richtet wird, folgt überdies auch daraus, daßhierzu richtige Begriffe von der Natur einermöglichen Verfassung, große durch viele Welt-läufe geübte Erfahrenheit, und, über das alles,ein zur Annehmung derselben vorbereiteter guterWille erfordert wird; drei solche Stücke abersich sehr schwer, und, wenn es geschieht, nursehr spät, nach viele» vergeblichen Versuchen,einmal zusammen finden können.
Siebenter Satz.
Das Problem der Errichtung einer voll-kommnen bürgerlichen Verfassung ist von dem
Problem eines gesetzmäßigen äußern Staaten-verhältniffes abhängig, und kann ohne das letz-tere nicht aufgelöset werden. Was hilfrs, aneiner gesetzmäßigen bürgerlichen Verfassung un-5 ter einzelnen Menschen, d. i. an der Anordnungeines gemeinen Wesens, zu arbeiten? DieselbeUngeselligkeit, welche die Menschen hierzu nö-thigte, ist wieder die Ursache, daß ein jedes Ge-meinwesen in äußerem Verhältnisse, d. i. als10 ein Staat in Beziehung auf Staaten, in un-gebundener Freiheit steht, und folglich einer vondem andern eben die Uebel erwarten muß, diedie einzelnen Menschen drückten und sie zwan-gen, in einen gesetzmäßigen bürgerlichen Zustand15 zu treten. Die Natur hat also die Unvcrtrag-samkeit der Menschen, selbst der große» Gesell-schaften und Staatskörper dieser Art Geschöpfe,wieder zu einem Mittel gebraucht, um in demunvermeidlichen Antagonism derselben einen20 Zustand der Ruhe und Sicherheit auszufinden,d. i. sie treibt, durch die Kriege, durch dieüberspannte und niemals nachlassende Aurü-stung zu denselben, durch die Roth, die dadurchendlich ein jeder Staat, selbst mitten im Frie-25 den, innerlich fühlen muß, zu anfänglich un-vollkommenen Versuchen, endlich aber, nach vie-len Verwüstungen, Umkippungen, und selbstdurchgängiger innerer Erschöpfung ihrer Kräfte,zu dem, was ihnen die Vernunft auch ohne so30 viele traurige Erfahrung hätte sagen können,nämlich: aus dem gesetzlosen Zustande der Wil-den hinaus zu gehen, und in einen Völkerbundzu treten, .wo jeder, auch der kleinste Staat,seine Sicherheit und Rechte, nicht von eigener35 Macht, oder eigener rechtliche» Beurtheilung,sondern allein von diesem großen Völkerbünde,von einer vereinigten Macht, und von der Ent-.scheidung nach Gesetzen des vereinigten Willens,erwarten könnte. So schwärmerisch diese Idee40 auch zu sein scheint, und als eine solche an ei-nem Abbv von St. Pierre oder Rousseau ver-lacht worden (vielleicht, weil sie solche in derAusführung zu nahe glaubten), so ist es dochder unvermeidliche Ausgang der Noth, worein45 sich Menschen einander versetzen, die die Staa-ten zu eben der Entschließung (so schwer esihnen auch eingeht) zwingen muß, wozu derwilde Mensch eben so ungern gezwungen ward,nämlich: seine brutale Freiheit aufzugeben, und50 in einer gesetzmäßigen Verfassung Ruhe undSicherheit zu suchen. — Alle Kriege sind dem-nach so viele Versuche (zwar nicht in der Absichtder Menschen, aber doch in der Absicht derNatur), neue Verhältnisse der Staaten zu55 Stande zu bringen, und durch Zerstörung,wenigstens Zerstückelung aller, neue Körper zubilden, die sich aber wieder, entweder i» sichselbst oder neben einander, nicht erhalten kön-nen, und daher neue ähnliche Revolutionen cr-00 leiden müssen, bis endlich einmal, theils durchdie bestmögliche Anordnung der bürgerlichenVerfassung innerlich, theils durch eine gemcin-
1) Die Rolle des Mensche» ist also sehr künstlich. Wie es mit den Einwohnern anderer Planeten und ihrerNatur beschaffen sey, wissen wir nicht; wenn wir aber diesen Auftrag der Natur gut ausrichten, so könne» wirUns wohl schmeicheln, daß wir unter unsern Nachbarn im Weltgebäude eine» nicht geringen Rang behaupten dür-ft». Vielleicht mag bei diesen ein jedes Individuum seine Bestimmung in seinen, Leben völlig erreichen. Bei uns'ff es anders; nur die Gattung kann dieses hoffen.